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Die Welt · 1904-05-20 · 21 (20.5.1904) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 21 „biC * W^lt" Seite 11 um und über zerfallene Säulen, und der Sieg der ewigstarken Natur über Menschenwerk hat sein Symbol gefunden. Noch viel ist da und nur noch eines soll erwähnt werden: Ein zwischen Birken aufsteigender Feldweg führt an Wald und Schlucht vorüber, all das angegleisst von der Sonne. Einen Moment scheint uns die scharfe Farbe des Bildes malerisch allzu kühn. Aber immer drängender meldet sich eine andere Empfindung nnd wir fühlen immer stärker: dass wir von Eichhorn die echte Sonnenstimmung wieder zurückbekommen, die er beim Werden des Bildes vom Himmel empfangen hat. Ueber das technische Wie seines Arbeitens hat die Jury Berufener mit häufigem Spruch jedes neue TJrteii überflüssig gemacht. Man ist entzückt darüber, wie plastisch und farbentreu er Brett und Mauer erscheinen lässt, wie licht und glühend seine Sonne strahlt und wie bei ihm die Lampe im Dämmer schimmert. Auf Ausstellungen übt er volle Wirkung nnd es gibt kaum eine von Bedeutung, die ihm nicht Preise bringt. Jetzt eben ist in der Wiener Ausstellung ein Kolossalgemälde, das eine Prozession darstellt. Es ist kein Wunder, dass es einstimmigen, rauschenden Beifall fand. Jeden Menschen darin machte Eichhorn zum Träger eines Gefühles und da schuf er aus seinem stärksten Können. Lazar-Krestin. Ein Wilnaer Zeichenschüler. Hat wie Eichhorn in Wien gelernt und zwar seinerseits hauptsächlich bei d'AUemande. Ein bewundernswerter Idealist. War nach einem Aufenthalt in München schon ein beliebter Maler der Bourgeoisie in Odessa, hielt aber sein Können für zu klein und ging dessentwegen wieder in die Grossstadt zurück. Handwerkerte hier, um zu leben und lebte, um zu künstlerischer Höhe zu klimmen. Ist auch als Künstler Jude in der letzten Faser. Aus seinen Werken spricht die Gedrücktheit, aber auch die Poesie des Ghettos. Tränkte früher alle seine Bilder in allen Details mit den dunkelsten Farben. Wählte als Vorwurf auch stets die entsprechend traurige Figur, den Ghettojuden. Gibt ihn einzeln und in Gruppen, in der Hantierung des Alltags und im Schimmer des Sabbats immer wieder her und ist durch ihn willkommener Gast auf Ausstellungen und ein sehr bekannter Mann geworden. Dazu half ihm nicht nur die technisch meisterhafte Wiedergabe eines malerisch dankbaren Modells mit bei .Krestin notorischer Gewissenhaftigkeit in der Ausführung, sondern sozusagen der dichterische Einschlag, der die berühmten Maler macht. Seine Köpfe geben etwas von der ehrwürdigen Heiligkeit des Schicksals wieder, das die Juden umwebt, etwas von ihrer Ausnahmsstellung auf der Höhe des Geistes und in der Tiefe des Unglücks. Auf diese Skala hat Krestin die meisten seiner Werke gestimmt und tiefe Wirkung erzielt. Da gibt's einen Juden mit dein Talmud und der sorgenvollen Miene eines Pfadfinders. Ein anderer hält die Thora und blickt heiter, wie der Besitzer eines Schatzes. Wunderschön sind auch seine Kompositionen: da sitzen zwei junge Boclierim über einem harten Stück Gemore und der eine, ein rechtes Spitzbubengesicht, doziert, während ihn sein dunkeläugiger, träumerisch weicher Partner bewundernd anschaut. In diesem Bilde lacht uns Falstaffsche Philosophie entgegen. Ein Sabbat-Xachmittag unter Ii ttaui sehen Jugen. zeigt uns deren vier, die mit Augen und Ohren an einer Nummer des Hamagid und ihrem Vorleser hängen, während im Hintergrund ein Liebespaar offenbar Avas Besseres zu tun hat, als Zeitung zu lesen. Als Schluss dieses Genres sahen wir (sehr viele Krestins sind in Privatbesitz) das Bild: Der Segen der Blinden. Das ist ein tiefergreifendes Kapitel menschlichen Elends: Die Grossmntter, die mit geschlossenen Augen ihre Hände ins Leere streckt, der