Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „bie # weit" Nr. 21 griff, erklärte es für eine Kühnheit, Dreistigkeit, Unerhörtheit für einen Skandal, dass ein solcher Verein ans Leben gerufen worden sei und bat die Versammelten, gegen den Verein auszutreten. Nur ein Herr trat auf, der die Angriffe auf die Gründer des Jüdischen Turnvereins, die immerhin doch nur Gutes beabsichtigt hatten, unerhört fand. Das Kollegium nahm schliesslich folgenden, dem Sinne nach wiedergegebenen „Beschluss" an: „Das Repräsentanten-Kollegium der jüdischen Gemeinde Hannover missbilligt den Namen und den Aufnahmeparagraphen des neuen Vereins „Jüdische Turnerschaft Hannover". „Das Repräsentanten-Kollegium wird sich mit dem Turnrat in Verbindung setzen zwecks Aenderung der obengenannten Paragraphen." Herr Dr. Hirsch gab darauf zu Protokoll: Ich halte das Repräsentanten-Kollegium nicht für befugt, einen solchen Beschluss zu fassen. Es wäre ausserordentlich bedauerlich gewesen, wenn das Repräsentanten-Kollegium, der Ansicht des Herrn Dr. Hirsch folgend, sich für inkompetent erklärt hätte, und wenn so aus dem lediglich formal-juristischen Grunde der sachlichen Unzuständigkeit die Diskussion hätte unterbleiben müssen. Glücklicherweise hat das Kollegium, das sich als hoher Gerichtshof konstituiert hatte und über die abwesende Angeklagte, die „Jüdische Turnerschaft Hannover" zu Gericht sass, seine Zuständigkeit für begründet erachtet, weil es sich um das Interesse der Gesanitjudediheiit handle. Diese Begründung verdient Beachtung. Das „Interesse der Gesamtjudenheit"! Wie gross und stolz das klingt! Und doch wieviel Phrase kann sich hinter diesen Worten verbergen! Leider hat auch hier das sogenannte Interesse der Gesamtjudenheit herhalten müssen zur Begründung für die erbärmlich kleinliche Lokalpolitik — beinahe hätte ich Kirchturmpolitik geschrieben — die die jüdischen Herren Repräsentanten betreiben. Denn erst die Begründung eines jüdischen Turnvereins in Hannover hat sie zu einer Protesterhebung aufgerüttelt, während es ihnen vorher niemals eingefallen ist, gegen die jüdischen Turnvereine in anderen deutschen Städten Stellung zu nehmen. Und dazu waren sie von ihrem Standpunkte aus verpflichtet. Das jüdische Repräsentanten-Kollegium tadelt es, dass ein Turnverein sich jüdisch nennt und nur Juden als Mitglieder annehmen will. Die reife Besonnenheit des weisen Gemeinderates wird die jugendlich unbesonnenen Vereinsgründer — vielleicht väterlich mild, vielleicht auch drohend — davor warnen, auf der schiefen Ebene des jüdischen Partikularismus zu verharren. Die Mitglieder eines Kollegiums, das sich als jüdisch bezeichnet, wollen es einem jüdischen Turnverein verwehren, sich noch länger jüdisch zu nennen, sie wollen es nicht dulden, dass dieser Verein ausschliesslich Juden die Mitgliedschaft gewährt. Derartige Vereine gefährden die Judenheit! Denn was wird Hinz und Kunz zu einem jüdischen Turnverein sagen? Ein solcher ist auffällig und ihr sollt nicht auffallen! Untertauchen sollt ihr, tief untertauchen, eure Reden und Handlungen sollt ihr bemessen nach der Nonualellc des israelitisch-hanlioveranischen Repräsentanten-Kollegiums, zerbrechen sollt ihr euren jüdischen Eigensinn, oder ihr sollt ihn wenigstens von uns, den jüdischen Repräsentanten, zerbrechen lassen! Der Missbilligungsbeschluss der Herren Warner und Retter trifft nicht nur die »Jüdische. Turnerschaft Hannover", sondern indirekt auch die Repräsentanzen der jüdischen Gerneinden in denjenigen Städten Deutschlands, in welchen jüdische Turnvereine, von jüdischen Behörden ungewarnt, existieren. Ein Blick auf die „Turntafel" der „Jüdischen Turnzeitung" lehrt uns, dass ausser dem Turnverein zu Hannover in Deutschland noch zehn jüdische Turnvereine bestehen. Die „Jüdische Turnerschaft Hamburg", aus deren Statuten die perhorreszierten Paragraphen 1 und 2 in die Satzungen der „Jüdischen Turnerschaft Hannover" wörtlich übergegangen sind, findet seitens der jüdischen Gemeindebehörden warme Anerkennung. Auch den ausgesprochen nationaljüdischen Turnvereinen — und das sind gerade die kraftvoll aufstrebenden, mitgliederreichen. Organisationen — haben die jüdischen Gemeinden kein Hindernis in den Weg gelegt. Ja, dem nationaljüdischen Turnverein Bar Kochba ist sogar die Halle der jüdischen Knabenschule zur Benützung für den Turnbetrieb von der hiesigen jüdischen Gemeinde unentgeltlich überlassen worden, auch hat dieser Berliner Turnverein von ihr materielle Unterstützung erfahren. Und in Hannover wird der jüdische Turnverein mit der zahmsten aUer Tendenzen wegen seiner „Gefährlichkeit für die Gesamtjudenheit in Deutschland" missbilligt! Bisher ist weder in Hamburg noch in einer anderen deutschen Stadt bei ireend einer jüdischen Gemeinde der Gedanke aufgetaucht, dass „Israel in Gefahr" sei, wenn Juden als Juden turnen und sjch offen zu ihrer