Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „biS * Welt" Nr. 20 wirtschaftlich unabhängiges Volk$elqrient existiert, das nichts mit den jetzigen Schnorrern und Scnriorrhäuptern zu tun hat. Es ist bezeichnend, dass Dr. Joffe der . Vorsitzende der von Ussischkin geschaffenen Organisation ist und , eben in dieser Eigenschaft sein Leben aufs Spiel setzen musste. v,Dr. Joffe., der durch seine hingebende Arbeit in der zionistiscnen Wadi- El-Arisch-Expedition den weitesten _Kreisen bekannt wurde*, und der eine langjährige, wackere Arbeit in Palästina hinter sich hat, die an seine Gesundheit die schwersten Anforderungen stellte, kann versichert sein, dass die ganze zionistische Welt ihm herzliche Teilnahme widmet. — In der Sitzung des palästinensischen A.-C, die am 6. Ijar 5664 in Jaffa stattfand und an der sich die folgenden Delegierten beteiligten: Pinea (Jerusalem), Rpkach und Papirmeister (Jaffa), Dr. Weitz (Caifa), Chankin (Tiberias), ferner die Ersatzmänner Eisenberg und Lebowitsch und der Sekretär Jelin, wurde darüber Klage geführt, dass ein Mitglied der Organisation, Schönberg, die Organisation durch Beschimpfungen herabsetzte und einige Leute aufhetzte, gegen die Leitung aufzutreten, so dass es zu einer handgreiflichen Verletzung des Vorsitzenden kam. Dieses Mitglied Schernberg, das einem Verhöre unterzogen wurde, konnte nichts zu seiner Entschuldigung vorbringen und wurde von uns in allen obigen Punkten schuldig erkannt. Allein er weigerte sich, unser Urteil anzuerkennen und-meinte, er sei gar kein Mitglied der Organisation und wolle sich nur einem anderweitigen Ehrengerichte unterwerfen. Da aber unseres Wissens Herr Schönberg seinen Austritt aus der Organisation nicht vor der Tat angemeldet hatte, und da es nicht angeht, dass eine Affäre mit einem Mitgliede ausserhalb der Organisation ausgetragen werde, haben wir Unterzeichneten folgende Resolution gefasst: 1. Wir sehen in dem Vorgehen Schönbergs eine Schandtat^ die allen Begriffen von Ehre und Menschlichkeit hohnspricht. 2. Wir schliessen Herrn Schönberg auf diesem offiziellen Wege aus der Organisation aus und beauftragen die Leitung unseres Komitees, diesen Tatbestand durch die Presse zu veröffentlichen und besonders allen Institutionen und Vereinen, die für Palästina arbeiten, bekannt zu geben. 3. Den Mitgliedern der Organisation ist anzuempfehlen, den Verkehr mit diesem Herrn abzubrechen. Für die Zentrale der jüdischen Organisation in Palästina: I. M. Pines, Dr. N. Weitz, Ahron Eisenberg, B. Papirmeister, B. Lebowitsch, Josua Chankin, Salomon Jelin. Eine blutige Tragödie unter jüdischen Auswanderern. Unter diesem Titel meldet der Berliner „Tag": Im Unterkunftshaus für unbemittelte Israeliten in Hamburg fanden in der heutigen Nacht (30. 4.) schreckliche Szenen statt. Ein älterer polnischer Auswanderer geriet über-die Störung seiner Gebetsübung durch einen Glaubensgenossen; in Wut und versetzte ihm einen tödlichen Stich mit dem Dolchmesser in den Hals. Die Frau des Erstochenen verfiel bei dem Anblick in Tobsucht. Der Täter versetzte sich dann selbst mehrere Stiche und wurde tödlich verletzt in das Krankenhaus geschafft, ebenso die irrsinnige Frau. : Die Ausschreitungen in Kischenew. Aus Kischenew, den 8., meldet die Russische Telegraphenagentur: In dem Prozesse wegen der bei den Ausschreitungen im April 1903 an. zwei Juden begangenen Mordtat wurde der Angeklagte Woituschenko zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Sechs Angeklagte wurden freigesprochen. Exzesse ruthenischer Bauern. In der Gemeinde Zabje im Bezirk Kossow brachen am 5. ds. bei der Rekrutenaushebung Exzesse der ruthenischen Bevölkerung gegen Polen und Juden aus. Die ruthenischen Bauern versuchten, die Telegraphenleitung zwischen Zabje und Kossow zu zerstören, wurden aber durch Gendarmen daran verhindert. Die Polen und Juden in Zabje baten die Stathalterei telegraphisch um militärische Hilfe, worauf eine Kompagnie Infanterie von Kolomea nach Zabje entsendet wurde, der es gelang, die Ruhe aufrecht zu erhalten. Ein antisemitischer Magistratssekretär namens Derne) verursachte in der Wiener Spiritusausstellung einen grossen Auflauf durch öde und rohe Schimpfereien gegen die luden, die er insgesamt als Fälscher und Schwindler bezeichnete Einer setzte sich zur Wehre und wurde beleidigt Er verschaffte durch Klage dem rabiaten Menschen zwei Tage Arrest. Bei den letzten Gemeinderatswahlen in Wien für den ersten Wahlkörper gewannen die Antisemiten den Liberalen noch einen Bezirk ab, den letztere bis jetzt inne hatten. Jetzt haben die Liberalen 19 Mandate im Gemeinderat, die Sozialdemokraten 2, die Antisemiten 124. Bei zwei zufällig erledigten Mandaten aus der 4. Kurie traten die Sozialdemokraten in den Kampf und verloren trotz der Hilfe der Liberalen. Die Bekämpfer jüdischer Korruption. Der antisemitische Gemeinderat Wiens, der Greissier Bielohlawek, hat klagen müssen wegen des Vorwurfs, von einem Stadtbankett drei Flaschen Champagner mitgenommen zu haben. Sein Gegner gedenkt den Wahrheitsbeweis zu führen. Antisemitische Roheiten. Vor der Strafkammer I des Landgerichts Meiningen fand am 30. v. M. eine recht bemerkenswerte Verhandlung statt, deshalb bemerkenswert, weil die Anklage im öffentlichen Interesse auf Anordnung des Oberlandesgerichts Jena erfolgte. Als Nebenkläger, Beleidigter und Zeuge erschien der Kaufmann M. aus. Eisenach. Der Anklage liegt folgender Tatbestand zugrunde: Im November vorigen Jahres Jogierte der Kaufmann M., ein Jude, in einem Gasthaus in Heldbürg, wo er schon öfter eingekehrt war. Er sass in der Gaststube allein an einem Tische, an einem anderen Tische hatten drei Herren und eine Dame Platz genommen, die sich zu den ,»Honoratioren" des Städtchens zählten. Es war abends 5—6 Uhr, also nicht eine Zeit, in welcher etwa eine weinfröhliche Stimmung schon Platz gegriffen haben könnte. Die Gesellschaft erging sich in antisemitischen „Anulkereien", die sie direkt gegen den Reisenden richteten und die zuletzt einen solchen Charakter annahmen, dass der Reisende diesen antisemitischen Helden gegenüber das Feld räumte, den Gasthof verlies» und in einen anderen übersiedelte. Aber auch dahin folgten ihm die Honoratioren Pücklerschen Schlages, setzten ihr Unwesen wie auf gemeinschaftliche Verabredung fort, wobei sich der Apotheker de.s Ortes besonders hervortat. Schliesslich kam es zu Tätlichkeiten, in deren Verlauf dem Herrn M. der Arm ausgerenkt wurde. Aber auch jetzt noch hatte die Roheit kein Ende. Einer der Herren brachte höhnisch ein grosses Wandthermorneter, um, wie er witzig meinte, die „Fieberwärme"' des Verletzten zu messen. Die Angeklagten hatten nicht den Mut, ihr Vergehen offen einzugestehen, sie verkrochen sich hinter unglaubliche Ausreden. Der Vorsitzende bemühte sich um einen Vergleich, der auch zustande kam und der Gesellschaft solidarisch etwa 700 Mark an Kosten und Entschädigung auferlegte.. Der tätliche Angreifer erhielt noch extra 20 Mark Geldstrafe, event. 