Enkel schaut halb neugierig und halb furchtsam zu ihr empor, der Grossvater sitzt wehmütig lächelnd daneben. In all den Gesichtern auf diesen Bildern ist kein störender Strich, jede Kleinigkeit ist überall durchgearbeitet, wie sich denn bei Krestin Flciss mit Begabung gepaart hat. Das ist aus seinen Porträts ersichtlich, wie auch aus seinen Landschaften. Unter den letzteren haben wir neben grossangelegten, ansprechenden und treu gemachten Werken einige kleine Studien gesehen, die uns vor allem entzückt haben. Auch darin hat Krestin, der Maler seines inneren Ich, aus sich selbst geschöpft. Solche Wiesen macht nur einer, der jahrelang darüber gelaufen ist. Darin ein Bachlauf oder ein Tümpel und oben am Rain diese geflickten Scheuern, in denen die Bauern ihre Armut zu überwintern trachten. Krestin verwahrt sich gegen jedes Lob, der Ehrliche. Es steckt ihm zu wenig Arbeit darin, zu kurze Zeit war seine Seele darein versenkt, und doch ist diese Herb st Stimmung im Grase unübertrefflich und die Banernhütten unsagbar traurig. Wir möchten gerne das Publikum vor diesen Bildchen sehen. In der diesjährigen Ausstellung hat Krestin ein jüdisches Sujet ausgestellt. Ein Vater lehrt seinen Knaben beten. Das Kind steht zwischen seinen Knien voll Andacht und Eifer und er, in der vollen Rüstung des jüdischen Gottesstreiters, mit Talles und Tefillim, spricht ihm vor, warmempfimdene Warte gewiss, als Dank und Mahnung. Der Alte und der Junge sind meisterhaft ausgeführt und die Kritik lobt die Komposition im wärmsten Tone. Karl Josef P o 11 a k. In der Lebensauffassung nnd Technik seiner Kunst, weitab vom düsteren, vom Druck des Ghetto nicht emanzipierten Krestin. Musste die Wiener Akademie wegen Streitigkeiten mit Antisemiten verlassen und bildete sich in Prag uner dem berühmten Brozik weiter aus. Ist Spezialist in. Porträts und macht sie flott und lebendig* mit packender Xaturtrcue und brillant in der Farbe. Hat trotz seiner verhältnismässigen Jugend mehrere Preise davongetragen. Von seiner zeichnerischen Vergangenheit hat er ein starkes Können als Ornainentiker zurückbehalten und hat als solcher bei einigen Blättern gearbeitet. Hat aber dabei keineswegs grosse künstlerische Zwecke aus dem Auge gelassen und hat u. a. einen prachtvollen Fries in Privatbesitz abgegeben, der eine Allegorie des Tanzes darstellte und im Entwurf und den Details gleich packend wirkte. Ausser seinem künstlerisch allgemeinen Können hat er noch eine Fähigkeit, die ihm in der Stadt seines derzeititen Wirkens eine Ausnahnisstellung verschafft. Fr ist nämlich ein Meister der Karikatur. Wenn das Lachen wirklieh heilig ist, wie es ein Philosoph bezeichnet hat, so kann man Pollak als einen seiner ersten Priester bezeichnen. Er zeichnet einen Philister im Nachtcafe, der wahrscheinlich nur hineingegangen ist, um sich an. dum Laster zu entsetzen, einen solchen Ausdruck der geordneten Langweiligkeit an, dass man zur Heiterkeit gezwungen wird. Und rings um ihn sind mit ein paar genialen Strichen all die Typen des Wiener Nachtlebens sichtbar gemacht, oft nur im Hintergrund und vorschwindend^ aber in jedem Zuge köstlich. Ist ein gefüruhteter, weil unermüdlicher Genosse im Freundeskreise, weil er jeden Einzelnen in unzweifelhafter Aclmlichkeit in wahnsinnigen Verzerrungen dem öffentlichen Gelächter übergibt. Natürlich lassen ihn weder die Lorbeern der äusseren noch der inneren Politik ruhen und er verewigt sie sehr oft in den Zeitungen. Seine Signatur ist Carl Josef; als Pollak hat er zu viel Konkurrenz, als Karikaturist fast keine. Als Zeichner ragt er hervor and von seinen Talenten und seinem Können als Maler wurde sein Publikum oft schon mitgerissen und jedes neue Werk steht auf der Höhe J. TT p r i m n y. (Fortsetzung folgt.)

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