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Die Welt · 1904-05-20 · 21 (20.5.1904) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 fJbi$ * W«lt" Nr. 21 Vor der Prozession her trieb man. den Opferstier mit vergoldeten Hörnern, Oelbaumzweige ums Haupt gewunden; Flöten- und Schalmeienbläser zogen voran und liessen heilige Weisen ertönen . . Wenn sie in die Nähe Jerasalems gekommen waren^ lief en Boten voraus, um dieAnkunft zu verkünden, während die wallenden Pilger ihre Erstlinge bekränzten . .. Die Stellvertreter der diensthabenden Priester, die Stadtvörsteher und Schatzmeister gingen ihnen entgegen und empfingen sie mit Ehren * . . An den Toren warteten sie schon, die Meister der Gewerbe und Handwerker. „Brüder, seid uns willkommen!" tönte es von aller Mund grüssend entgegen . . . Sobald sie zum Tempelberge gelangten, musste jeder, und wenn es selbst König Agryphas war, den Korb auf die Schulter heben, bis sie in die grosse Vorhalle kamen . . . Nun stimmten die Lewiten, in weissen Gewändern mit ihren Musikinstrumenten auf den Stufen stehend und langsam sieh fortbewegend, mit hunderten geschulter Stimmen den Psalmsang an. Dann kam die kute Andacht aller, die im Erzählen eines Abschnittes aus der nationalen Geschichte bestand, der Erlebnisse Vater Jacobs in Aram,, seiner Wanderung nach Aegypten, des Sklavenlebens, der Erlösung nach harter Pein usw. . . Kein Wunder, dass sich dabei ein Gefühl des Wohlbehagens, der Freude und der Dankbarkeit für denGott der Vorfahren auslöste, der sein Volk in das Land gebracht, wo Milch und Honig fliesst . . . Wie schön eine solche Prozession gewesen sein mag, das können wir uns nur annähernd bei einem der pomphaften Aufzüge der katholischen Kirche vorstellen, die nicht nur den Dekalog, sondern auch den Gebrauch des Weihrauchs und die Schönheit des Gottesdienstes dem alten Testamente und dem verketzerten Juden enlehnte ... Die grünen Blättchen an den Fensterscheiben der polnischen und russischen Ghetti sind Tradition, Symbolik . . . Ihr wisst nun, was sie vorstellen wollen . . . Das Wochenfest des Galuth, welches an das grosse Bauernfest der einst freien und bodenständigen Söhne Abrahams gemahnt, an welchem sie beten: „Und bringe uns wieder nach Zion mit Jubelgesang und nach Jerusalem mit ewiger Freude 1" .... Ja, ja, die grünen Blättchen, sie erzählen uns viel des Schönen aus der Vergangenheit. Mögen sie auch die prophetischen Künder einer schönen, grossen Zukunft sein! Unsere Nationalbibliothek in Jerusalem. Die Geschichte der jüdischen Nationalbibliothek ist kein Ruhmesblatt der jüdischen Welt von heute. Der Zustand dieser hervorragend nationalen Institution von gesamtjüdischem Interesse ist beschämend. Es ist im höchsten Grade charakteristisch für die jüdische Denkart und nationale Opfer Willigkeit unserer Zeit: Während der kostspielige Chalukahapparat mit mathematischer Genauigkeit funktioniert und über 20 000 Juden ein wohlfeiles, berufsmässiges Bettlergewerbe treiben lässt, muss eine Anstalt von der nationalen Bedeutung einer solchen Bibliothek darben und armselig vegetieren. Ungefähr 5 Millionen Frcs. werden alljährlich aus aller Herren Ländern zu allen möglichen guten und schlechten, nötigen und überflüssigen, erhebenden und erniedrigenden jüdischen Zwecken nach Jerusalem gesandt, und eine jüdische Nationalbibliothek dortselbst kann sich nicht entwickeln und muss einen ihres hohen Zweckes ganz unwürdigen Kampf um ihre Erhaltung führen. Die Nationalbibliothek ist seit jeher das Schmerzens- und Sorgenkind der nationalen Bewegung in Jerusalem. Dr. Chassanowitsch, ihr rastlos tätiger Förderer, hat oft und oft in seinen eindringlichen Aufrufen, Artikeln und Berichten an die Mithilfe der nationalgesinnten Juden appelliert und die prekäre Lage der Bibliothek beleuchtet. Die nationalen Blätter unterstützten seine unermüdliche Werbearbeit, Vereine und Einzelpersonen schwangen sich zu Sammlungen auf. Und der Erfolg? Er blieb weit zurück hinter den berechtigten Erwartungen und