Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. n „biC & Welt" Seite 9 Satzes und all der übrigen Werke Sulzers gibt es nur eine Stimme des Beifall«. Jede kleinste Nuancierung wusste der feine Musiker deutlich zum Ausdruck zu bringen und es gebührt ihm daher der Hauptanteil an dem Erfolge des wohlgelungenen Abends. Unter den Mitwirkenden seien ausserdem noch die Herren Oberkailtoren Bela Gutttnann und Don Fuchs gebührend hervorgehoben. Zum Schlüsse möchten wir.noch der schönen Stimmen im Chore gedenken, welche auch nicht wenig dazu beitrugen, die Stimmung der während des ganzen Konzertes andächtig lauschenden Menge zu erhöhen. Die Rechnung der Wiener Kultusgemeinde für 1903 weist folgende Ziffern und Daten auf: A. K u 1! t u s- und rituelle Angelegenheiten: Einnahmen 230 773 K, Ausgaben 419 900 K, Zuschuss also 189 227 K gegen 1902 + 28 000 K. Den Rückgang der Einnahmen verschuldeten: Bethaus Innere Stadt, dessen Einnahmen sich um 4000 K verminderten, während die Ausgaben sich um 3000 K erhöhten. Ferner der allgemeine Rückgang von Trauungen in den Gemeindebetliäuseni durch die Konkurrenz der billigeren Vereinsbethäuser. Das Vereinsbethaus Josefstadt hat als erste Subventionsrate 10 000 Kronen erhalten. Der Bethauspavillon im Krankenhause hat 3000 K gekostet. B. Schulen n d U n t e r r i c h t: Einnahmen 57 202 K, Ausgaben 260 235 K, Zuschuss 203 032 K. gegen 1902 + 13 000. Davon Religionsunterricht Einnahmen 39 312 K, Ausgaben 160 267 K. Zuschuss gegen 1902 + 10 000 Kronen wegen erhöhter Gehalte, einer neuen Bibelschule in Hernais, neu eingeführten Religionslehrerprüfungen und einer neuen Abteilung für Kultus und Schule. Konfirmation: Ausgaben 55.10 K, Jugendgottesdienst: Ausgaben 20 743 K, gegen 19024-3000 K durch die Einführung an Mittelschulen. C. F r i e dh o f s - und Beerdigungswesen: Einnahmen 511 637 Kronen, Ausgaben 288 358 K, gegen 1902 + 50 000 K. D. Spital: Einnahmen 85 181 K, Ausgaben 220 550 K. E. Versorg u n g s h a us: Einnahmen 72 078 K, Ausgaben 145 716 K- Zuschuss 73 637 K, gegen 1902 f 9000 K, weil ein drittes Stockwerk mit einbezogen wurde. F. Armenwesen (Unterstützungen, Subventionen und rituelle Verköstigung). Einnahmen 25 537 K, Ausgaben 223 431 K, Zuschuss 197 893 K, gegen 1902 -f 23 000 K. O. Kultus Steuer K 1 154 458 gegen 1902 + 95 000 K, gegen das Präliminare + 100 000 K. Eine Karte mit der Darstellung eines Ritualmordes freigegeben! Das Landgericht in München gab den beschlagnahmten Prospekt, womit der Bildhauer Oestcrrieder die Ritualmord- Postkarte versendete, frei. Die beschlagnahmte Postkarte wurde, wie gemeldet, schon kürzlich freigegeben. Ein Jude auf hohem Posten., Oberst Valab regne wurde Chef des Kabinetts des französischen Kriegsministers. Dieser neue Hauptmitarbeiter des Generals Andree ist Jude. Er wurde auf den massgebenden Posten im Kriegsministeriiun berufen, weil er für die Neuorganisation der Armee, welche sich aus der Einführung der zweijährigen Dienstpflicht ergeben muss, unentbehrlich ist, denn Valabregue ist der Verfasser jenes Budgetberichtes über das Kriegsbudget, welcher den Grundstein zu der Militürreform gelegt hatte. Die Beratung des Gesetzes über die Einführung der zweijährigen Dienstzeit, welches den Senat bereits passiert hat wird die Hauptaufgabe der Kammer in der beginnenden Session bilden. Die nationaiitischen Blätter behaupten, dass Valabregue ein Cousin von Dreyfus ist. Das ist nicht wahr, aber sie würden wünschen, dass er wenigstens ein Schicksalsgenosse von Dreyfus geworden wäre, anstatt an leitende Stelle im Ministerium zu treten. Eine riesige Wohnungsnot ist im jüdischen Viertel New- Ycrks eingetreten. 2000 Familien, die den immer ärger steigenden Zins nicht bezahlen konnten, wurden in den letzten Wochen delogiert. Nun. protestiert die gedrückte Masse in Massenmeetings, Flugschriften und Artikeln leidenschaftlich gegen die gewissenlose Spekulation der Hauswirte. Führern) im Kampfe ist merkwürdigerweise ein noch ganz junges Mädchen, die siebzehnjährige Bertha Liebsoii. Aus einem Briefe Mr. Balfours. Die englischen Zeitungen veröffentlichen einen interessanten Brief des Premierministers. Er ist als Antwort auf eine Anfrage bezüglich des Gesetzes behufs Beschränkung der FremdeneinWanderung in England geschrieben, und lautet wie folgt: „Ich halte es für vollkommen unwahr, das England, wie es in dem mir gesandten Zeitungsausschnitt heisst, von der Epidemie, die überall gegen die Juden wütet; angesteckt ist. Das Fremdengesetz soll dieses Land beschützen, nicht gegen die Juden, sondern gegen den lästigen Fremden, ganz unabhängig von seiner Nationalität oder Religion. Ich würde das Entstehen und Wachsen irgendwelchen antisemitischen Gefühles in diesem Lande für ein äusserst schweres nationales Unglück halten." — Wir