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Die Welt · 1904-05-20 · 21 (20.5.1904) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 16 „bie & w^it11 Nr. 21 „Kommst du nicht mir helfen? Ich schneide schon das zweite Dutzend aus.44 Mit diesen Worten tritt sie in mein Zimmer und nimmt mich sanft an der Hand. Und ich folge ihr ins Licht und weiss noch immer nicht, was sie mit dem zweiten Dutzend meint. Aber jetzt hab' ich sie. Die weissen Papierstreifen und Schnitzel, die am Tische liegen, und die vielen geflochtenen Gebilde aus Papier rufen es mir in Erinnerung. Hab' ich doch selbst gestern meine Schwester auf diese Idee gebracht, Papier-Röselein zu machen, urn die Fenster für Schebuot zu schmücken. „Was ist das, Schebuot?44 hatte sie -da mit der unschuldigsten Stimme gefragt. Die Antwort versprach ich ihr zu geben, wenn sie mit mir in den Wald ginge, Reisig zu lesen, Blätter und Zweige zu sammeln und grüne Kränze zu winden. Das sollte übermorgen geschehen. Heute unterwies ich sie nur noch ein wenig im Papierschneiden und sah befriedigt, dass meine Fingerzeige nicht vergebens waren. Dann zog ich mich zurück. Ein unüberwindlicher Drang zu träumen trieb mich wieder in meine Stube, die mir jetzt trotz der Dunkelheit heimlich und traulich erschien. Ich wollte helle Träume spinnen. Denn nun wusste ich es: hell würden meine Träume sein, da sie meine Schwester, das Kind, wachgerufen hatte, hell müssten sie sein, da sie sich an ein helles Wort knüpfen, an das Wörtchen: Schebuot. Was liegt nicht alles für mich in diesen paar Silben! — Lang' ist's her .... Es war ein wundervoller, heisser Maientag, der schon die Fülle des Sommers ahnen liess. Grossvater führte mich an der Hand über die schmale Brücke unseres Städtchens, an ein schattiges Uferplätzchen, wo auf dem Rasen unter den Weiden einige junge Männer kauerten. Wir gesellten uns zu ihnen und blickten unter die Brücke, wo einige nackte Gestalten aus dem Wasser wie Marmor leuchteten und sich ab und zu im grünen Schilf verloren, urn dann schwimmend und jauchzend zum Vorschein zu kommen, als wären sie die glücklichsten, schätzebeladenen Taucher. Und wirklich hoben sie jedesmal ein Büschel Schilf aus der Tiefe und warfen es in weitem Bogen auf den Ranft des Flusses. „Nun wirst auch du das Grüne für Schebuot holen,4' sagte zu mir der Grossvaten „Ich kann doch nicht schwimmen,44 wagte ich einzuwenden. „ So wirst du es lernen. Ein Bub' von neun Jahren sollt' schon schwimmen können.4' Nach einer Weile waren wir beide im kühlen Wasser. Grossvater war ein rüstiger Mann, nahe der Fünfzig, abgehärtet und ein vorzüglicher Schwimmer. Meine erste Schwimmstunde war nicht die angenehmste meines Lebens. Wie ein Fischlein plätscherte ich zwar munter an der Oberfläche, so lange ich über Grossvaters Arm gespannt lag, aber wie eine Bleikugel sank ich hinab, wenn Grossyater seinen Arm hinwegzog. Und er tat es oft. „Du musst schwimmen,44 schmunzelte er, „du musst nach dem Grün mit eigenen Händen und Kräften langen.44 Damals grollte ich Grossvater im Stillen — heute begreife ich den Sinn dieser Worte. Denn wie freute mich nachher das Bündel Schilf, das ich wie ein Sieger nach Haus trug und wie wohl tat es mir, so mit eigenen Händen die langen Halme und Stengel auf den Pfad vor dem Tor zu streuen, als sollte da einer kommen, dem man Hosianna entgegenjauchzen möchte... » * > Er naht mit leuchtenden Augen und will in unseren Herzen lesen. Unsere Herzen tragen Blumen, die sich der Sonne öffnen. Wo sind sie? . . . Sieh! An die Scheiben schmiegen sie sich, wie Lippen--- Auch die Blumen waren