Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 lfbiC & W$lt" Nr. 20 löhners, ein inniger, trauter und ständiger Gast war. Jokai entstammte einer altungarischen adeligen Familie reformierten Bekenntnisses, und doch sind es gerade die ungarischen Juden, die ausser der allgemeinen Landestrauer, an der sie auch teilnehmen, noch mit besonders inniger Wehmut an. des offenen Grabes Rand stehen, denn gar mannigfaltige Bande sind, es, die den Politiker, den Schriftsteller, den Menschen Jokai mit dem ungarischen Judentum und seinen Anhängern verknüpften. Aber auch wir anderen Juden müssen dankbarst jenes Mannes gedenken, der vor wenigen Tagen seine Augen für immer schloss, denn in ihm verlieren die Juden einen ihrer Männer, deren sie so wenige besitzen. Ein wahrer, ein aufrichtiger, ein uneigennütziger Freund des jüdischen Volkes! Jokai war ein Freund des Judenvolkes. Vielleicht würde ein anderes Volk, zu denen ein Mann in demselben Verhältnisse steht, wie Jokai zu uns Juden, denselben nicht in so warmer Weise feiern, aber wir Juden müssen eben in solcher Weise unseren Dank denen abstatten, die in diesen Zeiten harter Bedrängnis und bitterer Not freundlichst und entschieden sich unserer annehmen. Gar oft taucht wohl so manchem der denkenden Juden die Frage auf, was werden wohl einst die späteren Geschlechter der Juden, sei es in der wiedergewonnenen alten Stamrnesheimat, sei es in den jetzigen Wohnstätten, in denen wieder Zivilisation und Humanität auch den Juden gegenüber herrschen wir'!, von ihren Vorfahren zur Zeit der Tage von Polna und Kon.:";, der Gräuel in Kischenew, der Antisemitenherrschaft in ganz Europa denken. Werden sie wohl nicht denken., dass diese von aber Welt Gehassten, Gemiedenen wirklich ein verworfenes, elendes Gesindel waren? Neil', unsere Epigonen werden dies nicht denken können, nicht denken dürfen, denn sie werden unter den Edelsten unserer Zeitgenossen Namen der Beschützer und Freunde des Judentums finden. Und neben den Namen Zola, Tolstoi, Mommsen, Masaryk und noch vielen anderen, hochherzigen. Christen wird das Judentum auch Jokai nennen müssen, und darum seien ihm auch hier Worte des Dankes, Worte der Erinnerung geweiht. Nicht immer war Jokai den Juden hold. In seinen Jugenderinnerungen erzählt er, dass er sich immer vor langbärtigen Juden entsetzlich fürchtete, und als vierzehnjähriger Gymnasiast erlebte er eine bezeichnende Episode. Einer seiner Mitschüler war ein Jude, bereits vierzig Jahre alt, der bisher sich mit der Schönschrcibekunst ernährend, mm auf einmal Medizin studieren wollte, und daher das Gymnasium absolvierte. Jokai kam mit ihm in Streit, beleidigte ihn tätlich und sollte nun auf Befehl seiner Mutter um Verzeihung bitten. Doch da erschien der jüdische Student selbst und bat um Entschuldigung, denn er habe beim Streite Unrecht gehabt und er wisse, für das Recht der Juden werde ja Jokai schon selbst einmal einstehen. Schon die erste Arbeit des Schriftstellers im Jahre 1843, ein fünfaktiges Drama „A zsido für (der Judeuknahe) gab dieser Behauptung Recht, denn diese der Akademie eingesandte Preisarbeit des Siebzehnjährigen, die Jnkais bester Freund, Petöfi, abschrieb, war die erste Arbeit für die Emanzipation der Juden, in Ungarn. In diesem Werke bietet Jokai in der Figur Salomons eine sehr sympathische Gestalt und es wäre nur zu wünschen, d?ss dieses erst ein halbes Jahrhundert später in Druck erschienene Werk auch ins Deutsehe übersetzt würde. Vielfach zeichnet Jokai in seinen Werken, jüdische Gestalten, stets mit Liebe, und besonders die Gestalten der jüdischen Wirte am Lande sind vortrefflich. Es wäre wohl dankbar, die jüdischen Typen in seinen Werken zusammenzustellen — vielleicht ist es.