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Die Welt · 1904-05-13 · 20 (13.5.1904) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
20 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „fcie * w^it Nr. 20 wir denn solche Memmen, wie wir scheinen? Nein; wir haben tapfer unser Blut in jedem Lande vergossen,- wir haben auf jedem Schlachtfeld unseren Mut bewiesen. Aber für wen und wofür haben wir gefochten? Nicht für uns selbst, sondern für unser Adoptivland, für England, wo wir den jüdischen Soldaten, die in dem Boerenkriege gefallen sind, ein Denkmal errichten, im selben Moment, in dem England daran gebt, das Werk der jüdischen Emanzipation zu zerstören. Wir kämpfen für Russland, für Rumänien, für Deutschland, wo kein jüdischer Soldat, mag er noch so brav und begabt sein, zum Offizier avancieren kann. Aber man hat uns nachgesagt, wir wären keine wahren Patrioten diesen Ländern gegenüber. Weit entfernt, unser Patriotismus ist entschieden pathetisch! Als ich vor kurzem in Spanien war, begegnete ich einem in Madrid lebenden Juden, der mir erzählte, dass er unter den rumänischen Juden herumgereist ist. Er hatte zufällig 'eine spanische illustrierte Zeitung in seiner Tasche mit dem Bilde Alfonsos, des jungen Königs von Spanien. Die rumänischen Juden bemerkten das Bild. ,,Das ist doch unser König!" riefen sie aus. Ueber vierhundert Jahre sind sie aus Spanien fort; sie wurden grausam von dort vertrieben mit Feuer und Schwert, und noch immer bewahrten sie das Andenken an das Land, das sie einst beherbergte, noch immer blieben sie dem Könige von Spanien treu und ergeben. Dies beweist wahrlich, welche wunderbare Fähigkeit für Patriotismus wir Juden besitzen; und wie närrisch ist das Volk, das den Schatz unserer Liebe verschmäht! Was ist aus Spanien geworden, seitdem es sich von den Juden befreite? Ich glaube nicht einmal für einen Moment, dass wir unsere Rechte durch physische Kraft erobern könnten. Kämpfen ist nutzlos, ausser in wirklichen Krawallen, und in diesem Falle glaube ich, obwohl man mir dieses vielleicht übelnehmen wird, dass es für eine grosse jüdische Bevölkerung eine Schmach sei, wie Schafe zur Schlachtbank zu gehen, umsomehr, als wir gesehen haben, dass die russischen Juden den Gebrauch des Schiessgewehres kennen. Man sagte mir, es sei leicht für einen, weit in England, grosszusprechen, er lebe nicht in einem Lande, wo die Soldateska selbst bereit ist, ihn niederzuschiessen. Aber das England vor sieben Jahrhunderten war dem heutigen Russland gleich, und dach, als . die englischen Juden angegriffen wurden, kämpften sie wie Männer, und die Verteidigung von York Castle im Jahre 1190 ist eine der heldenhaftesten Episoden in unserer Geschichte. Sechs Tage lang hielten die Juden von York in der Burg die Attacke aus, und als ihre Lebensmittel zu Ende waren, da töteten die meisten einander und tauften sich lieber in ihrem eigenen Blute, als in dem Weihwasser der Kirche. „Wir müssen einen ruhmvollen Tod einem schmählichen Leben vorziehen,4' sagte der Rabbi, und der Parness gab ihm selbst sein Messer. Aber ausser im Falle eines „Pogroms" oder eines Krawalls wird der physische Kampf unserer Sache nicht dienlich sein. Es ist für uns absolut unmöglich, uns zu organisieren. Selbst ein jüdischer Napoleon könnte aus uns keine militärische Macht machen. Aber der moralische Kampf bleibt uns übrig, die gegenseitige Hilfeleistung, die Macht des richtig angewendeten Geldes, die Macht des Geistes. In jedem Lande haben wir Männer mit Hirn und Männer mit Milliomen. Die zionistische Bewegung ruft sie alle zur Vereinigung, damit wir die alte Moral Aesops illustrieren können, dass eine Rute gebrochen werden, ein Bündel von Ruten einem Riesen trotzen könne. Der Zionismus hat einen Abgrund im jüdischen Leben auszufüllen. Wir haben versucht, ohne jüdische Politik zu leben, indem sich jede kleine Gruppe nur um sich kümmerte. Es ist so, wie wenn die japanische Flotte sich in die See ohne Plan begeben und jedes Schiff sich selber überlassen wollte. Der Zionismus bietet uns einen Plan, was wir mit unseren wandernden Massen beginnen sollten: Sein Name ist das unserem Board of Guardians so liebe Wort: Wiedereinsetzung