Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 „bis # W^lt Seite 15 mitten des krassesten Materialismus. Für ihn hat das Ehepaar Sachel „krumm gelegen4', um ihn zu erziehen, ihn Schulen besuchen und Sprachen lernen zu lassen, die niemand im Ghetto kannte. Alle Entbehrungen haben sie geduldig ertragen, um dereinst im Alter an ihm eine feste Stütze zu haben. Doch jetzt, da er Rebekka, die reiche Tochter einesGeschäftsfreundes seines Vaters, heiraten soll; ist er undankbar und setzt sich dk christliche Rose in den Kopf. In seinem Sprachschatze nimmt das Wort „Geld4' eine verachtete Stellung ein. Er will die Judengasse, die ihm als Symbol und Sitz des Geldes erscheint, mit Rose verlassen, und als ihn sein Vater um die Gründe fragt, da erzählt Rafael eine schauervolle Reminiszenz aus seinen Jugendtagen. Auch er hatte seinen Vater einst lieb, er sah ihm stundenlang zu, wie er mit dem Wägen der Ballen beschäftigt war, emd glaubte an seinen Vater. Doch einmal sah er zu, wie ein Ballen gewogen wurde. Alles beugte sich nieder, um nach den Gewichten zu sehen, indessen tastete der Fuss des Blinden nach der Wagsahale, drückte darauf und so wogen sie beständig seinen Fuss mit. Sie hatten Vertrauen zu seinen blinden Augen. Und seit dieser Zeit verlässt ihn die Vorstellung vom stehlenden Fuss und den toten Augen nicht. „Dieb!" Dieses Wort geht ihm wie ein Refrain durch den Kopf. So hatte er seinen Vater verachten gelernt. Und als Sachel fragt: „Machen's denn die anderen etwa anders?" antwortet Rafael traurig: „Unser ganzes Volk ist entartet!'4 Einmal deklariert er sich als Jude, der stolz darauf ist, dieser Nation anzugehören, und schmerzvoll erzählt .er seiner heimlichen Geliebten Rose die Leidenserfahrungen seiner Jugend, wie er jedem, der ihn. in dieser Eigenschaft beleidigt hat, an die Gurgel hätte fahren können. ,,Aber als Mann," fährt er fort, „ist .etwas in mir aufgegangen, das mich Mitleid, inniges Mitleid mit dem gelehrt hat, der den Juden schimpfen kann/1 Er will seine „Frau" aus dieser niederen Lebensauffassung in eine Welt mitnehmen, in der kein Platz ist für kleinliche, erregende, zweifelhafte Dinge, die den Menschen so schwach machen. Das anderemal wieder fühlt er sich dem Judentum (entfremdet und berauscht sich an allgemein menschlichen Phrasen. „Es wird Licht über der Welt, es wird ein förmlicher Sonnenaufgang sein, wenn wir als Vorbilder dienen. Eine neue Zeit bricht an. (In Ekstase:) Wenn du aufhorchst, dann hörst du den breiten Schritt des neuen Volkes, dann siehst du Fahnen und flammende Augen, fühlst du die Luft erzittern . . ." Er 'reibt der eintretenden Rebekka ihr Geld unter die Nase, so dass sie weinend davon geht. Da verfällt der Vater Sachel auf die Idee, den Rabbiner zu Hilfe zu nehmen, um den abtrünnigen, widerspenstigen Sohn in die alten Bahnen zu führen. Doch auch dieses Bemühen ist erfolglos. Manch tüchtiges Wort wird aus dem Munde des alten Rabbi laut, so z. B. wenn er sagt: „Jeder Jude ist 'n Stück von unserer Familie. Ein Jude trinkt nicht, 'n Jude ist massig, 'n Jude bringt's zum gesegneten Alter." Das wahrste Wort in dem gewaltigen Drama ist der Ausspruch des Rabbiners: „Die Juden machen heutzutage selber den grösscen Risches." RafaeL fühlt sich in der Folge als Pantheist reinsten Wassers. Er fühlt Gott in dem Licht der Sonne, in dem Duft des Sommers, in dem Tau des Feldes. Er hat Mitleid mit all den Göttern, die keine Götter sind — denn der wahre Gott müsste erst kommen, der Gott „der neuen Gemeinschaft, der Gemeinschaft ohne Götter, ohne Sklaven". Trotzdem die sichtbaren Mauern des Ghetto gefallen sind, fühlt er, dass der Geist, von dem der Rabbi spricht, das Volk am Boden fesselt, fühlt er, dass wir unser geistiges Ghetto sprengen müssen. Das Uebrige ist bald erzählt. Esther will Rose erkaufen, doch diese weigert sich, statt ihres Rafael Geld zu nehmen; man sagt ihr sodann, dass Rafael niemals zurückkehren wird, und sie geht in diesem betrübenden Bewusstsein in den