Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „bis * W^It Nr. 21 Moischele. I) i e G ii s c Ii i c Ii t e ei n es Wiener Le Ii r b n b o n.*) Von H. York-Steiner. M o i s e Ii c Sil b (; r g r ü n war ein dreifach belastetes ^\1 cvnsclu iil<ind; erstens war er ein Wiener Lehrbub, zweitens zweitens gehörte er dein Judentum an und endlieh hatio er einen 'ganz entsetzlichen Namen, er hiess Moischele. Eigentlich stand in seinen Papieren Moische, Moische Silbergrün, aber sie nairnien ihn alle Moischele, auch Mauschel. Zu Hause Latte ihn dieser Name weiter nicht gestört, Moischele, das ist doch. Klein-Moische. Er hiess nach dem grossen jüdischen Volksführer, der von Gott, vom einigen und einzigen Gotte auf dem Berge Sinai die zehn Gebote erhalten hat. Er war ein. Namensvetter desselben Moische Eabhenu, der die Juden aus Aegypten trockenen Fusscs durch das Bote Meer geführt hatte. Er kannte den Siegessang des grossen Heroen auswendig, den dieser nach dem Hniergang Pharaos in den Fluten der See angestimmt hatte. End. an jenem Sabbntmorgeri, wenn dieser Abschnitt der Bibel in der Schul zur Verlosung kommen sollte, tätschelte ihm sein, Vater die Wangen und sagte, „so, mein lieber Moische, heute wollen wir dein Eied singen". End Moischele war stolz auf seinen Namen. Seine Mutter rief ihn immer mit dein Diminutiv „Moischele". Es ist kaum zu sagen, welche zärtliche Betonung sie in diese drei Silben legte. Wie süss und lieb dieser Na nie von ihren Lippen floss. Und nun in Wien. Der arme Junge wnsstc gar nicht, was eigentlich mit seinem Namen geschehen war. Er brauchte nur zu. sagen, wie er heisse und alle Leute lachten, ja die meisten höhnten ihn sogar. Er war zu einem Drechsler in die Lehre gekommen. Als er zum orstenmale in die Werkstätte trat, frug ihn der Meister nach seinem Namen. „"Moische" rief er laut. Er müsste doch auch einen andern Namen haben, man könne ihn doch nicht Moische rufen. .Das ginge in. einer anständigen. Wiener Werkstätte nicht. Er überlegte eine Weile und erinnerte sich, dass er tatsächlich noch einen. Namen habe, M o i s c Ii e 1 e. Nun gab es kein Halten mehr. Die Arbeiter pusteten und lachten und Wenzel Naprstek, der böhmische Lehrbub, rief sehr belustigt: „Aber das ise doch keine anständige Nam nicht." Kurz entschlossen verbesserte der Meister die Unterlassungssünde von Moischcs Eltern, die es vergessen hatten, ihm auch einen deutschen Namen in das Geburtsregister eintragen zu lassen und dekretierte, dass er von nun an „Moriz" zn heissen habe. Das war vom Meister sehr brav gemeint und so weit ganz in der Ordnung. Nun soll es aber ganz ausserordentlich schwor sein, wenn man 14 Jahre lang mit einem ganz best i mm ton. Namen genannt wurde, sich an einen andern zu gewöhnen. Kein Wunder, dass Moische sich nicht rührte, wenn man ihn „Moriz" rief. Die lustige Szene der Namensgebung war auch noch nicht vergessen und so geschah es denn, dass er immer wieder zum Gaudium der ganzen Werkstätte „Moische" gerufen wurde. Während die andern dabei laeilten, hätte der arme Junge am liebsten geweint. Nach und nach fand er, dass die Leute nicht so ganz unrecht hätten, seinen Namen komisch zu finden. Es war ein seltsamer, ja ein unangenehmer Name. Das fühlte er besonders beim Kauf des Gabelfrühstücks im Gasthaus zum ..ABC", denn beim Wirt, beim Greisler und beim Fleischselcher war sein wirklicher Name bald bekannt geworden; und wenn ihn der Schaukbursche frug: „Na, was kriegn ma den heit, Moischele:1" dann schauten sich alle Gäste lachend nach ihm um. Gelegentlich fragt-e auch einer: „Wo habus denn den auslassen?"' „Aus Polen ist er," ent- *) Geschrieben für die am 15. Mai abgehaltene Akademie der .Jüdischen jugendlichen