übrigens bereits von. irgend einer Seite geschehen — wenn nicht, so wird es gewiss bald geschehen. Juden waren es, die durch ihre Uebersetzungen Jokai ins Ausland brachten, Adolf D u x, Sigmund B r o d y, Max F a 1 k etc., ein Jude war der Herausgeber der ersten Zeitschrift, und als der kundige Rabbiner von Szonibathely. Dr. Bernstein, sein Werk: ..Die Juden und die ungarische Revolution4' veröffentlichte, war es Jokai, der dazu in schwungvollen Worten die Vorrede schrieb. Unzählig waren seine Beziehungen zu Juden und es wirft sich uns die Frage auf, warum Jokai, dessen Feder die fernsten Zonen und Zeitalter beschrieb, nie das Land der Juden, Palästina, beschrieb, und bei seiner Freundschaft mit den Juden nie deren edelste Bewegung, den Zionismus, behandelte. Vielleicht hatte er von der Bewegung, die ja In Ungarn, erst in der letzten Zeit bedeutender wird, wenig Kenntnis, vielleicht wollte er sich nicht, als Hauptkämpfer der Judenemanzipation, von der wirklichen Entwicklung der Judenfrage und ihrer einzigen Lösung, dem Zionismus, das liebgewordene alte Ideal zerstören lassen. Jokai war ein Freund der Juden. Aber nicht so wie gar manche, die sich von Juden gerne feiern lassen und jüdisches Geld annehmen, nein, er war ein Freund des jüdischen Volkes. Jokai, den seine Königin mit ihrem Vertrauen, des Reiches Thronfolger mit seiner Freundschaft beehrte, heiratete, am Gipfel seines Ruhmes stehend, eine Jüdin, die Tochter eines schlichten Arbeiters. Sein eigenster Wunsch war es, dass sie ihrem Glauben und allen seinen Geboten treu bleibe, und alle Anfeindungen nahm er gelassen hin, denn er war. an Seite der Jüdin glücklich, überglücklich. Das Präsidium der Friedensgesellschaft legte er nieder, da er als Reformierter nicht an diesem Platze der Geeignetste sei. Er wollte nicht sagen, dass das Judentum der Gattin das Hindernis sei. Und so ist es eine Jüdin, die die letzten Minuten am Sterbelager stand, der sein brechendes Auge das letzte Lebewohl winkte, der nun der König, die Grossen, das ganze Land ihr Beileid ausdrücken. Sie ist auf des Dichters Wunsch seine einzige Erbin. Wir aber, die für Liebe so dankbaren Juden, sagen Jokai heissen Dank für alles, was er uns in. seinen Werken und im Leben Gutes und Liebes tat. Lavoslav Schick. Herman Heijermans. Der literarischen Welt aufs beste bekannt durch seine kleineu satirischen Genrebilder, so wie die beiden naturalistischen Stücke „Hoffnung" und ,,Ora et labora", hat Heijermans ein Stück geschrieben, das für uns Juden von zwiefachem Interesse ist: ein Jude hat es geschrieben, und jüdische Motive liegen diesem Schauspiel zugrunde. Aus den nüchternen. Niederlanden stammend, jener Erde, die der Welt nie einen Dramatiker gebar, die aber eine altjüdische Tradition in sich birgt, hat der junge und schrecklich belesene Poet eine Mischehetragödie geschaffen. Bisher kannte mau ihn nur als Gefühlssozialisten, als einen Vorkämpfer d~r „sittlichen Weltordnung" im Geiste Schillers, als einen Mann, in dessen Seele Sturm und Drang ist, als Kämpfer. Dies hat sich geändert. Er ist ruhiger geworden, und in seinem letzten Werke nunmehr Betrachter, insoweit man dies als Dramatiker sein kann. Ein grauenhaftes Bild entrollt er in den drei Aufzügen, eine Welt, die im Absterben begriffen, das Ghetto mit seinen Vorzügen und allen seinen Fehlern. In einem dumpfiger). Trödelladen, der beständig von einer kleinen Oellampe beleuchtet wird, haust der alte, blinde Jude Sachel mit seiner Schwester Esther. Sachel ist ein Erzreaktionär, fanatisch, unreell, hinterlistig und misstrauisch, der Typus eines geldgierigen, griesgrämigen Krakehlers. Er zankt mit seinem christlichen Ladenmädchen Rose,, warum sie in der Nacht auf gewesen. Diese leugnet anfangs, gibt später zu. krank gewesen zu sein. Auch Sacheis Sohn, Rafael, war in der Nacht wach, und in dem Hirne des alten Juden dämmert die bange Frage: „Weshalb waren sie auf? Warum hat die Schickse so geheult in der Nacht?"--- Dieser Rafael ist die einzige Lichtgestalt in dem düsteren Gemälde, ein Sonderling und idealistischer Höhenmensch in- :;:) „Ghetto", Schauspiel in drei Aufzügen. Aus dem Holländischen übersetzt von Paul Rache. Leipzig, Philipp Reclam jun.