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Die Welt · 1904-05-20 · 21 (20.5.1904) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 „bi$ W^It Nr. 21 Die „Archives Israeli tos" vom 12. 1. M« bringen einen Leitartikel über die letzten Vorgänge in der zionistischen Partei. Das Interessante an dem Artikel ist nicht die Ansicht des Blattes über den Zionismus sondern die letzten Zeilen, welche die ganze innere Zerfahrenheit und Haltlosigkeit der französischen Judenschaft kennzeichnen. Der Leitartikler beklagt sich nämlich, dass sich die jüdischen Gemeinden in Frankreich in einem todähnlichen Schlaf befinden, dass sie aufgehört haben zu reagieren, ein Lebenszeichen von sich zu geben. Und dann sagt er: „Nun denn! Wir, die an der zionistischen Utopie uns nicht berauscht haben, wir wünschten, dass ein Funke der heiligen Flamme,die in den Herzen seiner unzähligen Getreuen lodert, unsere eingeschlagenen Gemeinden erreiche, um in ihnen aufs neue die traditionelle Flamme des jüdischen Gefühls zu entfachen! Und wir würden den Zionismus segnen, wenn durch seine wohltätige Berührung wovon wir so zahlreiche Beispiele haben, ein wenig von seiner Tätigkeit, vom heiligen Fieber, das in ihm brennt, allen „Kehiloth" Frankreichs mitgeteilt würde, damit sie sich bewegen können, damit sie sich überzeugen, dass sie noch leben und dass es noch genug schöne Taten zu vollbringen gibt zum Ruhme des Gottes von Israel, wenn sie nur wollten." peuilletoi). Bei Malern zu Gaste. Bei jüdischen Malern und in Wien. Aus diesem Abteil schöpferischer Kunst können wir Juden uns Freude holen. Weil hier von unserer Seite glänzend und stark mitgearbeitet wurde in der Wiedergabe des Schönen, diesem mächtigen Antrieb der Menschheit bei ihrem Gange nach aufwärts. Wir sagen das unter voller Beachtung des Entschlusses, durch keine Zutat ungebührliehen Lobes hohle Berühmtheit zu schaffen. Ehrliches Wollen und Können, verleihen bei der Mehrzahl ihren Inhabern und deren völkischer Gemeine wohlverdienten En f. Nicht wir alle können den Dank dafür abstatten. Aber es gibt Leute, die es bewirken können, dass der jüdische Maler, der mit seiner Kunst hoch oben bei der Sonne und dem Lichte wohnt, nicht allzu oft von der Sorge heruntergetrieben werde zur schmutzigen Erde. Geht zu euern Künstlern, Juden! Schaut erst, und könnt ihr dann euern Gefühlen nachgehen, desto besser. Ihr werdet von euern Augen leicht überredet werden. L e o B. E i e h h o r n. Hat es schwer gehabt, als ihn nach seiner ersten Jugend in gutem Lemberger Hanse auf der Wiener Schule plötzlich die Not überfiel. Bis die ersten Stipendien kamen und die erste Zeitungsnotiz und so weiter bis zur first class, dahin er heute zählt. Behielt aber bei aller Härte des Kampfes ein weiches Gemüt und einen innigen, stimmungsvollen Lebens ton. der sein ganzes Schaffen durchklingt. Geht in der Wirkung nicht nur auf den Sehnerv los. sondern auf das ganze Denkvennögen. Gleich bei in Eingang zum Beispiel steht ein lobensgrosses Porträt. Ich frage, Aver dieser Adelige ist, AVoher ich wüsste, dass das ein Adeliger sei? Mir war es unwillkürlich eingefallen beim Anblick dieser Mienen eines Entarteten durch Inzucht und üebermenschen durch lieber]ieferung. Es war wirklich ein Baron. Darin eben, im Ausdruck seiner Figuren, liegt Eichhorns Stärke. Er malt ihnen ihren Charakter ins Gesicht, die Handlungen, zu denen sie fähig sind. Er ist ein dramatischer Maler, der alle Arte]] und Grade menschlichen Empfindens auf die Leinwand bannt. Da sind zwei ]\lädchenköpfe: Begierde und Unschuld. Aus feurigem Untergrunde erhebt sich die erste, von wogendem Schwarzhaar umrahmt, von einer grünlichen Schlange umgriffen, die ihr Versuchungen ins Ohr züngelt. AVeit aufgerissene Augen brennen ans dem fahlen Gesicht heraus, das zu beben scheint, voll gierigen Verlangens und doch voll Furcht vor dem Unbekannten. Die Lippen kräuseln