Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „bi* # Welt" Nr. 21 „Und," setzte der alte Mann hinzu, „er möge ihm den Herrn Erzengel Gabriel schönstens grüssen lassen, der am Tore des jüdischen Himmels die Wache hält." Moische wanderte den Pfad entlang, geradewegs zum jüdischen Himmel, immer rechts sich haltend, denn von der linken Seite stiegen verräterische Gluten empor und oft musste er innehalten, weil die Hitze ihm den Atem benahm. Dann wendete er sich nach rechts und kühlte die heisse Stirn in der dunklen Hagelwolke. In der Neigung nach Kühlung musste er wohl vom Wege abgekommen sein, er befand sieh auf einmal in einer Gegend, die anders aussah, als die vom alten Mohammedaner geschilderte. Kos ige Wolken wurden hin und her geschoben, leuchtende Flocken glühten in herrlichen Farben, ein Spiel von purpurnen, violetten und goldenen Strahlen umgaukelte seine Augen; als er fähig war, diese Farben akkorde zu durchdringen, da stand er vor dem Regenbogen, dort, wo dieser mit seiner linken Ecke im Himmel wurzelt. Der gleisste, glitzerte und schimmerte in feurigen Linien und war viel viel schöner, als man dies auf der Erde sehen kann. Er ging durch den Bogen und kam jpi ein verschlossenes Tor. Dort klopfte er an. Alles blieb still. Er sah den Knopf eines Gloekenzuges und läutete, worauf ein Mann, in braunem Anzug herauskam. Es war ein stattlicher Herr mit kurzem, schwarzem Haar und krausem Bart, das Gesicht derb, die Augen gutmütig, die Nase etwas gestülpt. Auf dem Haupte sass ihm ein ganz kleiner Heiligenschein. „Eije,"' dachte Moischele, „jetzt ist's gefehlt. Das scheint ja der heilige Petrus zu sein, ganz genau, wie er zu Hause vor der Kirche steht." Da war er also in den christlichen 1 [iniinel gekommen. Der Empfang war gerade nicht besonders ermutigend freundlich. Der heilige Herr brummte so vor sich hin, dass nia auch nie sei Rua hätt und dass alle Augenblick wer anläuten rät. Schliesslich frug er doch, was der Kleine von ilim wollte? Moische blickte auf und fasste sich ein Herz. Da der Zufall ihn schon einmal in den. christlichen Himmel geführt hatte, wollte er die Gelegenheit beim Schopf ergreifen, und er begann, dem heiligen Petrus über die antisemitischen Lehrbuben in Wien zu klagen, die ihn seines Namens wegen beschimpften und prügelten, ganz besonders über den Rudolf Fiebinger beklagte er sich bitter. Das Gesicht des heiligen Herrn sah gar nicht mehr lustig aus. Fr zog seine "Dose aus der Tasche und schnupfte kräftig, wie, um seinen Groll zu meistern. „Ja, ja," seufzte er auf, „eine Gesellschaft übereinander, die Antisemiten. Zuerst hab" ich keinen hereinlassen in Himmel, aber nachher habifs so fromm getan, dass ich mir halt nimmer hab helfen können. Aber jetzt, wo sie herinnen sind, machen sie einem auch das Leben sauer. Vorige Wochen schicken sie mir eine Deputation, sie wollen nicht mit die getauften Juden zusammenbleiben. Also schön, sag ich zu der Deputation, da wer n mer uns halt so ein himmlisches Ghetto einrichten, aber das sag ich euch gleich, da geh ich mit die ganzen Herrn Aposteln dort hinein, denn mir san ja eigentlich auch geborene Juden." Moische hörte voll Feberraschung staunend zu. Der Apostel fuhr fort: „Ich schäme mich nur vor dem Herrn Erzengel Gabriel. Febermorgen haben wir zusammen Inspektion in der Hölle, die ist nämlich für alle Religionen gemeinschaftlich, weil ja die Haderlumpen überall gleich sind. Na und bei der Inspektion da wird immer so hin und her diskutiert. Das letztemal hat mir der Herr Erzengel erzählt, dass der Herr Moses mir die Schuld gibt, weil es die .Juden unter den. Christen so schlecht hätten. Na und vor dem Herrn Moses habe ich einen Riesenrespekt. Dem