Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „bi$ # Welt" Nr. 20 Ablenkung unserer Arbeitskräfte stand. Sie musste immer darauf bedacht sein, diese uns aufgedrungene oder sich selbst gebieterisch aufdrängende Tätigkeit in den richtigen Grenzen zu halten. Das ist ihr bisher gelungen, weil unsere Leitung die Grösse unserer Kräfte richtig abzuschätzen imstande ist und auf die Respektierung aller Anordnungen rechnen darf. Nichtsdestoweniger dürfen wir uns nicht der Erkenntnis verschliessen, dass solche Bestrebungen nur dann ohne Zersplitterung unserer Kräfte möglich sind, wenn sie methodisch betrieben werden. Die prinzipielle Geneigtheit, sich mit wichtigen Gegenwartsarbeiten zu beschäftigen, haben die Kongresse zu wiederholtenmalen bekundet, besonders wenn es sich um Gebiete handelte, die wir zu einer Erweiterung unserer Agitation ausersehen hatten. Der Ruf nach Eroberung der Kultusgemeinden ist auf unseren Kongressen von kompetenter Seite erfolgt, ohne dass diese Aufforderung gebührend berücksichtigt wurde. Vor allem deshalb nicht, weil man sich nicht genug bewusst war, dass es dazu jahrelanger systematischer Arbeit bedürfe, dass eine Anzahl von Vorarbeiten nötig sei, die in begeisterten Versammlungen allein nicht geleistet werden können. Wir werden uns entschliessen müssen, diese Vorarbeiten unverzüglich in Angriff zu nehmen. Es sind oft Arbeiten kleinlicher Natur, aber wir haben nicht zu fürchten, dass wir mit diesen Arbeiten auch den engbegrenzten Horizont ihrer bisherigen Besorger mit übernehmen müssen. Davor bewahrt uns unser grosses Streben, bewahren uns die weiten Ausblicke, zu denen die zionistische Idee ihre Bekenner befähigt. Zu diesen Vorarbeiten gehört unter anderem, dass wir uns auch der wichtigsten jüdischen Korporationen mit grösserem Eifer annehmen als bisher, dass wir nach Möglichkeit mit ihnen und, sollte es nötig sein, auch gegen ein etwaiges schädliches System arbeiten. Da wir Zionisten mit der tiefen Liebe zu unserem Volke an die Arbeit gehen, da wir vor keiner Mühe zurückschrecken, so kann es auch einer solchen systematisch durchgeführten Arbeit nicht an Erfolg fehlen. Alle diese Korporationen wissen schon jetzt, wenn wir uns nur gelegentlich um sie kümmern können, unsere Arbeitskraft zu schätzen. Sie werden, je länger sie uns an der Arbeit sehen, desto besser begreifen, dass sie von uns nichts zu fürchten und viel zu erhoffen haben. Sie werden, was sie jetzt erst ahnen, dann wissen, dass die Zukunft uns gehört und dass sie verbrecherisch handeln, wenn sie uns Schwierigkeiten machen. Dass sie aber dann überdies auch sehr töricht handeln; denn wenn wir unsere Kraft auf einen Punkt konzentrieren, so sind sie ebenso unfähig, uns su widerstehen wie vertrocknetes Laub den Frühlingsstürmen. Zu solcher Arbeit ist aber vor allem nötig, dass wir unsere Kräfte noch weiter differenzieren und sie an den richtigen Punkten verwenden. Da muss von den kleinsten Verbänden an zielbewusst gearbeitet werden. Die Landeskomitees werden die Parole übernehmen und weitergeben. Dann haben wir keine Zersplitterung zu befürchten. Dann werden wir Zukunftsarbeit leisten, wenn wir, und sei es auch ohne programmatischeErklärungen, Gegenwartsarbeit tun. W. Der Schekel-Tag in London. Donnerstag den 28. April fand in London eine grosse zionistische Versammlung in der Great Assembly Hall zur Feier des. Schekcltages statt. Den Vorsitz führte Mr. I. LGreenberg. Er eröffnete die Versammlung mit einer Rede über die brennendste Tagesfrage Englands überhaupt und der englischen Judenschaft insbesondere, nämlich über die Anti-Alien Bilk Seine Rede, die bei den Zuhörern einen lebhafter* Anklang fand, war ein flammender Protest gegen die Bill und gegen dip Unbill, die sie den Juden zufügt. Er Wies auf die nahe Gefafyr hin, dass auch in England der Antisemitismus grassiere. Er