Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 „bi* £ Welt" Seite 13 Ansehen genoss und nicht nur von den Juden, sondern auch von vielen andern Völkern verehrt wurde. Das beruhigte ihn einigermassen. Aber als Schimpf wollte er sich seinen Namen doch nicht nachwerfen lassen. Es war etwas merkwürdig Resolutes in den Jungen gefahren. Das kurz geschorene Haar lies-s den kleinen., braunen Kopf mit den blitzenden x\ugen ganz frei. Die Gestalt hob sich. Die iVrme wurden kräftiger und selbst in dem Arbeiterhemd und Schurz sah er nett und gewinnend aus. Er nahm auch an Kräften zu. Rief ihn hie und da jemand in der Werkstatt: „Moischele", da hob er die Fäuste und schrie: „I lass mi net schimpfen," denn auch den Wiener Dialekt hatte er sich ein wenig angewöhnt. Nur in der Gewerbeschule stand die Sache schlimm. Ja, sie wurde immer ärger, je kräftiger er sich wehrte. Denn nun wurde es eine Ehrensache der ganzen Klasse, den Juden unter zu bekommen. Am hässlichsten benahm sich ein Junge namens Fiebinger gegen ihn, ein Lehrbub von seines Meisters Konkurrenten. Immer wieder flog ihm das „Moische" oder „Moischele" höhnend an die Ohren, sobald die Schule zu Ende war. Er wehrte sich und warf manchen in den Kot. Aber stets musste er zerstossen und zersclmnden der TJebermacht weichen und, was das Schlimmste war, die Buben liefen ihm bis in seine Gasse nach, schrien zum Gaudium des Schaukknechtes vom „ABC" immer wieder: „Moischele, Moischele, Moischele!" Einstens nahm er sich vor, entschiedenen Widerstand zu leisten. Er blieb vor der Schule stehen und rührte sich nicht, als die Buben ihn zu hetzen begannen. Die Horde umschwärmte ihn und schimpfte, er aber Hess sie ruhig gewähren, nur wer ihn berührte, büsste mit einem Faustschlag. Da er mit dem Rücken an die Wand gelehnt stand, konnten ihm die Einzelnen nicht viel anhaben. Sie drängten daher in dichter Masse um ihn, so dass er die Arme nicht heben konnte und dann — wer es getan hatte, war nie heraus zu bekommen, er meinte, es sei der Fiebinger gewesen — kurz es schlug ihn ein Junge mit seinem schweren Pack Schulgerät, dem Reissbrett samt den Büchern, auf den Kopf, dass er, wie von einer Axt getroffen, zu Boden sank. Im ersten Augenblick fühlte er heftige Schmerzen, es war ihm, als sprühten seine Augen Funken, dann legte es sich wie ein glühender Reif um seine Stirn. Er stöhnte auf vor Schmerz. Nach und nach kam ein wohliges, leichteres Gefühl über ihn. Er hob erst seinen Kopf, dann den ganzen Körper, dann war es ihm, als werde er fortbewegt. Und merkwürdig, der dunkle Abend war einer seltsamen Helligkeit gewichen. Es schwirrte feierlich in den Lüften. Ei, ei, wie seltsam, nein, wirklich und wahrhaftig, leibhaftige Engel mit Flügeln an den Schultern, stiegen zur Erde nieder. Sie hoben ihn und trugen ihn eine Weile. Er meinte zu sehen, dass der eine Engel einen Schnurrbart hatte, der andere ein blitzendes Augenglas trug und doch bei all dem, es waren Engel mit langen Flügeln. Ein schriller Pfiff ertönte und eins, zwei flogen sie davon. Wie das eigentlich geschah, das verstand er nicht. Aber er flog und flog immer höher, bei kleinen Sternen vorbei, die ihm jede Weile, das Dunkle unterbrechend, in die Augen schienen, bis er an eine strahlende, mächtig helle Stelle kam. Er fühlte, dass die Engel ihn sachte hoben und zu recht legten, aber er vermochte nicht zu erkennen, wo. er sich befand. Das Licht schmerzte ihn so sehr, dass er die Augen vorerst nicht öffnen konnte. Er blinzelte immerzu, dann, als er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, begann er auszuschauen und siehe da, er blickte unter sich in die Tiefe. Ei, ei, da lag die ganze Erde weit unter ihm, schön