wünschen, dass Mr. Balfour Recht behalte. Abfertigung. Dem bekannten Rassentheoretiker, H. S. Chamberlain, wurde in einer der letztenNummern der„Sozialistischen Monatshefte" eine scharfe Abfertigung aus der Feder Dr. Hertz* zuteil. In ähnlichem Sinne erschien in der tschechischen Zeitschrift „Rozvoj" eine Studie von Dr. Klinberger. Wegen einer eigenartigen Körperverletzung wird sich demnächst ein Berliner Kaufmann vor dem Strafrichter zu verantworten haben. Der jüdische Herr hatte mit einem christlichen Mädchen ein Liebesverhältnis, aus dem ein Knabe hervorging. Zur Vaterschaft wollte er sich nicht recht bekennen, indem er behauptete, dass die Mutter auch mit anderen Männern Umgang gehabt habe. Troizdem unterstützte er aber Dicht nur hin und wieder das Mädchen, sondern liess auch gegen dessen Willen den Knaben beschneiden. Dieser Vorgang kam nun zur Kenntnis des Vormundschaftsgerichtes, und die Staatsanwaltschaft, der es die Akten übergab, eröffnete gegen den sonderbaren Vater ein Strafverfahren wegen vorsetzlicher Körperverletzung. (Welt am Montag.) Aus dem tschechischen Blätterwalde. Die politisch-literarische Wochenschrift „Rozbledy* veröffentlicht eine Artikelserie „Der Jude in der heutigen Gesellschaft". — In dem Fachorgane der tschechischen Apotheker erschien kürzlich ein Feuilleton „Moses als Hygieniker" von Dr. Heibig. — Die Hevue „Novy Kult" bringt einen äusserst interessanten Artikel aus der Feder des Herrn Heinrich Low betitelt: „Die Juden und die Prostitution." Boykott. Die Lehrerschaft des Pardubitzer Kreises beschloss einmütig, das antisemitische Organ „Samostatne smeryu zu boykottieren, Lokale, in denen das Blatt aufliegt zu meiden, und bei den Inserenten nichts einzukaufen. Von der deutschen Turnerei. Unter diesem Titel bringt das Tschechenorgan „Politik" vom 13. d. M. nachstehende Auslassungen, die interessante Streiflichter auf die Juden in der deutschen Turnerschaft werfen: „DerJudenpunkt"— heisst es wörtlich — „in der deutschen Turnerei ist ziemlich alten Datums. Der Unterschied ist nur der, dass man zu Beginn mit den Rassenturnern ziemlich unsanft verfuhr, während man sie jetzt wie verwöhnte Kinder der Mutter „Gerrr ania" mit Glacehandschuhen anfasst, damit sie nicht allzugrossen Lärm machen. B'rüher duckten sich die Rassenturner, jetzt begehren sie auf, früher wurden sie aus der deutschen Turnerei ausgeschlossen, jetzt setzen sie die Juden vor die Tür. Im Jahre 1888 wurde der niederösterreichische Turngau abgesägt, weil er nur Deutsche (arischer Abkunft) aufnahm, und die bloss „Deutschfreundlichen" ausschlcss. Jetzt wurde der 15. arische Turngau den Rassenturnern belassen und für Turnvereine, welche die Juden nicht grundsätzlich aussehliessen, derTurngau 15a. kreiert. Am 29. Mai wird der Turngau (ohne a) eine Versammlung abhalten, in welcher der Austritt aus dem Turn verband beschlossen werden soll. Der Vorsitzende der deutschen Turnerschafr, Dr. Ferdinand Götz, hat dieser Eventualität gegenüber eine Streitschrift ei lassen, welche allerdings in den sanftesten Tönen gehalten ist. Er wagt es eigentlich grar nicht von Juden zu sprechen, sondern plädiert nur für Turnrecht und Turnfreiheit, die angeblich durch die Rassenfcurnerei beschränkt werden. Man mösre immerhin judenreine Turnvereine und Turngaue bilden, aber auch den Nichtariern, so sie sich um Mutter Germania schaaren, ein Gleiches gestatten. Die Rassenturner dagegen meinen, Juden und Judenfreunde seien keineswegs in ihrer Turnfreiheit beschränkt, nur sollen sie es sich nicht in den Kopf setzen, durchaus mit den Rassen vereinen in einem Verband zu stehen, denn dann würden sich wieder diese in ihrer Turnfreiheit beschränkt fühlen, und da muss selbstverständlich jede Rücksicht auf die „Nichtarier" aufhören. Nachdem aber in Berlin die Bildung eines Turnkreises 15a gewissermassen als Ghetto für jene deutschen Turner, welche ihre arische Abstammung nicht bescheinigen können, beschlossen worden ist, haben die Rassenturner alle Freude an der deutschen Turnerei verloren und werden am 29. Mai ihren förmlichen Austritt beschliessen. Die Sache entbehrt nicht des heiteren Beigeschmacks, denn im kleinen geschieht ja eigentlich dasselbe, was anno 1860 Bismark mit Blut und Eisen durchgeführt hat". So das Prager Organ. Wir haben auf all dies schon längst nur eine Antwort: Die Gründung jüdischnationaler Turnvereine, und weder Jahnnoch Palackystimmungduseleien helfen über die klare Devise hinweg: „Der Jude gehört in den jüdischen Turnverein!14 — Ein gewisser Herr Ruzicka beantragte im Ausschuss des Pilsener „Sokolvereines", das Organ der tschechischfortschrittlichen Assimilantenpartei „Rozvoj" für die Lesehalle des genannten Vereines zu abonnieren. Der Antrag wurde — abgelehnt. Was sagt die vorurteilslose „Politik" dazuV