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Die Welt · 1904-05-13 · 20 (13.5.1904) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
20 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 „bie * weit" Seite 3 den, wenn die Juden frei am englischen Leben teilnehmen dürften, Dinge, die beinahe so schlimm sind, wie die, deren Eintreffen mein Freund Lucien Wolf befürchtet, falls die Juden in Ostafrika eine Kolonie gründen dürften. Einer von den in dem Pamphlet aufgezählten Gründen ist die Beschuldigung, dass die Juden am Passahfeste ein christliches Kind opfern. Wenn diese alberne Lüge noch vor zwei Jahrhunderten in England Glauben fand, dürfen wir uns nicht wundern, dass sie in barbarischen Ländern ihren tödlichen Erfolg noch erreicht. Da ist eine Stelle aus einem schönen, alten englischen Poem — dem „Polyolbion" Draytons — aus dem Jahre 1622, einem Jahrhundert vor der Erscheinung dieses Pamphletes, zur Zeit, wo es in England keine Juden gab, die eine richtige Ansicht über Fremdeneinwanderung enthält. Die Stelle bezieht sich nämlich auf die holländischen Einwanderer, die sich in Norwich niederliessen: „Den emsigen Holländern jenen freundlichen Ort, Die ausgezeichnet in Arbeitskraft und Kunstgewerben, Sie. die hier Zuflucht suchen, ihr Leben fristen dort, Durch schwere Arbeit sich erhalten, wo Engländer oft sterben, Sie nähren sich von Wurzeln und Hülsen, sparen Schaf und Rind, Und leben so mässig, s^nd keine Schwelger, wie wir's sind." Das war die grossmütige britische Anschauung. Die Eingeborenen von Norwich beklagten sich nicht, dass die Holländer ihnen das Brot — oder das Bier — wegnehmen. Die Wahrheit ist vielmehr die, dass kein Fremder einen Schritt machen kann in einem Lande, ohne demselben einen Dienst erwiesen zu haben. Die jüdischen Einwanderer stehen nicht niedriger als die Engländer, die sie verdrängen sollen; sie sind ein gebildeteres Element. Die armen Juden vom Whitechapel sind im selben Masse den Christen von Whitechapel überlegen, in welchem die reichen Christen von Belgravia den reichen Juden von Belgravia überlegen sind. Die Fremdenbill schlägt dennoch vor, nicht den achtungswerten, arbeitsamen Fremden auszuschliessen, sondern den unfähigen und den blöden. Wie diese Massregel die Konkurrenz vermindern könnte, erklärt die Regierung nicht. Die Unfähigen und die Blöden können sicherlich in England nicht fortkommen — ausser im Parlament. Wenn der 1 ritische Löwe hungrig ist, weil der Löwe Judas in sein Revier jagen kommt, was frommt es, alle jungen und starken Löwen hineinzulassen und bloss die armen, zahnlosen Kreaturen auszuschliessen? Die Gefahr der Fremdenbill erwächst nicht aus ihrem Nutzen, den sie England bringen wird, sondern aus ihrer Nutzlosigkeit. Was wird der nächste Schritt sein? Etwa der, alle Arbeitsamen auszuschliessen, unsere Tore vor den jüdischen Einwanderern überhaupt zu schliessen? Es ist wahr, ein grosser Teil englischer Juden bleibt noch hier in Glück und in Ehren. Aber so lange e i n Jude leidet, bloss weil er ein Jude ist, so lange bleibt ein Makel auf der jüdischen Ehre, eine Wolke über dem jüdischen Glück. Und sind wir selbst in England wirklich so frei und unabhängig, wie wir es zu sein glauben? Da ist z. B. Mr. Lucien Wo-lf, der sich die Blüte der Engländer zu sein dünkt. Nun, als Mr. Wolf Dr. Herzl schmeichelte, indem er dessen Visite bei Herrn von Plehwe nachahmte, hatte sogar das Auswärtige Amt Schwierigkeiten, Mr. Wolf nach Russland hineinzubringen. Stellen Sie sich vor, was man für einen Lärm geschlagen hätte, wenn man wirklichen Engländern den Eintritt in Russland systematisch verbieten würde! Und Mr. Wolf glaubt trotzdem noch immer, dass er und seine Generation völlig emanzipierte Briten seien, „die das Wasser beherrschen und nie Sklaven sein werden". In der allgemeinen Politik ist Mr. Wolf ein Denker; in der jüdischen Politik ein Feigling. England ist, im ganzen genommen, das Don Quixotischeste unter allen Ländern, wurde