Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6 „btc # weit11 Nr. 21 beabsichtigten Schärfe sprechen könne, weil ihn die Abwesenheit der wichtigsten Personen daran hindere, Er wolle die Methode der Führung des politischen Zionismus einer Kritik unterziehen. Vor allem wolle er konstatieren, dass es viele Unzufriedene gebe, die ganz unnützerweise verstimmt wurden. Schuld daran trage das, was man miissverständlich P o 1 i t i k im Innern der Bewegung nenne. Er vermisse seitens der Führung das Entgegenkommen, das ein hingebungsvoller Arbeiter immer erwarten dürfe. Das schrecke viele ab und bedeute eine Schädigung unserer Kräfte. Er sei auch deshalb nicht zufrieden, weil er vom Zionismus eine aussergewohnliche Entwicklung erwartet habe und zwar zuerst eine hohe seelische, dann eine bedeutende wirtschaftliche. Er sehe aber nur eine alltägliche Entwicklung. Seiner Meinung nach sei einer der Hauptgründe dafür, dass unsere Leitung nicht alle Erwartungen erfüllen könne, weil sie direkt aus der Assimilation hervorgegangen sei. Das hat denn das ewige Misstrauen der Oestiichen entfacht. Er betont aber, dass alle grossen Führer aus anderen Schichten stammten, als die geführte« Massen. Es bestehe nach seiner Auffassung ein Riss in der Bewegung, den man nicht ernstlich genug auszufüllen versucht habe. Dem Referenten trat Dr. S. Werner entgegen. Er bekämpfte Punkt für Punkt die vorgebrachten Vorwürfe, die in ihrer allgemeinen Fassung von vornherein nicht aufrecht zu halten seien. Die ganze Art der Kritik, die ein allen auffallender Torso geblieben sei, zeige, dass Herr York-Steiner offenbar auch jenes Entgegenkommen vermissen lasse, über dessen Mangel er geklagt habe. Einzehie Sätze seien so unhaltbar gewesen, dass sie der Referent selbst während seiner Ausführungen rektifizieren irmsste, so z. B. der, dass die Führung aus Assimilationskreisen hervorgegangen sei und nicht etwa aus den tiefschwarzen Frömmigkeitspachtungen von Poltawa oder einem anderen ähnlichen Orte. Hierauf ergriff Dr. Nossig das Wort. Er führte aus: Das zionistische Aktionskomitee hat im Verein mit der Palästina-Kommission, der Nationalfonds-Kommission und der Kolonialbank die Gegenwartsarbeit in Palästina inaugurier). Grosse Terrains wurden erworben; es werden Oelbaumpflanzungen, Schulfarmen, Versuchstationen und neue Kolonien (?) vorbereitet, die Bank beginnt Filialen im Orient anzulegen, statt wie bisher in Buropa zu arbeiten. Und noch ein Neues tritt hinzu: dem Kolonisationsverein, welcher eben in Wieiii begründet wurde, haben sich die offiziellen Führer des Zionismus angeschlossen, sie haben die Förderung desselben durch ihre Parteigenossen zugesagt. Alle diese Tatsachen legen mir als Vertreter der Opposition eine ebenso dringende wie angenehme Pflicht der politischen Courtoisie auf: es hier öffentlich anzuerkennen, dass die zionistische Parteileitung gerade in jenem Punkte, der für eine objektive und loyale Kritik das wesentlichste ist, nämlich in Bezug auf die bis jetzt vermisste positive Arbeit in Palästina, heilsamen Wandel geschaffen hat, so dass in dieser Hinsicht die Kritik verstummen muss. Ich möchte die Gelegenheit benützen, um eine Legende zu zerstören, die sich an mein oppositionelles Auftreten in Basel geknüpft hat. Man hat dieses Auftreten auf Motive persönlicher Gehässigkeit gegen die Leiter der Bewegung zurückführen wo-lien. Ich erkläre hiermit mit allem Nachdruck, dass von derartigen Empfindungen auch nicht eine Spur in mir gelebt hat. Im Gegenteil, ich anerkenne willig die grosse Begabung der Führer und die Verdienste, die sie sich um die Ausbreitung und Organisierung der Bewegung erworben haben. Meine Kritik bezog sich nicht auf die Personen der Führer, sondern ausschliesslich auf ihre Politik und . Parteitaktik. Und dazu glaube ich volle Berechtigung gehabt zu haben. Denn es ist ein Axiom: die Kritik ist die Grundlage aller politischen und sozialen Entwicklung. Im weiteren Verlaufe betonte der Redner die Notwendigkeit des Friedens innerhalb der Partei und ausserhalb derselben, irn Verhältnis zu anderen Gruppen des Judentums, Heute gilt es, zwei grosse Voraufgaben zu lösen, die der Realisierung des zionistischen Endziels vorangehen müssen: die Erforschung des Volkes und die wirtschaftliche Besitzergreifung Palästinas. Der ersten dient die statistische Organisation, der zweiten die der Kolonisationsvereine. Beide Aufgaben können nur in gemeinsamer Arbeit mit anderen jüdischen Parteien durchgeführt werden. Der politische Zionismus ist ein Zukunftsprogramm, die angeführten Tätigkeiten bilden das Gegenwartsprogramm. Als dann im Verlaufe der Diskussion Hr. 0. F r a n k 1 in scharfer Weise sich gegen jedes