verdanken wir doch die zehn Gebote, die Bibel, die Grundlage unserer Religion. Aber meiner Seel, ich kann nichts dafür, ich verabscheue den Antisemitismus und mein Nachfolger in Rom, Seine Heiligkeit der Papst, mag ihn auch nicht. Aber, meinst, es hilft was?" Er wartete nicht erst Moisches Antwort ab, unterbrach seine Rede, steckte seine Dose in die Tasche und erklärte dem Knaben denWeg in den jüdischen Himmel. Hoch, sehr hoch musste er noch steigen. Der Pfad sei sehr mühsam und steil, auf felsigen Wolken, zwischen Schluchten und Klippen, immer dicht an der Hölle vorbei. „Meinen untertänigsten Gruss an den grossen Rabbi Moische," rief er noch dem davonschreitenden Jungen nach. Moische zog schweren Herzens davon. Die Gedanken kamen und enteilten, ehe er sich selbst klar zu werden vermochte, was er eigentlich von dem grossen Rabbi Moische verlangen werde. Die seltsame Verehrung, die der jüdische Gesetzgeber hier in den Himmeln genoss, hatte ihn ganz aus dem Konzept gebracht. Er konnte aber auch keinen festen Gedanken fassen, weil ihn das Anfwärtssteigen vollkommen in Anspruch nahm. Er bewegte sich nur mühsam vorwärts. Sengende Hitze flog über ihn, so dass der Schweiss aus allen seinen Poren brach. Erst wusste er nicht, woher die Hitze1 kam. Er merkte aber bald, dass kleine Teufelchen aus dem Höllental aufstiegen und ihm feurige Pfeile an den Kopf warfen. Da wurde ihm angst und bange, er schrie wild auf, aber es half nichts, immer zahlreicher kamen die kleinen Däinone, immer dichter sassen die Pfeile, zwei Teufelchen besonders schreckten ihn am meisten, das eine sah aus wie1 der Schankknecht vom „ABC", das andere hatte Fiebingers Züge. Da erinnerte er sich in seiner peinigenden Herzensnot des Sprüchleins, das er vor dem Schlafengehen hersagen musste, damit ihn die bösen Geister nachts nicht belästigten. „Zu meiner Rechten Gabriel, zu meiner Linken Uriel, zu meinen Füssen Michael, zu meinen Häupten die Sehechina Gottes." Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da verschwanden die kleinen Dämone. Seine Stirne umfächelte linde Kühlung und er stand am offenen Tore des jüdischen Himmels. .Vis er sich dem Herrn Erzengel Gabriel gegenüber sah, da entfiel ihm der Mut. Der schaute so ernst, so unendlich streng drein und das Schwert in seiner Rechten glühte und flammte recht unheimlich, so dass er fast die Lust verlor, die farbensprühenden Paradiesvögel zu beobachten, die auf den Palmen und Ethrogbäumen sassen, und um die blühenden Myrtensträucher flatterten. „Was ist dein Begehr?" fragte düster der Erzengel. .Moische erzählte von seinem Leid mit steigender Sicherheit. Von seiner Heimat, den Eltern und vom schweren Martyrium, das ihm sein Name gebracht habe. Und nun wolle er sieh beim grossen Gesetzgeber, bei Rabbi Moische, persönlich beschweren. Ja. bei ihm, denn eigentlich sei er doch an allem Unheil Schuld, denn warum hatte er sich einen so lächerlichen Namen gewählt? Das Gesicht des Erzengels wurde bei dieser Erzählung immer ernster, bis es düster und schmerzhaft bewegt erschien. Tiefes Leiden sprach aus seiner Stimme, als er den Knaben unterbrach. „So sag doch endlich, was du hier im Himmel willst, mit welchem Verlangen du zu unserm. grossen Lehrer kommst." Moische hatte plötzlich Bedenken, er zögerte eine Weile, sei* Begehren schien doch einigermassen unbescheiden. Aber schliesslich dachte er, was tut's, wir sind ja unter uns Juden. „Ja also, ich tät schön bitten, wenn Rabbi Moische seinen Namen verändern und sich Moriz nennen würde, dann Messe ich doch auch Moriz und ich hätte vor den Lehrbuben meine Ruh." Die Wirkung dieser Worte war eine ganz furchtbare. Der Erzengel hob sein feuriges Schwert und berührte des