Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. ♦ Sprechstunden der Redaktion täglich von 10—VjI2 Uhr. ♦ Preise der Anzeigen: laut Aufliegendem Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstagabends geschlossen Einzelne Nummern 30 Heller. Ro7linCnrOBCDa Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: UGtCUtjOpi OIÖD. Deutschland ganzjährig Mk* 13.70, halbjährig Mk, 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Free. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4,25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85. Nr, 21. Wien, 20. Mai 1904 — 6. Sivan 5664, 8t Jahrgang. Schwuoth-Bücler. Von Dr. Leopold Kahn. Das Wochenfest . . ., das Fest des Dekaloges, jenes Grundgesetzes menschlicher Gesittung, aus dem sich die grossen Gemeinschaften — die Staaten — die Gesetzeskompendien des Zivil- und Strafrechtes allenfalls auch mit heidnischen Beimengungen des römischen „disziplinierten Egoismus" herausdifferenziert haben, . . . das Fest des Dekaloges, jenes heiligen Urquells menschlichen Friedens, welcher Gemeingut aller zivilisierten Völker seit vierthalb J"ahrtausenden immer wird, aber es noch lange nicht ist, war für das bodenständige Israel, wie übrigens alle Feiertage, kein rein religiöses, sondern gleichzeitig auch ein nationales Fest, eigentlich ein Bauernfest . . . In den kleinen russischen und polnischen Ghetti wird die Nacht vor Eintritt des Wochenfestes durchwacht und eine eigens hiezu zusammengestellte Kompilation aus dem gesamten althebräischen Schrifttume, aus Bibel, Mischna, Talmud und sogar aus der Kabala im Singsang der Gebetweisen rezitiert. Des Morgens dringt die aufgehende Sonne, wenn sie es nur vermag, in die licht- und luftarmen Stuben der Kinder des Ghetto durch grüne Blättchen. Mit diesen hat man tags zuvor die Fensterscheiben in zierlichen Figuren beklebt. Diese grünen, vergilbenden Blättchen sind ebenso wie die Nachtwache für die zerstreuten Blätter vom Stamme Jacobs eine Erinnerung an bessere Zeiten, über welche fast zwei Jahrtausende von Naturentfremdung hinweggeschwunden sind. Sie flüstern denen, die sie verstehen, alte Märchen zu, Märchen von brüderlichemZusammenleben, von Freiheit, von Lust am Dasein, von jubelnder Freude alles Güter, deren die Urahnen in Zion teilhaftig wurden, und auf welche die Blätterfiguren an den Fensterscheiben, die grüne Hoffnung der gedemütigten und geächteten Inwohner dieser dumpfen Stuben, hinleiten, und die sie kräftigen . . . Das Wochenfest! Sowohl Nuiri. 24, 22 als auch Deutoron. 16, 9 und 26, 2, die es anordnen, gehen von der Voraussetzung des ungetrübten Besitzes des verheissenen Landes aus, von dessen Grund und Boden die Erstlinge zu bringen sind zur heiligen Stadt, zum hohen Orte des Gottesdienstes, zum nationalen Zentrum, allwo die Lehre hochgehalten, erforscht, von den Weisesten des Volkes fortgebildet und nach logischen Regeln den sich immer än'derüden, fortschreitenden Anschauungen und Zeitverhältnissert angepasst wird —, wo man (sich in Gemeinschaft der Brüder, aber auch des Fremdlings, des. Ausländers, der zufällig da weilt, zu freuen hat . . . Die Freude ist gesetzlich dekretiert, von staatswegeü vorgeschrieben und der Fremdling ist zur Teilnahme an derselben einzuladen . . . Gerade Schwuoth war das Bauernfest, an dem sich alle Grossstädter ergötzten und aufrichteten, wieder Fühlung mit der im Landmannö repräsentierten Natur und Bewunderung für die ihr durch Fleiss und hartes Mühen abgerungenen Güter empfanden; Der Ackerbauer seinerseits hatte wieder Gelegenheit, den Fortschritt des städtischen Lebens, die grossartigen Anlagert zur Versorgung der in Massen zusammenlebenden grossen Gesellschaft wahrzunehmen und sich an dem Wachstums seiner Stadt Jerusalem, der Stadt des Gottes seiner Vorfahren, zu erfreuen . . . Ein Zusammenfluss und Zusammensehluss so vieler von heiliger Freude durchzitterter Seelen, von Repräsentanten verschiedener, sich ergänzender Berufskategorien konnte nur segensvoll für den allgemeinen Fortschritt, für den Austausch der Ideen, für das Solidaritätsgefühl wirken. Der Bauer jedoch war der Mittelpunkt des Festes und wurde sich mit Stolz der Zugehörigkeit zu einem edlen Gemeinwesen bewusst. Die Mischna Bikurim (Erstlinge) entwirft uns in kurzen, kräftigen Strichen das Bild eines solchen Aufzuges der Scharen, die sich in den einzelnen Kreisstädten sammelten, auf den grossen Plätzen im Freien in mondhellen, warmen, von schmeichelnder Meeresbrise durch-» wehten Nächten unter dem Sternenzelte des Himmels ihre Schlafstatt aufrichteten, ohne in die Häuser einzukehren. Jeder mit seinem Korbe voll der auserlesensten Früchte. Die Nahen bringen die zarteren Produkte, die nur geringen Transport vertragen; die Entfernteren dürre Feigen, Rosinen und dergleichen . . . Wie mancher mag auch da spät in die Nacht hinein gewacht haben, aber nicht, um in alten Scharteken von entschwundener Pracht und von der Schönheit der Gotteswelt zu lesen. Er las im grossen Buche der Natur, in den Sternen des das Weltall still umspannenden, ewig neu sich schaffenden Himmels .... Vor Sonnenaufgang wurden alle vom Führer mit den Worten geweckt: Auf, lasset uns ziehen gen Zion, wo wir den Berg zum Tempel des Herrn besteigen wollen! . « k