zeigte alle Schwächen und Mängel, die ganze Unzulänglichkeit der BL11, die nur den arbeitsfrohen, ehrlichen Juden die Möglichkeit benehmen werde, nach England zü kommen» „Die Anti-Alien Bill," sagte er, ,,ist antisemitisch in - ihrer Konzeption, antisemitisch in ihrer Handlung, mag man noch so sehr cfagegen protestieren." Er tadle nicht die Regierung wegen der, Bill. Er bedaure sie. Auch den Führern der jüdischen Gemeinde, des Board of Guardians, machte er bittere Vorwürfe, dasst sie bisher nichts Ernstes, Radikales in dieser Sache unternommen hätten. Er tadelte die jüdischen Abgeordneten im Parlament, die gleich Mr. B. L. Cohen, Mr. Lucas und Sinclair für die Bill eintraten. Nur wenige unter dett Juden im Parlament hätten den Mut gehabt, gegen die Bill aufzutreten, und map müsste mit Bedauern an die Zeit zurückdenken, da im Parlamente solche jüdische Delegierte sassen, wie Sir Julian Goldsmid, Sir John Simon und Baron Henry de Worms, die ihre Stimmen laut erhoben, wenn es ihrem Volke galt. Redner zitierte dann die Worte des Abgeordneten Mr. John Burns, der bei der Diskussion über die Bill die jüdischen Reichen apostrophiert und ihnen gesagt hatte, dass die einzige Möglichkeit, die Fremdenfrage zu lösen, im Zionismus liege, Sie müssten deshalb denselben unterstützen. Noch vieles andere sagte Mr, Greenberg warm und innig. Seine Rede war Von grossem Beifall begleitet. Man muss auch bemerken, dass die englisch-jüdische Presse, wie z. B. die „Jewish World'4, mit den Ausführungen Mr. Greenbergs, der so stark die antisemitische Tendenz hervorhebt, unzufrieden ist, und meint, er habe über die Schnur gehauen. Dir. D. Wolffsohn, der der Versammlung beiwohnte, hielt dann eine deutsche Rede. Er sprach vom Zionismus überhaupt, und von der Nationalfbank ünd von der Sphekelinstitution insbesondere. Dann legte er folgende Resolution vor: „Die Massenversammlung erklärt wieder, sie sei überzeugt, dass die zionistische Bewegung und die Wiederherstellung der Judenheit als Nation in Palästina die einzige praktisphe Hoffnung auf die Lösung des jüdischen Problems bilde, dje eines grossen, historischen Volkes würdig wäre. Deshalb verpflichtet sie sich und ermahnt alle Juden, die zionistische Bewegung unter der Leitung Dr. H e r z 1 s auf jede mögliche Weise zu fördern." Darauf erhob sich der dritte Redner der Versammlung, Mr. Israel Zangwill, der von den Versammelten mit Jubel empfangen wurde. Seine Rede, die wir leider nur teilweise veröffentlichen können, lautete: Aus der Rede Zanfewilty. Unser jährlicher Schekeltag wird heuer gerade zu einer Zeit abgehalten, wo die Notwendigkeit des Zionismus sogar dem britischen Juden klar werden muss. Bisher hat er von russischen Hetzen, von rumänischen Märtyrern, von marokkanischen Massakres gelesen, es war ihm aber, als ob er von einem Erdbeben in China läse. Aber jetzt nähert 3ich der alte Ruf „Hep, hep!" auch seinen eigenen Türen. Da schlägt man Juden in Wales, da boykottiert man Juden in Irland, in Schottland zirkulieren antisemitische Flugblätter, und im englischen Parlament liegt die Fremdenbill vor. Sogar jene Mitglieder des Parlaments, die den armen Wanderjuden nicht seines Zufluchtsortes berauben wollen, erklären im Unterfyause, dass sie die Bill lieher gegen die Park-Lane, als gegep die Petticoat-Lane gerichtet sehen möchten. Es sind blos^ Anfänge, es sind Symptome, die beweisen, dass unser geliebtes England ebenfalls von der Epidemie, die überall wütet, ergriffen wurde. Das ist aber nicht der erste Anfall in England. Es litt in den vorigen Jahrhunderten an dieser Krankheit in demselben Masse, wie alle übrigen Länder. In der Tat, ich besitze eine Broschüre, die vor ein paar Jahrhunderten erschienen ist und in der City Londons sehr verbreitet war, in welcher auseinandergesetzt wird, welch schreckliche Dinge geschehen wür-