Arbeiter und riaudelsangestellten. gegnete der Sehankknecht. „A da schau, her, a Polnischer." Dann ging ein bösartiges Tuscheln und Zischeln durch die Setumkstube. Am schlimmsten wurde es mit dem bösen Namen in der Gewerbeschule, die er durch mehrere Abende in der Woche aufsuchen inusste. Schon beim ersten Verlesen der Namen, als der Herr Lehrer „Moische Silbergrün" rief, zog ein unheimliches Kannen und Flüstern durchs grosse Schulzininier. Der Knabe ahnte Böses und zögerte, sich zu melden. Das machte die Sache noch schlimmer. Der Lehrer las noch einmal: „Moische Silbergrün". Es wurde lautlos stille. Aller Augen blickten in der Kunde umher, um möglichst rasch, den Unglückseligen zu erspähen, der es Magie, mit einem solchen Namen in eine Wiener Gewerbeschule zu. kommen. Wenzel Naprstek schob den kleinen Genossen in die Höhe. „Na, stehst denn nicht auf, Moische?" Kaum waren diese Worte gefallen, da erhob sich ein Lachen, Schreien, Kreischen und Jolen, als sei ein vorsün deutliches Tier in Sicht gekommen. So eine erste Stunde in. der neuen Schule geht bald vorüber. Leider nur zu rasch. Moische beeilte sich, er wollte schnell davon gehen. Aber so hurtig er auch die Treppe hinabeilte, die andern Lehrjungen waren, geschwinder als er. Sie umschwärmten ihn, drängten um ihn, stiessen ihn, zogen ihn am Kock und höhnten ihn in jeder Weise. Als sie auf der Strasse angelangt waren, wollte Wenzel seinen "Werkstättegenossen schützen; aber da kam er schön an. „Ah, der Moische und der Wenzel," riefen sie. ,, Po vi del mit Knoblauch." Das sollte ihnen jedoch übel bekommen. Denn im selben Augenblicke trat ein derber, baumlanger Junge vor und schlag wild um sich. „Der Waleczek," riefen, die Schreier erschrocken. Waleczek legte seine Bücher zur Erde, hob seine abgearbeiteten Fäuste in die Höhe und rief: „Was ise mit Böhm, wer schimpft Powidl?" Eine Weile war es still, dann rumorte es umso wilder. „Was nimmt er si denn um den talkerten Judenbuben an, der Wenzel?" Dieses Argument leuchtete dem Waleczek ein. Er nahm seinen kleineren Landsmann beiseite und schrie Um an: „Was gehte de dich Jud an, dalkete Ena?" An diesem Abende lag der arme jüdische Lehrbub hinge wach in seinem armseligen Bette Kiid dachte über sich und sein, tragisches Schicksal nach. War es denn seine Schuld, dass er einen so ganz miserablen Namen bekommen hatte. Die Eltern hatten es gewiss gut gemeint. Sie sind eben ganz einfache Leute vom Lande, die keinen Begriff von der Welt haben, von der Aufgabe einer Wiener Werkstatt e, von der Würde der Gewerbeschule, von den Pflichten eines Wiener Lehrhuben. Ach wenn sie doch ahnten, welch eine schreckliche Mitgift fürs Leben so ein Name ist. Als er sein Elend überdachte, fing er laut zu schluchzen an. Wenzel, der neben ihm lag, verstand seinen Kummer, wusste aber auch keinen Bat. „Na ja, warum haste so dalkete, dumme Nam?" Das war alles, Avas er sagte. Von diesem Tage an hatte Moische seinen Kampf allein auszufechten, und er hielt sich ganz wacker. Vor allem übte er passiven Widerstand. Wer ihn in der Werkstätte bei seinem jüdischen Namen rief, für den rührte er sich nicht. Wer von ihm etwas haben wollte, musste ihn „Moriz" nennen. Dem Sehankknecht beim „ABC" sagte er, Avenn er ihn noch einmal „Moische" nenne, werde er gegenüber beim „Auge Gottes" das Bier holen. Dort nenne man ihn „Moriz", ja sogar „Herr Moriz". LTm jene Zeit war er auch eines Abends in die Toynbee-Ilallc gegangen, die nicht weit von seiner Werkstätte sich befand. Dort hatte ein jüdischer Schriftsteller, ein Doktor, einen Vortrag über Moses gehalten. Er hatte nur wenig davon verstanden, aber so viel war ihm klar, dass sein Namensvetter bei den gebildeten Leuten grosses