Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 „bie # Weit11 Seite 3 bewussten Fürsorge für die Bibliothek zu betrauen. Warum sollte es ferner nicht möglich sein, dass alle jüdischen Blätter, alle jüdischen Autoren der Nationalbibliothek freiwillig und unaufgefordert ihr nationales „Pflichtexemplar" zugehen lassen? Die Nationalbibliothek in Jerusalem ist eines kleinen Opfers an Geld oder Mühe wert. Ihre Leiter in Jerusalem erwarten und hoffen, dass die Zionisten sie: in ihrer mühevollen Arbeit unterstützen und das schöne nationale Werk zu vollenden eifrigst mithelfen werden. Zu solchen Erwartungen und Wünschen haben sie wohl alles Recht. Jerusalem. Nss. Aus Deutschland. Lieber die Geschichte der Idee und der Bestrebungen behufs* Begründung des Verbandes der Juden Deutschlands hatten wir jüngst Gelegenheit, ausführliche Daten aus dem Munde des Initiators und an der Verwirklichung seines Planes unermüdlich arbeitenden Prof. Philippsolm aus einem Referate im Vereine jüdischer Studenten zu erfahren. Diese Daten sind für uns sehr belehrend, sie beweisen, in welch kurzer Zeit eine ziemlich weitgehende Aenderung in der Gesinnung der Juden Deutschlands vor sich ging. Obwohl die entscheidenden Motive des Umschwunges nicht so sehr anerkennenswert sind, der Umschwung selbst unsere Anforderungen noch bei weitem nicht befriedigen kann, so ist er doch an und für sich erfreulich und lässt als Beweis erwachenden und erstarkenden Solidaritätsgefühls unter den Juden Deutschlands auch ferner rasche Fortschritte erhoffen. Der wachsende Antisemitismus in Deutschland, der Ausschluss der Juden aus dem sozialen und politischen Leben veranlassten die Begründung des Verbandes und brachten alle seine früheren Gegner zum Schweigen. Wir hoffen jedoch, dass das einmal erwachte jüdische Bewusstsein nicht mehr auf äussere feindliche Stösse warten, sondern aus sich heraus das zur Erhaltung 'und zum Gedeihen des jüdischen Stammes Erspriessliche auffinden werde. Als Erster berührte diesen Gedanken Dr. Kastan in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Die hierauf im Juni, Juli und September .1900 stattgefundenen, meist vertraulichen kleineren und grösseren Versammlungen riefen zunächst eine grosse Opposition hervor. Da waren in der Opposition die Alten, die ihren eigenen Schatten fürchteten, nur im Stillen sich ferner ducken wollten, vor jeder kühnen Aeusserung aber zurückschraken, da waren andererseits die ebenfalls Alten, Politiker aus der liberalen Schule, welche es für unsinnig hielten, die Lösung der die Juden angehenden Fragen den Juden zu überlassen, da doch mit dem allgemeinen Fortschritt auch diese Fragen eo ipso wegfallen würden. Die Orthodoxen fürchteten aus dem Zusammenschluss der Gesamtheit die Gefährdung ihrer engeren Interessen, endlich meinten die wohlwollendsten, nicht prinzipiellen Gegner, der Verband sei überflüssig, da es andere Organisationen mit gleichem Zwecke bereits gebe. So kam es, dass auf einer Versammlung im Dezember 1900, an der 57 Delegierte teilnahmen, der Plan fast völlig zurückgewiesen wurde. Auch die von den Initiatoren ins Werk gesetzte lebhafte volkstümliche Agitation begegnete abschreckender Kühle und schien wenig Aussicht auf Erfolg?\\ haben. Endlich kam im Jahre 1903 von Frankfurt a. M., einem Orte, in dem man sich anfangs den Plänen gegenüber abhold verhielt, ein ermutigender Antrag, die Sache mit Energie zu betreiben. Nun war auch eine andere Stimmung in Deutschland. Es war nach der Interpellation Peltasohn und den anderen bekannten guten Erfahrungen, die die Juden Deutschlands gemacht hatten. Nun ging es auch immer rascher und besser, bis die endgiltige Gründung mit so allgemeinem Jubel von den gesamten deutschen Juden begrüsst wurde. J. * * * In der Tonhalle in der Friedrichstrasse, in der sonst eine durch und durch vom berüchtigten Grafen Pückler und seinen Anhängern verpestete Antisemitenatmosphäre herrscht, fand am 4. ds. eine beachtenswerte, von edlen, dem .ludentum und speziell den zionistischen Bestrebungen mit grosser Sympathie gegenüberstehenden Männern