Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316094--45722-3340543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 „bis # W$lt Nr. 20 Juweliergeschäfte sind meistens jüdisch. In der Monsky, der verkehrsreichsten Strasse 'der Stadt, reiht sich ein jüdischer Geschäftsladen an den anderen an, alle Warenbranchen repräsentierend. Es sind sehr grosse, auf das eleganteste eingerichtete Warenhäuser darunter. Während die Zahl der jüdischen Advokaten gering ist, erscheinen jüdische Ae-rzte und Zahntechniker stärker vertreten. Sie finden sehr günstige Erwerbsverhältnisse. Der rapide Aufschwung, den Aegypten seit Beginn der Achtzigerjahre genommen hat, hatte eine bedeutende Steigerung der Bodenpreise zur Folge, und so waren und sind auf dem Gebiete der Bau- und Terrainspekulation grosse und kleine jüdische Geidleute — als Gelegenheitsspekulanten oder Berufsmenschen — mit Erfolg tätig. Sie finden auch hier gleich rührige und ebenbürtige Konkurrenten, wie überhaupt in Aegypten, dem heiss umstrittenen Absatzgebiete der (europäischen Exportländer, die Konkurrenzkämpfe in allen Handels- und Erwerbszweigen mit dem Aufgebote aller wirtschaftlichen Kraft und geschäftlichen Routine geführt werden. Es verdient hervorgehoben zu werden, dass der jüdische Kaufmann und Kommissionär sich bei der einheimischen Bevölkerung grosser Beliebtheit erfreut und zumeist als sehr reell gilt. Auch die Erwerbs- und Existenzmöglichkeiten der zahlreichen, meist aus dem Osten stammenden jüdischen Handwerker und Arbeiter sind günstiger, als sonstwo in Ländern jüdischer Immigration, Unter den Zigarettenarbeitern bilden die russisch- und rumänisch-jüdischen Proletarier das intelligenteste, mehr klassenbewusste Element, wie der heurige grosse Zigarettenarbeiterstreik und die unter ihrer eifrigsten Mithilfe geschaffene Organisation bewies. Unter den Handwerkern befinden sich auch einzelne Ueberbleibsel der Cypernexpedition unrühmlichen Andenkens, die wie Trümmer eines durch einen ungeschickten Steuermann verunglückten Wracks in Alexandrien ans Land kamen. Der jüdische Handels- und Gewerbetreibende Aegyptens wird ebenso wie die Angehörigen aller anderer Nationen in seiner wirtschaftlichen Entwicklung durch nichts und nirgends gehemmt. Er wird weder in die Fesseln einer judenfeindlichen, zünftlerischen Gesetzesmacherei und Sozialpolitik geschlagen, noch leidet er unter einem nationalen Boykott oder den Auswüchsen hasserfüllter Parteipolitik. Steuerdruck fühlt er gleichfalls nicht, weil Aegypten das raffinierte Steuersystem und den fiskalischen Raubbau mancher europäischer Länder noch nicht importiert hat. So sind in dem mächtig aufstrebenden Aegypten, das als das reichste Land der Welt gilt, für ein materielles Wohlergehen und den wachsenden Wohlstand seiner jüdischen Bevölkerung alle Voraussetzungen gegeben. Während die materielle Kultur des Landes mit Riesenschritten vorwärts eilt, steht die geistig kulturelle Arbeit im Lande still, und auch die Juden Kairos unterliegen der offensichtlichen allgemeinen Versumpfung. Besonders die arabischen Juden sind wahre Musterbeispiele dafür. Rudolf Nassau. Aus Russland. Petersburg. Das Organ der russischen Regierung, der „Prawitelstwenny Wjestnik" (Regierungsbote), publiziert den Bericht des Ministers des Innern, Staatssekretärs v. Plehwe, an den Kaiser von Russland über das Ergebnis der im Jahre 1903 vorgenommenen Assentierung von Militärpflichtigen. Aus den in diesem Berichte enthaltenen offiziellen Daten ergibt sich neuerdings die Tatsache, dass der Prozentsatz der assentierten Juden viel höher ist, als bei den Assentierten anderer Konfessionen in Russland. Nach der Volkszählung von 1897 bildet die jüdische Bevölkerung in Russland 4.13 Prozent der Gesamtbevölkerung des Reiches. Im Jahre 1903 wurden zur Erfüllung der Militärpflicht 320 832 Personen einberufen. Unter normalen Verhältnissen müsste die Zahl der jüdischen Rekruten 4.13 Prozent der Gesamtzahl der Einberufenen, d. h. 13 250 Personen, betragen. Aus dem offiziellen Bericht geht jedoch hervor, dass in Wirklichkeit im Jahre 1903 nicht weniger als 17 941 Juden, d. h. um 4691 Personen mehr assentiert wurden. Und dennoch konstatiert der Bericht, dass die Juden im Jahre 1903 noch an 1970 Rekruten rückständig geblieben sind, was soviel bedeutet, dass durch die unregelmässige Belastung der Juden auf dem Gebiete der