Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 „bie tfweit11 Nr. 19 Um den neu entstandenen See aber standen die Tiere des Waldes und bewunderten die klare Flut, die sie nicht zu gemessen vermochten, weil sie zu salzig war. Und die Hyänen tranken aus dem See, weil sie wussten, dass er von Menschentränen stammt. Man erkannte sie aber doch, obwohl sie auseinander gegangen waren. Man erkannte sie an ihren verzerrten, verhärmten und leiderfüllten Gesichtern. Besonders aber an ihren ewig trockenen Augen, die verglommenen Kohlen glichen. Man erkannte sie daran, dass sie nicht weinen konnten ... In allen Weltgegenden tauchten sie auf, in Ost und West, in Nord und Süd. Und in allen Weltgegenden hasste man sie gleich stark. Zunächst wegen ührer Fremdheit, dann wegen ihrer hervorragenden Eigenschaften und zuletzt, weil man sie nicht zum Weinen bringen konnte. Man wurde gegen sie bestialisch, man sann über raffinierte Mordwerkzeuge nach — und doch konnte man keine Träne aus ihren Augen pressen. Denn die Unglücklichen hatten keine Tränen mehr, seitdem sie ihr Land verliessen. Da kam über sie etwas Schreckliches, das einem Fluche der Hölle glich. Als ihre Leiden ins Unermessliche wuchsen, da riss sich in ihnen etwas los. Ihre Nerven begannen zu vibrieren, ihre Muskeln begannen zu zittern und zu zucken und ibre Gesichter verzogen sich. — Und weil sie dabei keine Tränen vergossen, so sah die Verzerrung ihres Gesichtes wie ein Lachen aus. Also lachten sie, wenn man sie schlug, und man schlug sie, weil sie lachten. Und so wanderten sie durch die Geschlechter, die Todeswomde im Herzen und ein Lächeln auf den Lippen. Da kam eine Zeit, in der sie sich wohl zu fühlen begannen. Man schlug sie nicht mehr so jämmerlich, man empfand Mitleid mit ihnen. Man verspottete sie nur, man verachtete sie, weil sie das ewige Lächeln zur Schau trugen. Ihre Nachbarn erblickten darin etwas Hinterlistiges, ein Sich-Aufdrängen, ein Sich-Ducken, eine hässliche Bewegung — Darauf machte sie ein Mann ihres Stammes aufmerksam. Er versammelte eine grosse Schar um sich und sprach : „Eure Ahnen trugen Wunden in ihren Leibern und waren gross, ihr aber seid ein kleines, unwürdiges Volk. Eure Ahnen trugen eine grosse Sehnsucht in ihrem Herzen, nach dem Lande, das sie verlassen mussten, euch aber ist alles Grosse fremd. Eure Ahnen irrten in Wäldern umher und rangen den Tieren Bewunderung ab, ihr aber wohnet unter Menschen und habet alle Würde verloren. Eure Ahnen verachteten eure Feinde, ihr aber lächelt sie an. Euren Ahnen brannte der Boden der Fremde unter ihren Füssen, ihr aber befindet euch wohl und lecket die Hand, die euch schlägt." Und der.Wind trug diese starken Worte, diese Worte eines Starken, weit hinaus, weit hinaus ... er trug sie gen Morgen und Abend, gen Mittag und Mitternacht . . . Und er wehte hinein mit starkem Hauch in die Häuser der Armen und Unglücklichen und richtete sie auf . . . er stärkte die schwachen Seelen und gab Kraft den schlotternden Knien — — Hier ist dein Märchen zu Ende, Mutter . . .Und doch hat es kein Ende. Du hast mir das Ende nie erzäblt. Und doch möchte ich das Schicksal dieser Menschen kennen, denn ihr Unglück ist so gross wie das Meer —" Mütterchen spricht: „Sie sind auf dem Wege des wahren Glückes, denn sie haben ihre Tränen wiedergefunden." David R o t h b 1 u m. Die