aber doch überwiegend vom eigenen Interesse geleitet. Arme Fremde müssen aus London fortgeschafft werden, aber in Süd- Afrika, wo Arbeit nötig ist — ah! da ist es eine andere Geschichte! Arme Fremde müssen jetzt importiert werden — je mehr Zöpfe, desto lustiger. Die Chinesen glauben, dass es einen Vogel gibt — einen Phönix — der so gut ist, dass er weder ein lebendes Insekt aufpickt, noch eine wachsende Pflanze beschädigt. Aber er wurde seit den Tagen Contucius' nicht mehr gesehen. Ein solcher Phönix unter den Völkern, ein so vollkommen rechtschaffenes Volk mag vielleicht hinter dem Flusse Samlatyon existieren, entdeckt wurde es noch nie. Ein Aufflackern der Rechtschaffenheit haben ja alle Völker; das Gefühl der Gerechtigkeit ist am stärksten, wenn der Nachbar etwas Unrechtes getan. England klagt Frankreich wegen der Dreyfussache an, Frankreich tut es England gegenüber wegen des Boerenkrieges, Amerika klagt Russland wegen Kischenew an, Russland hält Amerika die Negerverbrennung entgegen. Es gibt wirklich in jedem Lande eine rechtschaffene Minorität, die den Balken im eigenen Auge sieht, eine redliche Partei, die Gerechtigkeit in der ganzen Welt wünscht, aber sie ist noch zu schwach, um sich in der Welt den Weg zu bahnen. Wir Juden können aber nicht die langsame Grossmut anderer abwarten. ,,Wenn ich nicht für mich bin,4' sagte liillel, „wer denn?" Die Nationen haben ihre eigenen Angelegenheiten. Dr. Herzl sagte uns, Russland habe versprochen, uns bei der Türkei zu helfen. Aber Rassland hat jetzt andere Sorgen. Amerika war wegen der Schrecken von Kischenew empört, aber jetzt ist es vollauf beschäftigt mit den nahenden Präsidentenwahlen. Desto mehr Grund vielleicht, den Funken der Rechtschaffenheit — wie es das Angebot des ostafrikanischen Territoriums seitens Englands ist — auszunützen, bevor er verglimmt. Aber wir dürfen nicht von anderen abhängig sein, wir können nicht immer wie Bettler beim Schmause auf die Brosamen auf dem Boden warten. Unser grosser Fehlgriff war der, dass wir versucht haben, in einer Welt des Krieges ohne alle Schutzmittel zu leben. Aber das Gesetz des Lebens heischt, dass alles, was sich nicht verteidigen kann, ausgerottet wird. Blicken Sie rings um sich auf die Schöpfung und sehen Sie, ob irgend ein anderes Geschöpf — ob Mensch oder Tier, Fisch oder Vogel — ganz so hilflos ist, wie der Jude. Aber ich habe vergessen, dass die Natur noch andere Schutzmittel gegeben hat. Manche Kreaturen können nicht kämpfen — sie haben weder Klauen noch Zähne — sie leisten passiven Widerstand. Diese Verteidigungsweise wird Mimicry oder Assimilation genannt. Gewisse Kreaturen entwischen ihren Feinden dadurch, dass sie der Gegend so völlig ähnlich sehen, dass sie das Auge nicht unterscheiden kann von den Bäumen, dem Boden oder dem Schnee. Nur auf diese Weise täuschen sie des Feindes Wachsamkeit. Diese Verteidigungsweise ist bei den wohlhabenden Juden der westlichen Länder sehr beliebt. Leisezutreten und zu lügen, niemals etwas ausgesprochen Jüdisches zu tun, mit der Menge zu schreien, mit dem Pöbel im gleichen Schritt zu laufen, wenn man Parlamentsmitglied ist, für die Fremdenbill zu stimmen — ist unsere jüdische Mimicry. Welch ruhmvolle Verteidigungsweise für die Abkömmlinge der Makkabäer! Es gibt noch eine zweite Form, sich zu wehren, ohne zu kämpfen — und diese ist die rasche Bewegung. Es ist die Methode des Fuchses und des Hasen. Die fortwährende Bewegung unserer Massen von Ort zu Ort ist beinahe die Bedingung für unsere Sicherheit, es ist das Geheimnis unseres Bestandes. Wer im Kampf nur die Flucht ergreift, Wird leben, um wieder zu fliehen. Wer würde glauben, dass unsere schlotternden Reichen und unsere ewig wandernden Armen die Nachkommen der Juden sind, die jahrelang Jerusalem verteidigt haben gegen die Römer draussen und die Antizionisten drinnen? Das zeigt, was dabei herauskommt, wenn man ohne Land zu leben versucht. Sind

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