in die Heimat. Aber nicht in die Stiefvaterländer Russland und Rumänien, sondern in das wahre jüdische Vaterland — Palästina. Aber dieser Plan ist kein leichter — nicht leichter, als die Aufgabe irgend eines anderen Landes. Warum sollten die Juden allein erwarten, dass ihnen gebratene Hühner — und noch dazu koschere — vom Himmel ins Maul fallen? Die zionistische Bewegung zerfällt in fünf Stufen, die überschritten werden müssen, bevor man von einem Erfolge wird sprechen können. Die erste-Stufe ist die Organisation 1er Juden und der finanziellen Maschinerie. Die zweite ist die Oeffnung der Tür Palästinas und die Erlangung eines öffentlich rechtlich gesicherten Territoriums in unserem alten Lande. Die dritte Stufe ist die erfolgreiche Einrichtung dieses Heims, die landwirtschaftliche, gewerbliche und koimm>erzielle Regeneration Palästinas. Als ich gesagt habe, der Tag, an dem wir Palästina bekommen werden, werde der schrecklichste, wenn auch der freudigste Tag unserer Bewegung sein, so meinte ich damit, dass wir an diesem Tage die dritte Stufe betreten werden, wir werden da auf die Probe gestellt werden, um zu sehen, ob wir tatsächlich die Menschen und das Material haben, um unser eigenes Heim zu bauen, und wir werden da alle unsere schönen Reden in Taten umsetzen müssen, wie Banknoten in Gold umgetauscht werden müssen. Die vierte Stufe, nach der glücklichen Errichtung des Heims und nach der Ausmerzung mancher unserer Fehler während der Arbeit, ist die Erhebung unseres Gemeinwesens zu einem Musterlande mit den weisesten und gerechtesten Lösungen der sozialen Fragen, so weit es möglich sein wird. Denn unser Land kann nicht bloss ein Staat unter Staaten sein. Moses baute den jüdischen Staat auf Recht und Gerechtigkeit, und mag man das Gebäude noch so sehr ändern, die Grundlage kan/n nie geändert werden. Die fünfte Stufe des Zionismus ist die Verwirklichung der jüdischen Mission, der Welt die sozialen Lösungen und die Ideale des Rechtes, die durch den geistigen Genius unserer Rasse entwickelt wurden, zu offenbaren. Vergebens sehen wir uns in der ganzen Welt nach einem für diese Aufgaben tauglichen Volke um. Es ist noch Gelegenheit vorhanden, auf dass das Gesetz von Zion komme und das Wort des Herrn aus Jerusalem." Hierauf kam Mr. Z a n g w i l 1 auf das OstafrikaprojeKt, die diesbezügliche Kontroverse und auf die Resultate der Wiener Konferenz zu sprechen. Er meinte, wir stehen noch immer auf demselben Fleck, und es sei an der Sache nichts geändert. Er. polemisierte dann gegen die Ausführungen einzelner Mitglied erder Konferenz, die Herren Ussischkin, Jacobsohn und Tschlenow, und führte aus, dass er auf seinem Standpunkt in der Ostafrikafrage, der sich in den Worten resümiert, dass man auf jeden Fall „den Vogel in der Hand behalten müsse", verharre, und die Ablehnung des Ostafrikaprojektes für einen schweren, nie wieder gut zu machenden Fehler halten würde. Dann wendete er sich in scharfen Ausdrücken gegen die Politik der Ica, die der immer mehr wachsenden Judennot passiv gegenüberstehe, ohne ^twas zu unternehmen. Es wäre schon Zeit, meinte er, dass sie sich schäme, den Namen „Jewish" (jüdisch) zu tragen. Hat doch das jüngst veröffentlichte Dokument des Baron Hirsch erwiesen, dass derselbe bei weitem kein Gegner der jüdischen Konzentration, des Zionismus, sein konnte. Warum folgt also die Ica nicht dem Geiste der Statuten ihres Stifters? Nach dieser beissenden und treffenden Bemerkung schloss er mit folgenden Worten: Meine Damen und Herren! Ich habe mich ehrlich bemüht, Ihnen den Stand unserer Bewegung darzustellen. Ich gebe mich nicht den Illusionen unserer russischen Freunde hin. Aber ich verzweifle auch nicht. Unser Fortschritt war langsam, aber sicher. Der Zionismus ist gegenwärtig in die West- End-Synagoge — das letzte Bollwerk der Borniertheit — eingedrungen, und sogar der Chief-Rabbi beginnt, ihn nicht ohne Sympathie anzusehen. Die jüdische Nationalidee spricht manchem, dem Palästina gleichgiltig ist, zu, während die jüdische Kolonisation in Ostafrika beinahe das Wohlwollen ganz Israels gewonnen hat. Es sind keine geringen Kämpfe, obwohl wir

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