Fünf-Rubelbanknote Von E. G. Feigin. Freie Uebersetzung von Julie Goldbaum. (Schluss.) VII. Irodion Porfirowitsch Burenko, der Polizeiaufseher, war an diesem Morgen in der übelsten Laune aufgestanden. Auf den Fusspitzen, ganz leise trat er aus dem Schlafzimmer, um seine Frau nicht aufzuwecken, in das Speisezimmer, wo auf dem Tische der Sarnovar schon dampfte und ein Glas Tee für ihn schon bereit stand. Zuerst ging er aber zur Kredenz, welcher er ein Fläschchen Kognak entnahm. Er setzte sich, nachdem er einen tüchtigen Schluck getan hatte, an den Tisch und begann seinen Tee zu trinken. Bald aber sprang er wieder auf und begann nervös im Zimmer auf und ab zu gehen. „Wo soll ich die 30 Rubel hernehmen, um meiner Frau zu den Feiertagen das seidene Kleid, weiches sie absolut haben wili, zu bezahlen?'4 murmelte er zornig vor sich hin. „Getzel, der verdammte Jude, will nichts auf Borg geben! Zum Teufel! Bald hatte ich es vergessen, einen Hut braucht sie auch! Und das übrige zu den Feiertagen?" Und Irodion Porfirowitsch kratzte sich nachdenklich hinter den Ohren. „Von wem solj ich Geld hernehmen? Diese Juden, der Satan soll sie holen, sind selbst arme Teufel . . . Oder verstellen sie sich am Ende gar?" fuhr er wütend fort, nachdem er mit einem Zuge ein zweites Glas Kognak geleert hatte. Das Stubenmädchen öffnete leise die aus dem Vorzimmer führende Türe, verschwand aber gleich lautlos wieder, als sie das aufgeregte Benehmen des Herrn bemerkte; ein im Vorzimmer in Positur stehender Wachmann machte einige Schritte zu ihm, steckte den Kopf durch die Türe, blieb aber erschrocken stehen. Er wertete einige Augenblicke, dann steckte er wieder den Kopf durch die Türe und begann zaghaft: „Ew. Gnaden! . . „Was willst du?" schrie ihn Irodion Porfirowitsch an. „Ja, sehen Sie . . ." stotterte der Wachmann, „die Ziege ..." . . „Welche Ziege? Bist du besoffen? So rede doch!" donnerte ihn Irodion Porfirowitsch an. „Sie . . . das heisst . . . Ew. Gnaden ... ich glaube . . . sie krepiert," rapportierte, sich in Positur stellend, der Wachmann. * „Der Teufel soll dich holen mitsamt deiner Judenziege! lyiarsch hinaus! . . . Halt ein!" rief er plötzlich, „wo wohnt jener Jude, weicher damals die Ziege haben wollte?" „In den „Lehmhütten", Ew. Gnaden, Welwel heisst er." Irodion Porfirowitsch zog sich rasch an und ging hinaus. „Zusammen macht es 1 Rubel und 40 Kopeken aus, mehr als einen Rubel dürfen wir aber vom Fünfer nicht wegnehmen," sagte Welwel, neben dem auf dem Tische prangenden Fünf- Rubelschein sitzend und mit Schifre die Ausgaben ausrechnend. „Das fehlende Geld werde ich aus den heutigen Verdiensten ersetzen. Gott wird mir heute schon „zuschicken". Sei ohne Sorge!" Etwas Schwerfälliges rollte in das Vorhaus und begann hinter der Türe zu poltern. „Es sind wahrscheinlich Bekannte, die uns zu unserem Glücke gratulieren wollen," sagte mit verborgener Freude Schifre. Sie öffnete die Türe, sprang aber sofort entsetzt zurück. Vor ihr stand die athletische Gestalt von Irodion Porfirowitsch mit gerötetem, erhitztem Gesichte. Ein namenloser Schrecken erfasste Welwel, als er den Eintretenden bemerkt hatte. Wie von einer Natter gestochen, war er von seinem Sitze aufgesprungen und stand nun mit entsetzlich verzerrtem Gesichte wie ein Holzklotz da. „Ach!" entrang sich unwillkürlich seiner Brust der verzweifelte Ausruf.