Nationalität bekennen. Der Beschluss des Repräsentanten- Kollegiums zu Hannover steht also einzig da. Nirgends ist uns sonst ein Vorwurf daraus gemacht worden, dass wir jüdischen Turner das Prinzip der Eirmenwahrhe.it auch auf die Namen der von uns begründeten Turnvereine zur Anwendung bringen. Jedermann darf, jedermann soll es wis-sen, dass wir als Juden turnen. Der Name Jude bedeutet eine Parole. Seinen verzehrenden Hass und seine tiefe Verachtung legt der Antisemit in dieses Wort, wir setzen dagegen unsere heilige Liebe zum jüdischen Stamm und den stahlharten Stolz auf unser Volk. Das ist uns das Wort „jüdisch", in diesem Worte liegt für uns die nationale Welt unserer grossen und ernsten, erschütternden, aber auch erhebenden Geschichte, deren oft betränte Eäden sich bis auf den heutigen Tag fortgespönnen haben. Das Wort: „Wir sind Juden", werden wir so lange gebrauchen, bis man uns völlige Gerechtigkeit zuteil werden Msst, nicht etwa jene gesetzliche, ämterverteilende Gerechtigkeit, sondern eine ehrliche, freiwillige, unerzwungene Anerkennung. (Aus dem Maihefte der Berliner „Jüdischen Tur-nzeitung") Wiener Versammlungen. In der letzten Woche der Sephira — wir wollen hoffen, dass man darin kein schlimmes Vorzeichen sehen wird — fanden in Wien zwei jüdische Vereinsgründungen statt, deren eine sich über Wunsch des Präsidenten der Wiener Kultus g e in e i n d e mit dem unauffälligen Titel eines Bureaus begnügen musste. Daran liegt allerdings nicht viel, wenn man nicht die Aengstlichkeit, die sich in einem solchen Wunsche ausspricht, als Symptom der künftigen Tätigkeit auffassen will. Wir hoffen, dass dies nicht der Fall sein und dass selbst den Aengstlichen während der Arbeit der Mut wachsen werde. Mittwoch am IL Mai trat über Einladung des Herrn Dr. Edmund Kohn vom Kuratorium des allgemeinen Verbandes für jüdische Statistik eine Anzahl von Vertretern der bedeutendsten jüdischen Korporationen Wiens im Zeremoniensaale der israelitischen Kultusgemeinde zu einer Beratung zusammen, deren Resultat die Gründung eines Bureaus für jüdische Statistik in Oesterreich war. Der Vorsitzende Dr. Kohn schilderte in seiner Eröffnungsansprache die Entwicklung der erst seit kurzem bestehenden, aber bereits über die ganze Welt ausgedehnten Organisation für jüdische Statistik und forderte die Anwesenden auf, das so zeitgemässe und aus so vielen Gesichtspunkten unerlässliche Werk in Oesterreich aufzunehmen. Hierauf ergriff der aus Berlin eingetroffene Vorsitzende des Verbandes, für jüdische Statistik, Dr. Alfred N ossig, das Wort zu einem Referat, in welchem er auf die praktische Bedeutung der jüdischen Statistik hinwies und den Organisatipus- sowie den Arbeitsplan des zu gründenden Bureaus entwickelte. Mit Nachdruck hob es der Referent hervor, dass die statistische Organisation nach seiner Ansicht nur im engsten Anschluss an die offiziellen Vertretungen üer jütuschen Gemeinden sich wirklich gedeihlich entwickeln könne. In der anschliessenden Diskusison brachte zunächst der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Herr Dr. S t ie r n, eine Reihe von Befürchtungen vor, die sich ihm anlässlich der Inangriffnahme einer jüdischen Statistik aufdrängten. Er wünschte gewisse Grenzen sowohl in Bezug auf die Erhebungen als auch namentlich auf die Veröffentlichungen des künftigen statistischen Bureaus. Trotz seiner prinzipiellen Bedenken aber erklärte er sich bereit, die Bestrebungen des Bureaus nach Kräften unterstützen zu wollen. Die Rede Dr. Sterns rief eine Anzahl von Entgegnungen hervor. Kein einziger der nachfolgenden Redner akzeptierte seinen Standpunkt. Dr. Kamin k a, der Schriftführer der Versammlung, wies auf die Wichtigkeit der historischen Statistik hin, Baurat S t i a s s n y suchte in einer längeren Rede alle Bedenken des Dr. Stern zu entkräften und versprach, dem Bureau Erhebungen zur Verfügung zu stellen, die seinerzeit von der Leitung des Museums für jüdische Altertümer gepflogen, aber bisher nicht bearbeitet worden seien. Eine grosse Gewähr für das Gelingen des neuen Unternehmens sehe er darin, dass der verdienstvolle Statistiker der Stadt Wien, Dr. Wilhelm Löwy, die Leitung des Bureaus übernehmen wolle. Dr. Löwy wendete sich in längerer Rede gegen die Ausführungen des Dr. Stern. Er besprach in fachmännischer Weise die Aufgaben der jüdischen Statistik und wies an dem Beispiele des langsamen Durchdringens .der staatlichen Statistik nach, wie auch alle an die jüdische Statistik sich knüpfenden Befürchtungen als unbegründet werden weichen müssen. Eine streng wissenschaftlich, voraussetzungslos geleitete jüdische Statistik müsse sich in kurzer Frist das volle Vertrauen der staatlichen statistischen Aemter und des gebildeten Publikums aller Nationen erwerben und damit sei der jüdischen Bevölkerung die Möglichkeit gegeben, nicht nur sich selbst zu erkennen, sondern auch