Wünschen der Gründer und aktiv tätigen Förderer und reichte lange nicht an die Grösse und Bedeutung des geplanten Werkes heran. In den Blättern wies die Rubrik „Nationalbibliothek" im Spendenteile nur unbefriedigende Resultate auf. Bücherspenden gab es wenig oder gar nicht. Nur Dr., Chassanowiitsch sammelt unverdrossen weiter, derweil das Jerusalemer Komitee sorgt und sorgt /. . , Es kann nur schwer die absolut und relativ geringen Mittel zur Erhaltung, geschweige denn Vergrösserung der Bibliothek aufbringen. Gibt's noch ein Volk, für das nicht seine nationale Ehre auf dem Spiele stünde, wenn solch ein Nationalinstitut zu gründen wäre, das Zeugnis geben soll von seiner geistigen Kraft und Kulturarbeit? Nationalstolz, Nationalehre., Nationalkraft — die Juden sind in «solchen Dingen ein AusnahmsvolK. Hei, wie würde zu fremdnationalen Zwecken das Füllhorn jüdischkapitalifs tischer Wühltätigkeit und Prunkliebe seine Schätze aufdringlich und protzenhaft über die Spenderlisten ausgiessen! Die Bibliothek macht in ihrem jetzigen Zustand einen deprimierenden Eindruck. Der schmucklose Bau, der mit den vorhandenen, sehr geringen Mitteln aufgeführt wurde und stückweise ergänzt werden soll, wenn bessere Zeiten kommen und grössere Summen einflössen, ist auch äusseriich ein ärmlicher Torso. Man sieht auf den ersten Blick, dass Schmalhans Baumeister gewesen. Das Gebäude, der einstöckige Seitenflügel, enthält ebenerdig einen grossen, lichten Lesesaal, der besonders am Samstag nachmittags sehr gut besucht ist und in welchem jüdische Zeitungen aufliegen. Viele, aber bei weitem nicht alle. Ins erste Stockwerk führt eine schmale Holztreppe, die provisorisch errichtet wurde, bis der Vordertrakt ausgebaut wird, der einen Stiegenraum aufnehmen soll. Das zweite Stockwerk ist überhaupt noch nicht begonnen. Im ersten Stockwerk stehen vierzehn Bücherschränke. In einer gleichen Anzahl sollten die anderen schon vorhandenen Bücher untergebracht werden. Aber der Platz fehlt. Der Bücherstand beträgt 24 000 Bände, darunter 4000 Dublikate. Die hebräische Sprache ist mit 18 000 Büchern vertreten. Von den anderssprachigen 6000 Bänden behandeln nur 1400 Judaica. Eine vielsagende Ziffer! Die Bibliothek wird gegjenwärtig verwaltet von einem Komitee der. Jerusalerner B'nei Brith-Loge. Seinen Bemühungen ist es gelungen, vom Sir Moses Montefiore-Testinionial-Komitee in London für Bibliothekszwecke darlehensweise 600 Pfund Sterling zu erhalten. Nach Tilgung der durch den Ankauf des Bauplatzes entstandenen Schuld und nach Deckung der Kosten für die grundbücherliche Uebertragung des Hauses auf Mitglieder des genannten Londoner Komitees wird ein Betrag von 3000 Francs erübrigt, der für Zubauten verwendet werden soll. Es soll nämlich in der vorderen Fassade der Trakt zu ebener Erde fertiggestellt werden. Biel diesem Bauplane ist eine letztwiMige Zuwendung eines rusischen. Juden, deren Teilsumme man von djessen Erben zu erhalten hofft, in Rechnung gestellt. Aber selbst nach Vollendung dieses noch zweifelhaften Zubaues wird kaum ein Drittel des projektierten Bibliotheksgebäudes fertig sein. Es bedarf keiner weiteren Begründung, dass die Nationalbibliothek die tatkräftigste Unterstützung seitens zionistischer Organisationen und jüdisch gesinnter Einzelpersonen im vollsten Umfange verdient. Es wäre ein sehr trauriges Armutszeugnis, wenn die nationale Bewegung, die das jüdische Volk ergriffen hat, nicht einmal dieser moralischen Kraftäusserung fähig wäre und diese Bibliothek, ein Produkt ihres Geistes und ihrer Tendenz, nicht auf eine würdige Höhe bringen Könnte. Die Forderung von Bücherspenden und bescheidener Propaganda ist doch eine recht schwache Belastungsprobe, die da dem Opfcersinne von Nationaljuden zugemutet wird. Vielleicht ist es auch zugunsten der Nationalbibliothek möglich, in den Organisationen das Prinzip der Arbeitsteilung durchzuführen und überall einige Gesinnungsgenossen mit der dauernden, ziel-

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