blau mit silbernen Rändern, und er? Ha, ha, es ist gar nicht zu sagen, er sass auf dem Mond, gerade auf dem Kipferl, wo es sieh nach vorne biegt. Es war nämlich gerade Neumond und die Sichel sehr schmal, er lehnte mit dem Rücken in der Rundung und schlenkerte mit den Beinen. IIa, ha, lachte er laut, wenn Wenzel mich jetzt da sehen könnte, der täte sich wundern. Und wieder musste er laut auflachen. Da hörte er Stimmen, fühlte eine Hand auf seinen Schultern, so dass er erschreckt auffuhr. Bei. dieser Bewegung liess er seinen festen Halt los und — o Sehreck — er fiel, fiel vom Mond herunter. Entsetzt aufschreiend, bewegte er in seiner Todesangst die Arme au Ii und nieder und siehe da, er fiel nicht tiefer, ja es ist ganz sonderbar, aus den Schultern wuchsen ihm ein Paar Flügel nud wie er die Arme bewegte, flatterten die Flügel, so dass er sich in der Luft erhalten konnte. Er flog und flog und bewegte sich so frei, dass er am liebsten gejubelt und gejauchzt hätte. Er zog über die Milchstrasse, in der die kleinen Sterne wie die Brocken, in der Buttermilch schwimmen und endlich, endlich, die Schultern schmerzten ihn schon vom vielen Fliegen, fassto er festen Fuss. Da ^iel es ihm ein, dass er doch, nicht gar zu weit vom Himmel sein könnte und weil sich die Gel.egejih.eit schickte, wollte er auch einmal mit Moiselie Rabbenu, seinem grossen Namensvetter, ein ernstes Wörth!in reden. Er blickte um sich, sah aber nichts Besonderes, dann, wie aus der Erde getaucht, stand vor ihm ein eigenartiges Gebäude, Avie er es wohl ähnlich nie gesellen hatte. Als er genauer hinschaute, sah er vergoldete Kuppeln, Bogen und kleine Säulen und da schien es ihm, als hätte der Bau Aohnliehkeit mit der türkischen Synagoge in der Zirkusgasse. Nur dass alles viel kostbarer und herrlicher war, Wände und Kuppeln voll Gold, Silber und edlem Gestein und das Gitter aus Sehildkröt. Er klopfte an die elfenbeinerne Türe, worauf ein alter Herr mit langem, weissem Barte herauskam, eine chrfurehtgebietende, vornehme Gestalt in langem, braunem Scidengewande, gelben Beinkleidern und einem weissen 'Turban auf dem Kopfe, in der Linken hielt er eine hinge Tabakspfeife. Moischele war sehr couragiert und fragte ohne Zögern, ob hier der Himmel sei. Der alte Herr entgegnete freundlich: „Jawohl, der Himmel wäre es sehen, die mohammedanische Abteilung nämlich, ob er da herein "wolle." Das käme darauf an, ob der grosse Kabbi Moiselie sieh hier befände. „Welcher Kabbi Moiselie?" ^Nim, der grosse Gesetzgeber der Juden." Der alte vornehme Mohammedaner mit dem langen, weissen Barte knickte form lieh zusammen, als er diesen .Namen hörte. „Ah, Euer Gnaden meinen Nabbi Mussa, den grossen Propheten, unsern. Fürsprech bei AU all — und was will Euere Gnaden bei diesem grossem Geiste?*' „Ich habe eine private Angelegenheit mit ihm zu besprechen/"' Der Greis verbeugte sich tief vor dem Knaben, der mit dem grossen Nabbi Mussa private Angelegenheiten zu besprechen, hätte. Moiselie wurde zutraulicher. „Wissen Sie, ich heisse nämlich auch. Moiselie und'' — — — da verbeugte sieh der Greis nochmals — „ach, Moiselie, welch' edler Name" und demütig setzte er fort, „da müssen Eure Herrlichkeit sieh, schon bemühen und in den jüdischen Himmel gehen." Wo dieser sieh befinde, frug Moischele. Der alte Mohammedaner ging mit ihm vor das Tor und wies ihm den Weg. Der schmale felsige Pfad zog sich hoch oben neben der dunklen, festen Wolke hin, wo der Hagel aufbewahrt werde. Und zwar müsste er sich immer rechts halten, denn links unten im Tale Hinom flackerte die Hölle und er möge ja achtgeben, dort nicht hinunter zu fallen, weil sonst seine schönen Flügel unbarmherzig versengt würden.