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Die Welt · 1904-05-13 · 20 (13.5.1904) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
20 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 20 „Di* # W^lt" Seite 7 Briefe aus Gairo. „Mon pays n'est plus en Afrique, nous faisons partie de l'Europe." Die stolzen Worte sprach der Khedive Ismail Pascha im Jahre 1879. Sie waren damals eine 'Starke Uebertreibung und sind kaum 'halbe Wahrheit geblieben, obwohl in dem seither verflossenen Vierteljahrhundert seit der englischen Okkupation ein gewaltiges Stück Zivilisationsarbeit, geleistet wurde. Bei den arabischen Juden zeigt sich nun die gleiche Entwicklung, wie bei den Arabern. Die. Träger der Kulturarbeit in dem an Entwicklungsmöglichkeiten überreichen Lande sind Europäer. Wie er sich räuspert und wie er spuckt, hat ihm der Araber glücklich abgeguckt. Bei seinen Reichen hat der oberflächlichste französische Geist siegreichen Einzug ©©halten, ihr Amüsement, ihre Kleidung, Bildung und Erziehung ist verfälschte Pariser Art. Der Fellache ist trotz zunehmender Wohlhabenheit das alte, geistig träge, bedürfnislose Arbeitstier geblieben. Der geistige und moralische Habitus des Aegypters hat sich im Wesentlichen nicht verändert: Vollblutorientalen mit europäischer Talmikultur. Und das arabische Aegypten bat die arabischen Juden, die es verdient. In ihrem Denken und Fühlen sind sie mehr Araber als Juden, in Moral und Sitten Orientalen. Ihr Innenleben und geistiges Streben hat nichts von moderner, europäischer Denkart angenommen. Ihr soziales und nationales Empfinden ist gleich Null. In den reichen Kreisen verbirgt sich hinter der protzig aufgetragenen Firnisschicht französischer Pseudokultur Trägheit und Unbildung, die armen arabischer Juden vegetieren in ihrer Ghettobeschränktheit dahin, gutmütige, gedrückte, vernachlässigte Leute ohne Intelligenz, Bildung, Ehrgeiz. Sie gelten als sehr religiös und sind's bis zum krasseten Aberglauben. Der „Sohar", das kabbalistische Hauptwerk, ist ihr Lieblingsbuch und das Evangelium ihrer Schriftgelehrten. Die arabischen Juden sind in ihrem ganzen Wesen anders geartet, als Europas Juden. Golüsleiden kennen sie nur vom Hörensagen. Fern von jeglicher antisemitischer Anfeindung wachsen sie auf, die vollberechtigten Untertanen eines freien Landes. Nur äusserlich frei und stolz, innerlich haltlos, geistig schwerfällig, sozial rückständig und verständnislos. Die Bedeutung der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes vermögen sie nicht zu fassen, weil die Erziehung ihrer Jugend, die Stellung und Bildung ihrer Frauen, die ganze Lebensart der arabischen Juden ihr nationales Erwachen derzeit hintanhalten. Die arabischjüdischen Frauen und Mädchen sind erschreckende Beispiele der Entartung und Asswniliertheit des jüdischen Volkes in Aegypten. Ihre Bildung ist minimal, ihre Lebensweise und Moral den Haremssitten vielfach angepasst Sie haben den Ruf als faul, unintelligent, lasziv. Die tiefststehende Pariser Lektüre bildet ihre hauptsächlichste geistige Nahrung. Es ist das traurigste Zeugnis für eine jüdische Mutter und Frau, wenn man ihr nachsagen kann, sie sei auch innerlich Araberin. Diesem Frauencharakter entspricht die Kindererziehung. Die arabische Jüdin kann und will als j ü d i s c h e Mutter die Erziehung ihrer Kinder nicht durchführen. Was das Elternhaus und Familienleben im Entjudungswerke begonnen, vollendet die Schule. In diversen katholischen oder evangelischen Missionsschulen werden die reicheren arabischjüdischen Kinder dem Judentum dann ganz entfremdet. Es ist begreiflich, dass Mischehen zwischen arabischen und europäischen Juden — übrigens ohnehin sehr seltene Fälle — meistenteils unglückliche Ehen werden. Kein Wunder; die Sitten und Lebensanschauungen der Eheteiie wurzeln in zwei verschiedenen Kulturwelten. Eine interessante, streng geschiedene Gruppe unter den einheimischen ägyptischen Juden bilden die Karairnen, deren es in Kairo etwa .150 Familien gibt. Sie bewohnen einen eigenen Stadtteil, hart angrenzend ans arabische Judenviertel. Von den arabischen Juden werden sie wie Todfeinde gehasst und verachtet. Als ich an einem Samstag in Begleitung eines reichsdeutschen