4 Tage Haft, Aus Slavonien. Jede Zeit findet ihren Mann. Dieser aber nicht immer seine Leute. Am jüdischen Konservatismus hat schon so manche Neuerung vergeblich gerüttelt. Erfasst jedoch der Jude die Idee, so führt er sie mit bewundernswürdiger Konsequenz durch. Gegen den angeblichen materialistischen Charakter der Juden spricht mit aller Entschiedenheit ihr Zug des echten Bruder- und Menschengefühls und der idealen Veranlagung, die in der Aufopferung und Selbstverleugnung ihren Höhepunkt erreicht. Zeigt man dem Juden den etwas modern anklingenden Zionismus in seiner Einfachheit und seiner — ich möchte sagen — Nacktheit, so findet er ihn natürlich und verständlich. Gewiss wird der Eine mehr, der Andere weniger Interesse dem Zionismus entgegenbringen. Das hängt von seinen Charaktereigenschaften ab. Dies konnte ich feststellen, als ich vor einem Publikum kroatischer Juden über den Zionismus sprach. Der Assimilationsprozess kann zu keinem befriedigenden Resultate führen. Die Orthodoxen sehen im Zionismus die Lösung ihrer Herzensneigungen. Den Indifferenten imponieren seine bisherigen Erfolge. Die praktischen Realisten finden auch darin Reales. Der Jugend gar bietet er einen fruchtbaren Boden realer Betätigung und idealer Begeisterung. So weit meine Erfahrung; und gerade darum sehe ich im Zionismus die nationale Bewegung. Für die Juden in Slavonien beginnt ein neues Leben. Der erste zionistische Verein ist in Vinkovci gegründet worden. Die Statuten wurden der kroatischen Landesregierung überreicht und dürften anstandslos bewilligt werden. Es ist begründete Hoffnung vorhanden, dass sich hierauf in einigen Orten, wo es bereits tätige Zionisten gibt, ebenfalls zionistische Vereine gründen werden. In Virovitica (Rabb. Dr. Kaufmann), Zemlin, Djacovar (Rabb. Dr. Roth) und Pozega (Rabb. Dr. Margel). In kleineren Orten gibt es auch schon Schekelzahler und eifrige Arbeiter für den Zionismus. Nicht zuletzt dürfte auch in der grössten jüdischen Gemeinde Slavoniens, in Essek, ein zionistischer Verein gegründet werden, da der gegenwärtige Kultusvorsteher Hugo Spitzer, sowie der Kultusvorstand für den Zionismus ein besonderes Interesse zeigen. Bei dieser Gelegenheit will ich auch nicht unerwähnt lassen, dass nach den vorjährigen Kischenewer Ereignissen in die zionistische Presse über Dr. Spitzer eine Notiz kam, wonach sich Dr. Spitzer einem Vorwurfe gegenüber, der ihm kroatischerseits gemacht wurde, als er für unsere Brüder eine Sammlung eingeleitet, gerechtfertigt hätte, er sammle für seine „slavischen Brüder". Dies entstand durch einen böswilligen Missgriff seitens der Esseker „Narodna obrana". Deir Anfang war alerdings schwer. Nun aber wird die nationale Bewegung rasche Fortschritte machen. Für Kroatien, Slavonien, Bosnien und Herzegowina dürfte in Bälde eine Organisation geschaffen, werden. Vom Fortschritte der Bewe^unn hängt auch die Realisierung der von mir für die kroatischen Juden gemachten Vorschläge: die Gründung eines Bundes aller Kultusgemeinden Kroatien-Slavoniens und die Herausgabe eines jüdischen Wochenblattes. Vom hiesigen akademischen Verein „Bar Giora" wird in den Ferialmonaten in Essek ein Kongress der jüdischen Abiturienten aus Kroatien, Slavonien, Serbien. Bosnien und der Herzegowina einberufen und in einigen Städten