mein Stolz. Ich selbst hatte sie mit Grossvaters Schere so kunstvoll aus weissem Papier geschnitten * . * Weisses Papier, ein unbeschriebenes Blatt — das ist des Kindes Herz. 0, wenn ihr darin zu schreiben verstündet, die ihr die Kleinen leitet! . . « Mein Grossvater hat es verstanden, und nie vergesse ich seine Worte, die er am Pfingsttag wie weiches Salböl in meine Seele goss. Das waren nicht Worte. Bilder waren es, flammende Bilder . . . Den Horeb sah ich. und den Sinai und einen leuchtenden Mann, dem man Hosianna entgegenjauchzen möchte. Auf Dornen waren seine Füsse geschritten, und dennoch war kein Zucken in seinem Antlitz. Und klar und selig wurde mein Herz und neigte sich dem Nahenden und zitterte vor Verlangen5 Ihm den Weg zu lindern, jeden Dorn von Seinem Pfad zu nehmen und weiches Grün, wie Palmenblätter, Ihm zu Füssen zu streuen, dass er leicht und weich in unser Haus trete . . . Denn drinnen war noch dunkel Wenn aber Sein Auge hineinleuchtete, dann ward es, wie wenn Sonnengold sich in graues Spinngewebe verfängt . . . Das graue Netz löst sich in Strahlen auf, das Netz unseres Dunkels zerreisst. Und die Hoffnung leuchtet . . . Er wird noch einmal kommen. Und wieder wird Seine Stimme sein wie sie war, als Er die Worte sprach: „Wenn die Sic hei anhebt in der Saat, sollst du feiern ein Fest dem Ewigen, deinem Gotte, eine Darbringung der freiwilligen Gabe deiner Hand ... Und freue dich vor dem Ewigen, du und dein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und der Fremdling und die Waise und die Witwe, an dem Orte, den erwählen wird der Ewige, daselbst Seinen Namen thronen zu lassen . . .44 Grossvater war ein frommer Mann. Er führte eine verzückte Sprache, wenn er von Meschiach träumte. Er glaubte heilig daran, dass Einer kommen werde, das jüdische Volk aus dem Gclus zu befreien und es ins alte Vaterland zurückzuführen. Er glaubte daran, dass das Volk auf dem heiligen Boden seinen Tempel wieder aufbauen werde, um darin die Erstlinge der Saat von den eigenen Feldern Gott darzubringen und ein helles Schebuotfest zu feiern . . . Diesen Glauben hinterliess er mir. Es ist mein teuerstes Erbe. Aber Grossvaters Worte: „Du musst nach dem Grün mit eigenen Händen und Kräften langen,44 Hessen mich einen Schritt weiter gehen. Es war der Weg zu dem Zionismus, der eben sein erstes Werben hielt und die helle Losung zur Selbsthilfe gab . . „ So habe ich mein Erbe vermehrt — — Ich glaube . . . Mein tiefer Glaube ist es, der mir das Dunkel hellt und Trost und Traum mir bringt. Meiner Seele gibt er Schwungkraft wieder, dass sie ihre jungen Schwingen regt und über Nacht und Nebel emporschwebt . . . Und meiner Tagesmühe wird sie Freude und Früchte leihen---- Morgen will ich wie ein Kind in den Wald gehen und meiner Schwester vom Zauber des nahenden Schebuot er* zählen, der die Schwermut von mir wie eine Mutterhand genommen. Ein froher Frühlingsmorgen wird es sein — wir werden grüne Kränze winden, um unser Haus zu schmücken. Zarte Blumen werden sich an die Scheiben schmiegen, wie Lippen. Und weihevoll werden wir die langen Halme, wie Palmblätter» auf den Pfad vor dem Tor streuen, als sollte da Einer kommen, dem man Hosianna entgegenjauchzen möchte ... Briefkasten. E. H. Hamburg: Wollen Sie sich an die Redaktion von „Altneuland" wenden. Dr. S. Soskin, Berlin, W. 50. Regensburgerstrasse 20. Hr. 6. G. C, Hamburg: Besten Dank. Fröhliche Feiertage. W. Achwali, Rymanow : An die Nationalfonds-Kommission geleitet. M. H., Kolomea; Wurde der Nationalfonds-Kommission übergeben.

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