Wehrpflicht die Zahl der im Berichtsjahre zur Assentierung einberufenen Juden 19 911 betrug, um 6 661 Personen mehr, als die Norm es gestattet. Ein so* grosses Kontingent vermochte die jüdische Bevölkerung nicht zu liefern, weil sie physisch nicht imstande war, die ganze Zahl von 19 911 aufzutreiben. Sie gab dem Staate überflüssig 4691 Soldaten, während sie für die „fehlenden44 1970 Rekruten den Betrag von 300 Rubeln Strafe für jeden einzelnen, d. h. ungefähr 600 000 Rubel, wird bezahlen müssen. Die offiziellen Daten des Ministers des Innern berichten aber noch etwas: Von den einberufenen 959 045 N i c h t j u d e'n wurden 286 351, d. h. 29.86 Prozent, von den einberufenen 58 635 Juden wurden aber 17 941 Personen, d h. 30.59 Prozent, assentiert. Mit einem Worte: von tausend Nicht ju den wurden 298, von tausend Juden aber 305, d. h. um 7 Perso n e n mehr genommen. Und die antisemitischen Blätter Russlands haben noch die Frechheit und die Gewissenlosigkeit, zu behaupten, dass die Juden sich der Militärpflicht entziehen! . . . Kischenew. Wie der russische „Regierungsbote" meldet, hat die Gerichtskammer in Kischenew die der Ermordung des Juden Kainarskij während der vorjährigen Judenexzesse angeklagten Bauern Agejew und Tschekan freigesprochen. Kischenew. Das Gouvernement Bessarabien bereisen noch immer Emissäre der Kruschewan-Partei und verbreiten falsche Gerüchte über die Juden, um neue Judenexzesse zu provozieren. Der Polizeimeister von Kischenew sah sich deshalb genötigt, wie die offiziellen „Gubernskija Wjedemosti" melden, folgenden Befehl zu erlassen: „Um die Verbreitung von falschen Gerüchten, welche einen Teil der Bevölkerung gegen den anderen aufhetzen, zu verhindern, fordere ich die Polizeikommissäre auf, strenge darüber zu wachen, dass die Verbreiter dieser Gerüchte sofort zur Verantwortung gezogen werden." Witebsk. Die Stadt ist von einer fürchterlichen Feuersbrunst heimgesucht worden. Es wurden 250 jüdische Häuser, darunter auch einige Synagogen, völlig eingeäschert. 5000 Personen wurden brot- und obdachlos. Es hat sich zwar unter Vorsitz des Bürgermeisters ein Hilfskomitee gebildet, aber die Not der Abbrändler ist unbeschreiblich gross ... Swislotsch. Wie ein Telegramm der „Nowosti" meldet, ist das jüdische Städtchen Swislotsch im Gouvernement Minsk eine Beute der Flammen geworden. Hunderte von jüdischen Familien sind in die grösste Not geraten. Klemwanj (Gouvernement Wolyhnia). Auch dieses jüdische Städtchen ist vorgestern, wie die „Kiewskoje Slowo" meldet, von einer Feuersbrunst eingeäschert worden. Ungefähr 70 jüdische Familien kampieren unter freiem Himmel und leiden grosse Not. Lodz. Wie der „Warsehawskij Dnewnik" meidet, haben zwei zionistische Sängerchöre in Lodz unlängst die behördliche Erlaubnis zur Eröffnung einer Musikschule in Lodz erhalten, wo ausschliesslich altjüdische Musik unterrichtet werden soll. Die Leitung übernimmt Herr Podkaminer. Cherson. In der jüdischen Ackerbaukolonie „Polschaja Seideminucha'4 starb unlängst der Rabbiner der Kolonie, Polik Mabelew, im Alter von 90 Jahren. Er bekleidete den Rabbinerposten in der Kolonie ein halbes Jahrhundert und arbeitete bis zu seinem Ableben als Äckerbauer auf seinen Feldern. Er war der zionistischen Idee mit Leib und Seele ergeben. Gt. Die Bedeutung der religiösen Bräuche für die sittliche Belehrung und Erziehung. Das ganze menschliche Dasein ist in der Religion mit gesetzlichen Ordnungen, mit Vorschriften durchflochten, welche alle Arbeit und allen Genuss des Lebens begleiten. Kant hat, um den ethischen Begriff des Guten von allem Beiwerk zu läutern, den Gedanken ausgesprochen: „Es gibt überall in der Welt und auch ausser ihr nichts Gutes, als einen guten Willen." Der gute Wille aber ist derjenige, welcher sich in Uebereinstimmung mit Pflicht und Gesetz befindet. Dieser formale Grund und Wert des Ethischen findet in jeder Art von Gesetzlichkeit seine Bestätigung und Betätigung, denn was ist Gesetzlichkeit anderes als die auf Erfüllung aller Gebote gerichtete Gesinnung^ die stete Bereitwilligkeit und der energische Wille, pflichtmässig, das heisst nach der Norm des Gesetzes, zu handeln? Die Heiligung Gottes besteht in der Hingebung an Gott, in dem Gehorsam gegen seine Gebote. Frei von irgend einer Nebenabsicht, frei von allen Wünschen, Absichten und Zwecken, welche sonst ihre Anziehung auf (Jas menschliche