Zionisten das Judenviertel besuchte und letzterer in einer Talmud-Thora-Schule einen greisen arabischen Juden im Laufe des Gespräches über die Karaime/n befragte, begann dieser seine Anklagerede mit den zornerfüllten Worten: „Verflucht sei ihr Name! Sie sind nicht unsere Brüder, sondern elende Mamserim." Zwischen Karairnen und Arabischen herrscht keinerlei Verkehr. Erstere haben eine eigene Schule, die allerdings auch äusserlich einen weit günstigeren Eindruck macht, als die arabischjüdische Gemeindeschule, eine ganz separierte Gemeinde und natürlich ihren Rabbiner. Beim Tempelbesuche beobachten sie ihre eigenen Gebräuche. Mit Fussbekleidung darf niemand über die Schwelle. Beim Betreten des Tempels werfen sie sich auf den Boden, indem sie ihn küssen, und in hockender Stellung, nach Art der Araber, verri'chten sie den grössten Teil ihres Gebetes, In ihrem körperlichen Aussehen unterscheiden sie sich von den übrigen Juden. Ein auffallender Typus: meist hagere Gestalten mit langen Nasen. Sie sind zum grössten Teile wohlhabende Leute. Bei etwa 25 Karairnen herrscht die Vielweiberei. Das Karaimenviertel hebt sich vom arabischen und sogenannten polnischen Judenquartier sehr vorteilhaft durch grössere Reinlichkeit und Ruhe ab. Um das Kapitel Frauenbildung und Jugenderziehung ist es übrigens im der jüdischen Bevölkerung Kairos überhaupt recht schlecht bestellt. Auch die Erziehung der aschkenasischen und sephardischen Jugend lässt viel oder alles zu wünschen übrig, sowohl im Elternhause, als auch in der Schule. Knaben und Mädchen wachsen heran, von keines höheren und ernsteren Gedankens Blässe angekränkelt. Mädchen- und Frauenarbeit ist verpönt, gilt als besserer Familien unwürdige Deklassierung. Ein Stück Haremsmoral. Die Schulbildung empfangen die jüdischen Kinder schlecht und recht in der Allianceschule oder in den Missionsschulen. Die wichtigsten Gebiete allgemeinen Wissens bleiben ihnen verschlossen. Gewiss, sie sprechen und verstehen mehrere Sprachen, was schliesslich in Aegypten jeder Eselstreiber auch trifft und erlernt. Aber siie beherrschen keine einzige Sprache so weit, dass sie ihren Geist erfassen, ihre Literatur und Geschichte kennen. So mechanisch und lückenhaft angeeignete Sprachkenntnisse bilden gleichwohl ihren Stolz und ihre einzige Stärke. Knaben und Mädchen werden frühzeitig gedrillt, ihr Dasein auf einen sehr dürftigen Inhalt und Zweck vorzubereiten und einzurichten: Die Knaben wollen und sollen möglichst bald und viei verdienen, die Mädchen unter die Haube kommen. Das Wie ist von nebensächlicher Bedeutung. Die in Kairo im französischer und spaniolischer Sprache erscheinende jüdische Zeitung „Misrahi", eine einsame Ruferiii in der Wüste, hat jüngst in einem ,,La jeunesse juive moderne" betitelten Artikel über die jüdische Jugend Kairos das allerschärfste Urteil gefällt. Sie nennt sie entartet und frivol. Die Lebensweise der Jungen, die Erziehungsmethoden der Alten finden sehr harte, leider gerechte Beurteilung. Ob aber die in dem Artikel vorgeschlagene Gründung von Bibliotheken und Lesevereinen zur Sanierung so eingewurzelter Schäden genügt, ist zu bezweifeln. Es bedari viel tieferer Rehügungsarbeit in solchem Augiasställe. Bei efcier Jugend, die alle Merkmale sittlicher Dekadenz und plattester Assimiliertheit an sich trägt, helfen solche Mittel nichts. Unbestrittene Erfolge haben die Juden Kairos auf geschäftlichem Gebiete aufzuweisen. Geschäft und Gewinn sind die Zauberworte, die ihren ganzen Lebenslauf bestimmen. Weit mehr, als gut und notwendig ist. Jüdischem Handels- und Erwerbsgeist machen sie im besten Sinne alle Ehre. Die jüdischen Kaufleute in Aegypten fhiden, wie überall im Orient, im Griechen ihren Meister, der anerkanntermassen der schlaueste, erfolgreichste, aber auch rücksichtsloseste Kaufmann ist. Ein Wuchergenie, dem der verrufenste jüdische Wucherer nicht das Wasser reicht, der Vampyr der Fellachen, der Beherrscher des Provinzhandels. Er ist zugleich der verbissenste Hasser und Feind der Juden im ganzen Orient. In Kairo ist das Kommissionsgeschäft fast ausschliesslich in jüdischen Händen. Auch Kleider-, Schuh-, Wäsche- und

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