Paktieren des Zionismus mit der Sphäre des Vorstandes der jüdischen Gemeinde aussprach, wies Dr. Nossig auf das warme Interesse hin, welches die führenden Persönlichkeiten dieser Kreise für dem Kolonisationsverein bekundet hätten. Es sei anderZeit, dieTaktilc des Zionismus z« ändern. Der erbitterte Kampf gegen minder national empfindende Gruppen der Judenheit müsse aufgegeben werden; durch die Taktik des Entgegenkomm e n s, der Versöhnlichkeit würde der Zionismus eine unvergleichlich grössere Ausdehnung erfahren. Herrn Dr. Nossig antwortete Dr. Leop. Kahn, der über die Tätigkeit der Zionisten im Gegensatze zu der verschiedener Kolonisationsvereine sprach. Er hob namentlich hervor, dass Dr. Nossig mit seiner Anerkennung etwas lange gewartet habe, da er nach seinen eben gemachten Ausführungen schon längst seine Zustimmung zur Tätigkeit des A.-C. hätte geben müssen. Seit Beginn der politischen zionistischen Bewegung habe das A.-C. bereits seine volle Aufmerksamkeit der Erwerbung von Land zugewendet, wenn es auch nicht über jeden Schritt besondere Mitteilungen veröffentlicht habe. Das A.-C. sei sich eben seiner ungeheuren Verantwortung voll bewusst und auf die Gefahr hin, dass Herr Dr. Nossig seine Anerkennung einschränke, müsse er ihm sagen, dass auch jetzt noch nicht von grossen Erwerbungen die Rede sein könne, ehe alle Vorbedingungen, die vollste Sicherheit garantieren, erfüllt seien. Herr Kremenezky bemängelt einen Passus der Rede Dr. Nossigs, der dem Architekten Marmorek ein uneingeschränkteres Entgegenkommen in der Sitzung des Palästina- Kolonisationsvereines zugeschrieben habe, als Marmorek als Mitglied des A.-C. tatsächlich hatte zeigen können. Das Schlusswort hatte Herr York-Steiner, der seine Kritik wesentlich modifizierte und mit der Aufforderune schloss, der Zionismus möge ein Bund der Liebe und Hingebung werden. Nur innige Liebe zur Sache, Freundschaft untereinander und demütige Hingebung könnten den Erfolg herbeiführen. —r. Aus Russland. Petersburg. Das Unterrichtsministerium hat verfügt, iass künftighin die Erteilung von Erlaubnisscheinen an Melamdim zur Eröffnung von jüdischen Schulen (Cheder) nicht ohne vorheriges Beiragen der Verwaltungsbehörde über die politische Zuverlässigkeit der um den Erlaubnisschein ansuchenden Melamdim erfolgen darf. Diese Verfügung stellt sich als ein weiteres Hindernis zur Erlangung der behördlichen Erlaubnis zur Eröffnung eines Cheders dar. Irkutsk. Wie die „Irkutskija Gubernskija Wjedomosti" melden, hat der neue Generalgouverneur von Irkutsk, Graf Kutaissow, angeordnet, dass künftighin die Aufnahme von Jüdinnen in die Wundärzteschule für Frauen in Kra'ssnojarsk davon abhängig gemacht werden soll, ob die betreffenden Jüdinnen das Wohnrecht in Krassnojarsk besitzen. Diese Verordnung trifft die Jüdinnen umso schwerer, als die Polizei in Sibirien nunmehr die Ausfolgung von sogenannten Wohnorts- Zeugnissen an Juden verweigert. Petersburg. In den soeben vom Ministerium des Innern publizierten „Regeln für den ständigen und temporären Aufenthalt der Juden im Niederlassungsgebiete und ausserhalb desselben" sind zum erstenmale unter den den Juden zum Aufenthalte verbotenen Städte auch die Städte Nikolajew, Sewastopol und Y a 11 a verzeichnet. Die in Nikolajew erscheinende Zeitschrift „Juschnaja Rossija" (Südrussland) spricht ihr Erstaunen darüber aus, dass die Stadt Nikolajew nunmehr als für die Juden verbotener Wohnort gilt, wiewohl sie durch die Verfügung des Senates vom 25. November 1866 und durch kaiserlichen Ukas von 1866 dem russischen Niederlassungsrayon einverleibt wurde. Yalta. Wie der „Krymskij Wjestnik" meldet, wurde der Gouverneur von Taurien von den russischen Villenbesitzern am Südufer der Krim ersucht, kranken Juden den Aufenthalt in der Krim während der Sommersaison zu gestatten. Diese Gesuche wurden jedoch abschlägig beschieden. Der Aufenthalt von kranken Juden in der Krim wird nur in besonders ausserordentlichen Fällen erlaubt werden. Petersburg. (Die Massregelung des „W o s - k h o d",) Der russische „Regierungsbote'4 vorn 10. ds. publiziert folgende Verfügung des Ministeriums des Innern« vom 7. Mai a, c.: „Auf Grund des § 144 der Zensurvorschriften und der Statuten für Presserzeugnisse, B. XIV. der Gesetzsammlung, Ausgabe 1890, hat der Minister des Innern verfügt: Angesichts der schädlichen Richtung der Zeitschrift „Woskhod". welche in den. in dieser Zeitschrift für das lautende Jahr publizierten Artikeln „Zur Charakteristik unserer Rechtlosigkeit" (Nr. 9), und „Ohne Ausweg" (Nr. 14), in den Korrespondenzen aus Odessa und Kischenew (Nr. 5 und 11) und in den Feuilletons „Ausserhalb des Niederlassungsrayons" (Nr. 6) und „Aus den