sich zu einem Lächeln, das täuschen soll und darunter fletschen die Zähne, wie bei einem Tier vor dem Sprung. Daneben die Unschuld, blond und blass und glatt, ein zurückgelehnter Kopf der Ophelia mit geschlossenen Augen, der höchstens von der Tanzschule träumt oder gar nur von den Lilien, die sie an den Schläfen trägt. Diese Unschuld glaubt man. Die Staffelei davor trägt noch einen gemalten Abklatsch der weiblichen Seele. Sein Motto ist ein Gretchemnotiv. Ein Mädchen ist vor den Stufen einer Kirche auf die Knie gesunken, den Kopf tief in die Hülle des Kindes in ihren Armen gesenkt, als traute sie sich in ihrer Sünde und Scham nicht weiter vor ihren Gott und die Menschen. Ein Voraltar im Stiegenhaus schaut stumm auf sie herab und ein Mädchen in glänzendem Staat drückt sich an die Wand gegenüber, damit sie die Sünde ja nicht berühre, und schaut voll unsagbarer Verachtung zurück. Fort zu einem Lustspiel! Zwei polnische Juden handeln mit einem Bauer um ein Kalb. Der Bauer will nicht, scheint es. Aber der eine befindet sich in einem rednerischen Ansturm mit dem ehriieh-entrüsteten Gesicht eines erfahrenen Händlers, während, der andere schon müde sich auf den Stock zurücklehnt, um im Notfall doch wieder bei der Hand zu sein. Da ist alles voll Leben und Wahrheit, das schäbige Geschäfterl im Hintergrund und die windschiefe Laterne neben dem Bauer — und unsere Gedanken spielen weiter über das Land voll notleidender Geschäfterl und schiefer Lichter. Es hängen im Atelier noch viele Szenen aus dem Menschenleben herum, viele Reproduktionen auch aus Privatbesitz; wir wollen unter eleu Stichproben noch die meisterhaft gezeichneten Köpfe huzulischer, auf dem Felde verwitterter Bauern hervorheben. Wir können aber in einem kurzen Augenblick nicht alles bieten, was Jahre geschaffen haben und haben noch auf vieles Streiflichter zu werfen. Denn in der Behandlung auch des Leblosen zeigt sich Eichhorns meisterhafte Schöpferkraft. Auch das Tote malt er nicht nur gefällig, sondern auch mit Bedeutung, mit Seele. Die Hinlerwand e*ncr gali zischen Synagoge mit einigen leeren Bänken — sonst nichts. Ach! Es sind alte, gebrechliche, morsche Bänke, die ihre Last kaum mehr tragen, von einem Wunder nur mehr aufrecht gehalten werden, hart und schmucklos, und hinter ihnen sind an der Mauer die Russflecken von den Seelenlichtern, von den Flammen, zu denen sie selbst einmal werden, wonach sie sich vielleicht sehnen. Da ist weiter ein. Winkel aus der Stube einer armen Judenfanülie. Ein Kasten und ein Bett, ein armseliges Gerumpel dazu und alles zusammen eincErzählung aus dem Judenleben. Ein Bettende, auf dem die Armut über die Hausfrau gesiegt hat. Die Flicke auf den Strohsack hätte vielleicht vier Kreuzer gekostet oder fünf und so schaut denn klaffend das ledige Stroh heraus. Daneben eine Erinnerung an bessere Tage. Ein furchtbarer Glaskasten, ein Glaskasten vor dem Einsturz — aber immerhin ein Glaskasten. End daraus protzt der Teller für die Barches hervor und vier Alessingleuchter leisten ihm Gesellschaft, Schmuck für den Tag des Herrn inmitten abbröckelnden Mörtels, der «las Bettstroh überrieselt. Man kann sich schwer von diesem Bilde trennen und kehrt von den. prachtvoll gemachten Bildern derselben Art immer wieder dazu zurück. Seine kolossale "Vielseitigkeit hat Eichhorn auch zur Landschaftsmalerei gebracht und seine Begabung strahlt uns auch hierin onliegen, in derselben tiefliegenden Art, wie überall. Ein dunkles Wasser mit einem Kahn darauf, über die angrenzende lange .Mauer blicken dunkle Zypressen, ein Türchen und eine Stufe herunter, und wie ein altfranzösischer Selilossroman mit tödlichem Ausgang für das Liebespaar mutet es uns an. Daneben der Strand von Lovrana und perspektivisch gleitet unser Blick kinaus in die Unendlichkeit. Ein Gewirre üppiger Schlingpflanzen schlingt sich

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