Tod. Als dieser aber erscheint und die Katastrophe sieht, beschliesst er, ohne Abschied von den Seinen zu nehmen, das Vaterhaus und das Ghetto, das ihm stets zu enge gewesen, zu verlassen, und in der weiten Welt den Pflichten zu obliegen, die jener Gott ihm auferlegt, den die Judengasse nicht kennt. So endet die Schöpfung Heijerrnans. Und wenn auch vieles unseren Ansichten von Juden und Judentum nicht entspricht, so erfordern doch vor allem zwei Momente die Empfehlung des Werkchens, Ein Weltruf geniessender Schriftsteller hat sich „nicht geschämt" — wie Maximilian Harden konstatierte — jüdische Stoffe zu wählen, und weiters enthebt mich der billige Anschaffungspreis von 12 Kreuzern spaltenlange, treffliche Wahrheiten des Dichters, die mit seltener Offenheit ausgesprochen werden, in diesen Blättern wiederzugeben. Möge dieses Büchlein in keinem jüdischen Hause fehlen und der freundliche Leser wird am Schlüsse wohl dieselbe Empfindung haben, die der Held Rafael vorn Ghettovolke hatte: „Ein jedes Geschlecht hat seine Schmerzen, seinen Verfall und seine Wiedererneuerung/1 Halten wir das letzte Wort fest. Und wenn unser nordischer Stammesgenosse sich zur modernen Renaissanoebewegung im Judentum durchgerungen haben wird, dann können wir eine fröhliche, sonnenberauschte Kunst von ihm erwarten, ein Werk, das nicht im Zeichen des Domes steht, sondern, dem die Morgenröte einer neuen, hoffnungsvollen und siegesstarken Zeit voranleuchtet. Wien. MaxNaclie r. Das tote Meer. Und nun stand der Wanderer auf dem steinigen Uferabhang und blickte hinab zur Wasserfläche, daraus ihm das Widerbild des sterneulosen, bleifarbenen Nachthirnrnels entgegensah. Ein schwüler Atem stieg breit aus dem See auf. wie lebendige, immer neugeschürte Körperwärme. Rechterhand neben dem Wanderer in der Talrinue wanden sich Nebelschleier über dem Bache Kidron. Sie krochen hinauf auf die Böschung, indem sie tausend hin- und hertastende Arme und Fühler langsam verschoben. Und wie Berührung feuchter Hände strich es dem Wanderer über die Stinte. Doch alsbald wurden auch wallende Gewänder sichtbar, die längs des Baches hinglitten: gelbliche, schwarzverbrämte Kutten. Und jetzt löste sich eine Kutte los und kam heran. Seltsam, das ist doch der Cistercienserpater Dominicus, Professor der Naturgeschichte und Geographie! Wie kommt denn der daher? Der liegt ja schon seit Jahren im Erdreich des Erzgebirges! Aber kein Zweifel, er ist's, und aus seinen gutmütigen Gelehrteuaugen blickt er hinter der Brille wieder so liebevoll, wie ehedem bei einem gelegentlichen Zusammentreffen auf einem einsamen Gebirgsweg. Und er beginnt auch wieder — als wäre hier ein geologisch merkwürdiger Punkt des Erzgebirges — in seiner gutherzigen Art ein belehrend Gespräch: „Na, da sehen Sie ein einzigartiges Stück Erde! Nirgend auf dem ganzen Erdball finden Sie einen so tiefliegenden Wasserspiegel. Schauen Sie's gut an, das tote Meer, Sie werden Ihre Lebtag' nicht mehr ein Binnenwasser sehen, dessen Oberfläche mehr als 390 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Ein überaus merkwürdiges Unikum, ein Unikum!" „Ich bin erstaunt, Herr Professor, Sie hier zu treffen, wenn mir das Wiedersehen auch aufrichtige Freude bereitet." ,,Ja, Liebster, ich komme vom Tale Josaphat her. Sie werden es hoffentlich begreiflich finden, dass ich oben im Tal des Grossen Gerichts abgestiegen bin. Na, und vom Tal Josaphat führt eine direkte Verbindung her zum toten Meer. Das ist ja auch eine der Sonderbarkeiten dieses Wassers: vom Totental zum Totenmeer ist ein natürlicher Hohlweg gebahnt, damit sich die Waller, ohne in die In\. zu geraten, stracks herfinden können. Die Richtung hieher war nicht zu verfehlen. Da sich das Tal Josaphat bei Jerusalem, zwischen dem Berg Moria und dem Oelberg, geradenwegs ins Kidrontal fortsetzt, so hatte ich lediglich dem Bach Kidron zu folgen, der als wegweisender Verknüpfungsfaden von Jerusalem durchs Josaphat- und Kidrontal ins tote Meer hercinläuft. Na, das ist