Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 16 „bie £ weit11 Nr. 20 eine uralte Fahrstrasse, die von meinen derzeitigen Kollegen schon von uraltersher benützt wird. Der Kessel hier ist für Unsereinen, den es hin und wieder fröstelt, ein sehr angenehm lauer Aufenthaltsort. Eine Wärme- und Wartehalle für die, die dem Gericht entgegenharren. — Na, der Kessel wird auch sorgfältig warmgehalten. — Sie werden bemerkt haben, dass hier eine ansehnliche Temperatur herrscht/' ,,Eine auffallende Schwüle!" Pater Dominicus nickte und sagte mit der freundlichen Zurückhaltung, die zu merken war, wenn er den Gegenstand dem Fassungsvermögen des Hörers nicht ganz angepasst wähnte: „Na, es sind schon bestimmte Gründe für die Temperaturhöhe da!" — Sehen Sie,4' sagte er ablenkend, „zu den Verkehrsbequemlichkeiten der Kidronstrecke gehört auch, dass sich oben an diese Talrinne das Tal Hinnom eng angliedert; daher können jene Kollegen, die sich um Hakeldama im Süden Jerusalems aufhalten, ebenfalls müheios hierher gelangen. Sie wissen ja: Hakeldama — der Blutacker — Matthäi von 7 bis 11' Sie hielten aber einen Rat . . . daher ist derselbe Acker genannt der Blutacker bis auf den heutigen Tag. — Und an anderer Stelle, Vers 19: Und es ist kund geworden allen, die zu Jerusalem wohnen, also, dass derselbe Acker genannt wird auf ihre Sprache, Hakeldama, dast ist, ein Blutacker." „Was ist das für ein sonderbares melancholisches Geräusch, Herr Professor, das immerzu aus dem Erdboden herauftickt?" „Ah, Sie hören es? — Hm, das murmelt und klopft hier unten schon seit Jahrtausenden. — Na, es hat schon seine Gründe." Pater Dominicus las einen Stekibrocken auf, den das Wasser ans Ufer geworfen, und reichte ihn mit dem fragenden, neugierigen Lächeln hin, mit dem er seinerzeit auf dem „Burberg" oder dem „Schwarzen-Hübel" irgendein dem Geröll entnommenes Arragonit- oder Schwerspatstück zu diagnostischen Zwecken präsentiert hatte: „Na, wofür halten Sie das?" „Asphalt!" „Richtig! Richtig!" sagte er, und in seinem Gesicht spiegelte sich die Freude des Lehrers, dem ein Schüler eine Prüfungsfrage gut beantwortet. „Richtig! Asphalt! Und das stammt vielleicht noch aus den Tagen des fürchterlichen Schwefel- und Feuerregens her: — — Da Hess der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gommora. Und er kehrete die Städte um und die ganze Gegend, und alle Einwohner der Städte, und was auf dem Lande gewachsen war.--Na, auch auf dem Grunde dieses Sees ruhen versunkene Städte, aber man hört kein Glockenklingen aus der Tiefe, und weder leuchtende Kuppeln, noch von Fischen umkreiste Turmknäufe schimmern herauf. — Na, Sie müssten lange hier mit der Angelrute sitzen, wollten Sie einen Fisch erwischen. Die Lebenden vertragen die Salzmenge nicht, von der dies Wasser durchsättigt ist, der Fisch, den Sie ins tote Meer setzen, muss sterben. Denn das tote Meer" — Professor Dominicus senkte, die Stimme zum Tonfall seiner Unterrichtsvorträge — „das tote Meer hat einen höheren Salzgehalt, als die Ozeane! — Uebrigens dürfen auch aus anderen bestimmten Gründen Fische nicht hier sein." „Aus anderen--" Pater Dominicus neigte sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme: „Meine Gefährten, die sich in den Dünsten über dem Wasser drängen, können's nicht leiden, dass sich da unten Lebendes tummle. Vermutlich aus Neid. So ein Fisch, der sich munter und daseinsfroh im Wasser vergnügt, hat etwas Auf reizendes. — Da mussten die Fische verschwinden." „Die Fische selber hätten's wohl mit der Zeit nicht ertragen, zu verweilen und Zuschauer zu sein." Der Pater nickte, leicht seufzend: „Ja, der See ist gezwungen, die Fische zu ertränken. — Die Menschen muss er sich noch aufsparen. Werfen Sie einen Menschen ins tote Meer — das Wasser wird ihn nicht verschlingen — das schwere, salzhaltige Wasser trägt die Menschenleiber, hält sie an der Oberfläche, so dass sie nicht untersinken können. — In unserer Physikstunde" — der Professor nahm wieder seine dotierende Miene an — „habe ich Ihnen gezeigt, dass derartige Tragarbeit Flüssigkeiten von hohem spezifischen Gewicht nicht schwer fallen'kann. — Na, das ist doch wohl ein seltsamer,1 See: die Fische ersäuft er, und die Menschen lässt er leben. — Genau das Gegenteil von dem, was alle anderen Seen tun. Das tote Meer will nicht den Tod der Menschen. Jetzt nicht! — Jetzt noch nicht. — Hier ist ein Ort des Wartens. — Der übersalzene Widerwillen gegen Tod und Tränen hat übrigens noch andere Gründe —" Pater Dominicus räusperte sich, verlegen wegschauend, als hätte er schon zu viel gesagt. „So sagen Sie mir doch, was das für ein eintöniges Riesein und Sickern unten im Gestein ist? Immer deutlicher klingt es herauf!" Pater Dominicus räusperte sich wieder einigemale in seiner Weise, es war offenbar ein Widerstreit in ihm: zwischen irgend einer Verschweigungspflicht und dem Belehirungsdrang des alten Pädagogen. Schliesslich trat er näher heran und sagte: „Sie wissen, dass sich ins tote Meer der Jordan und etliche andere Zuflüsse ergiessen. Eine Menge Wasser kommt herein, und nirgend ein Abfluss. — Na, möchten Sie mir vielleicht hierüber Näheres mitteilen." Die Frage wurde im Tone des Examinators ausgesprochen. „Es ist anzunehmen, dass —" „Nichts! Nichts!" fiel Pater Dominicus abwehrend, ein, „darüber können Sie mir nichts Näheres mitteilen! Es fehlen die Vorkenntnisse!" — Und im Flüsterton sagte er: „Der See hat einen geheimen Abfluss! Und auch geheime Zuflüsse. Er ist nur ein Durchgamgsort, eine Wartehalle. Neigen Sie sich zur Erde nieder und beschreiben Sie mir, was Sie hören." „Es klingt, als würden unter mir und im ganzen Umkreis durch unterirdische Gänge Bächlein hinfliessen. — Viele, viele Bächlein, die von weither kommen. — Und nebenher ist ein Ticken zu hören, wie wenn von Decke und Wänden eines Gewölbes sacht und stet Tropfen auf ein Grundwasser niederfallen. — Ach, was ist das für eine fatale, quälende Melodie in diesem unaufhörlichen Träufeln und Rieseln! — Dann scheint es mir, als würden gerade aus der Gegend, aus der das Kidrontal herabzieht, die Bächlein der Tiefe mit besonders starkem Rauschen herwandern." „Mag sein! Via Jerusalem ist freilich schon manch ein heisses Bächlein zu uns niedergeträufelt. Um Josaphat und Hinnom ist es gar oft geschehen, dass die perlenden Wässer in die Erde sinken und hiehersickern mussten. — Wie nennt doch das Volk das dunkle Gemenge, das der See ans Ufer speit, als hätte er dessen schon vielzuviel verschluckt?" — Pater Dominicus wies auf das Asphaltstück. „Judenpech!" „Ich habe Ihnen einst" — Pater Dominicus zupfte die Aermel seines Cistercienserhabits mit der wunderlichen Handbewegung zurecht, wie seinerzeit, wenn er sich anschickte, den Unterrichtsstoff zu rekapitulieren — „ich habe Ihnen einst das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und der Materie gelehrt — Na, glauben Sie wohl, dass die Milliarden Tränen, die seit Urbeginn den Menschenaugen entquollen, aus der Welt verschwunden sind? Nichts geht verloren! Es gibt nichts, das verschwinden könnte. Alles ist bleibend. Die Glut, die in all den Menschentränen brannte, bleibt lebendig, die Erde saugt die Tränen ein und führt sie in heimlichen untergründigen Adern durch Stein und Staub in den schwarzen Riesenkelch, in den See der Tränen, der seine steigenden Wasser bis zum Tage des Gerichts wachsam einkerkert. Wer das richtige Ohr hat, der mag sich zur Erde neigen, und er wird das Pochen und Rieseln in den Adern vernehmen. Allerorten, wo Tränen nieder-