einberufene Volksversammlung statt. Der Referent, Rechtsanwalt Schulze, ein sehr guter Kenner der Bibel und ausgezeichnet über alle Vorgänge in der zionistischen Bewegung informiert, wies auf die grosse geschichtliche Bedeutung des jüdischen Volkes hin, auf seine unsäglichen Leiden und auf sein völliges Recht zur Heimat und forderte die Christen Deutschlands auf, im Namen der Lehre Christi für die zionistischen Bestrebungen einzutreten und speziell mit einer Petition an den deutschen Kaiser sich zu wenden, dass er den Juden zur Wiedergewinnung ihrer Heimat verhelfe. * * * Jüdische Gemeinde-Hannover kontra „Jüdische Turnerschait-Hannover". Von Dr. Hermann Jalowicz. Eine gewaltige, fieberhafte Aufregung hat die Judenschaft von Hannover in allen ihren Schichten ergriffen. Und mit Recht! Penn etwas. Schreckliches ist jüngst passiert. Man brütet und debattiert darüber, wie man diesem Entsetzlichen begegnen, wie man die Unheilswolke, die dräuend über dem haimoveranischen Israel, ja über der gesamten Judenheit Deutschlands lagert, bannen kann. Und welches ist das grauenvolle Schrecknis? Zittre, Leser! In Hannover ist ein Verein, die ,,Jüdische Turnerschaft", begründet worden, die nur Juden als Mitglieder aufnimmt! Welch ein verblüffender Einfall! Wozu die Bezeichnung „jüdisch" in der Vereinsfirma? Wie kann man sich unterstehen, einen ausschliesslich jüdischen Turnverein zu schaffen? Eon mit einem solchen Verein! — Dieser Gedanke griff mit rasende Schnelligkeit in der israelitischen Bevölkerung der Leinestadt um sich. Aber wie dieser vermaledeiten jüdischen Turnerschaft beikommen? Mit List oder mit Gewalt? Die Ansichten der Männer von Einfluss, insbesondere der Einanzgrössen Hannovers über die einzuschlagende Taktik sind geteilt. Je nach der Auffassung will daher, wie man munkelt, der eine seinen jungen Leuten den Eintritt in den ominösen Verein verbieten, der andere hingegen möglichst alle seine Angestellten zum Beitritt veranlassen, damit die Gründer und der Stamm des Vereins überstimmt werden, und so die anstössigen jüdischen Paragraphen durch Majoritätsbeschluss entfernt werden können. Wenn es auf diese Weise den jüdischen Brotherren in Hannover gelingt, unter die Vereinsbrüder Zwietracht zu säen, werden sie vermutlich den Namen „Eintracht" als passendere „allgemeine" Bezeichnung für den Turnverein vorschlagen. Soviel über die in Privatzirkeln geplanten Massnahmen gegen die jüdische Turnerschaft! Aber auch das offizielle Judentum Hannovers hat sich — wie es bei einer so wichtiger! Angelegenheit ganz selbstverständlich ist — zum Einschreiten gerüstet. Darüber wird uns folgendes berichtet: In der vorigen Woche brachte ein Mitglied des Repräsentautenkoilegiums in öffentlicher Sitzung dieser Körperschaft eine Interpellation ein, in der darauf hingewiesen wurde, dass der Name sowie der Aufnahmepassus in den Statuten*) der Jüdischen Turnerschaft" die schwerwiegendsten Folgen für die jüdischen Turner Deutschlands nach sich ziehen könnten. Denigemäss beantragte der Interpellant, das Repräsentanten-Kollegium möchte gegen den Verein Stellung nehmen. Der Vorsteher der Synagogengerneinde, Herr Dr. Hirsch, erklärte, das Kollegium sei nicht befugt, über den Gegenstand der Interpellation zu diskutieren, noch weniger aber dürfe es gegen den Turnverein auftreten. Dieser Auffassung trat der 1. Vorsitzende des Repräsentanten-Kollegiums, Herr Senator Fischer, entgegen und betonte ebenfalls die Gefährlichkeit einer jüdischen Turnerschaft für die Gesamtjudenheit Deutschlands. Darauf trat man in die Diskussion ein. Herr Rechtsanwalt Dr. Wolfes, der das Wort er- *) Die fraglichen Paragraphen lauten wörtlich: § 1. „Der Verein führt den Namen „Jüdische Turnerschaft Hannover''. Der Zweck der Turnerschaft ist, durch regelmässige Turnübungen im Kreise ihrer Mitglieder die allseitige Ausbildung des Körpers zu erstreben, sowie die Ausbreitung des Turnens unter der jüdischen Jugend zu fördern, dadurch geistige und sittliche Bildung zu heben, und vaterländischen Sinn zu pflegen.4' § 2. „Mitglied kann jeder unbescholtene Jude werden."