Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 „bie # w^it Seite 15 Er spricht. Nun lauscht! er spricht! er, unser Bruder spricht! — So spricht die Nachtigall im stillen Walde: Ein jeder Stamm erbebt, kein Aestlein bricht, Kein Halm, das heilige Schweigen auf der Halde. Die jungen Reiser zieh'n den Atem ein, Stumm reckt den Wipfel auf die alte Föhre, Es lauscht das Moos am Boden und der Stein, Ein Blättlein rührt das andere : höre, höre! Lauscht! lauscht! er spricht! er, unser Bruder spricht! Was senkt die Häupter allen träumend nieder? Was glänzt in aller Augen heiss und licht? Was wogt in aller Brust so hin und wieder? So träumt's im Walde, wenn der Sturm verklang, Der Gruss verrauscht, die wilden Wiride schweigen, Im Mondenschein und Nachtigallensang So wogt's und weint's in Strauch und Mast und Zweigen. J. Auerbach. . Die Märchen meiner Mutter. Draussen liegt die Heide so traurig still, dass sich Einem sehnsuchtsvoll namenloses Weh im Herzen regt. Die Nacht gleicht einer Dämmerung im glitzernden Widerscheine des heillichten Schnees. Eine weihevolle Ruhe herrscht rings umher, denn die Weichsel ist im Eise erstarrt und plätschert nicht und die schwarzen Raben träumen in ihren Nestern. Und die Bäume stehen verwaist und regungslos, denn der bittere Frost tötete in ihnen jedes Leben ... Draussen liegt die Heide so traurig still und drin in der heiligen Elternstube ist es warm und traut. Hier ist der Friede. Draussen ist der Kampf, das Erstarren, der Tod — drinnen der Friede und die Liebe. Denn drinnen sitzt die Mutter. Und eine Mutter ist ein Lebensquell ... „Sag', Mutter, warum sind deine Wangen so bleich? Sag', warum liegt der Gram auf deinem schönen Angesicht? Wardm erglänzen deine Augen in Tränen, den Tauben gleich, die da baden in einem See? Nagt ein Weh an deinem Herzen? ZehVt die Sehnsucht an dir wie an deinem Sohne in grauen Stunden, wenn seine Seele nach dir verlangt, nach dir dürstet wie ejin Blinder nach dem Sonnenlicht?! Lassf, Muter, deinen Gram. Hadere mit dem Schicksal nicht, denn es ist stärker als du. Lass mich an dich schmiegen und deine Hände küssen. Denn du weisst es nicht, wie setig mich die Stunden in deiner Nähe machen. Und ich will dir zum Zeichen meines innigen Dankes eines deiner Märchen erzählen, eines deiner unvergesslichen Märchen, wie du sie mir vor langen, langen Jahren erzählt hast . . „Mein liebes Kind —u „Es war einmal ein Mann, der in einem Lande lebte, in dem es ewig schön und warm ist, weil es an der Sonnenseite liegt. Er war ein Mensch wie alle anderen, mit guten und schlechten Eigenschaften bedacht, und dennoch hassten ihn seine Mitmenschen. Sie warfen itai vor, dass er ein Fremder in ihrem Lande wäre. Sie hielten ihm vor, dass seine Väter Sklaven waren, mit deren Blute sich Tyrannen wuschen. Es half ihm nichts, dass er sich auf seine Urahnen berief, die reichbegüterte freie Fürsten waren, denn die Menschen sind böser als die Tiere und kennen kein Erbarmen, wenn sie hassen. Sie dichteten dem Manne alles Mögliche an, um ihn aus dem Lande zu treiben. Doch er wusste sich immer rein zu waschen, denn Gott gab ihm einen tiefen Blick und einen klaren Verstand. Da geschah es eines Tages, dass man den Fürsten des Landes ermordet aufgefunden. Und obwohl gar keine Gründe dazu vorhanden waren, bezeichneten doch alle den Mann als Verbrecher. Es nützte ihm nichts, dass er seine Unschuld beschwor. Seine Widersacher sammelten sich um sein Haus und zündeten es über seinem Haupte an. Und so musste er in finsterer Nacht mit seinen Kindern und Kindeskindern, nur im Besitze seines nackten Lebens, flüchten. Und so trieb sich die ganze Familie in Wäldern und Triften umher. In den Dörfern, durch die sie wandern mussten, verweigerte man ihnen wie gottesverfluchten Geschöpfen jede Gastfreundschaft, man wies vielmehr mit den Fingern nach ihnen und bewarf sie mit Steinen und allen möglichen Geschossen. Man schonte dabei die kleinen Kindlein nicht, die auf den Armen getragen, wurden. Man schrie und johlte ihnen nach und hetzte auf sie die bissigen Hunde. So schleppte die Karawane das Unglück mit sich, wohin sie kam . . . Als sie aber nicht weiter wandern konnten, weil sie ihre Kräfte verliessen, beschlossen sie, die Menschen zu meiden und in einer weltvergessenen Trift sich niederzulassen, wo sie dem menschlichen Getriebe ganz fern bleiben könnten. Sie wollten nur sich leben und ihrem Gotte. Und da erst haben sie bemerkt, was ihnen ihre Feinde getan. Ihre Leiber waren mit Wunden bedeckt. Die Kinder waren halbtot, die Greise lebensmüde. Alle aber waren sie schwach und krank und gebrechlich, so dass sie kaum ihre eigene Stimme ihörten, wenn sie sprachen. Und da der Mensch kein Tier ist, das von anderen Menschen fern in Wäldern leben kann, so wurde auch diesen Menschen das Leben in der Trift zur Last. Sie sehnten sich zurück in das Leben. Es zog sie hinaus in die Ferne. Die Wildnis wurde ihnen auf die Dauer zu wild. Sie fürchteten aber die Menschen, zu denen es sie hinzog. Es kam über sie der Schrecken jener Pein, die sie auszustehen hatten. Sie beschlossen deshalb, nicht mehr zusammen zu wandern, sondern Abschied von einander zu nehmen. Ein jeder sollte nach einer anderen Richtung sich wenden. Man sollte sie nicht erkennen. Und sie nahmen von einander Abschied. Es war vor Tagesanbruch, die Sonne war noch nicht aus dem Meer gestiegen. Sie standen nebeneinander und reichten sich die Hände. Man sah sich kaum. Da kam dem Familienvater die Grösse seines Unglückes zum Bewusstsein. Was sind Martern und alle Schreken der Hölle, wenn man sie gemeinsam leidet? Was sind Hunger und Pein, wenn man Genossen im Unglück hat? Aber auseinandergehen, niemals die Kinder sehen, au deren Wiege man gewacht, nicht wissen, wo sie sich befinden, nach ihnen nicht fragen dürfen, um sie nicht zu verraten, das ist bitter, das ist übermenschlich* das trägt kein Tier . . . Und der Mann begann zu weinen — Zunächst riss, sich ein Schluchzen aus seiner Kehle los, jämmerlich, stossweise, wie der Schrei eines getroffenen Panters. Als sich dann sein Herz beruhigte, begann er menschlich zu weinen. Es rannen ihm die Tränen unaufhaltsam über die Wangen. Es war ihm, als hätte sich ein bisher nie gekannter Quell in seinem Innern erschlossen. Es waren keine Tropfen, die ihm aus den Augen fielen, es waren zwei Giessbächleim, plötzlich angeschwellt, die unaufhaltsam sich ergossen. Mit ihm aber weinte die ganze Familie. Die Söhne, die weit weg von ihrem Vater mussten, und die Töchter, die ihrer Mutterliebe nunmehr entraten sollten. Und mit ihnen weinten die kleinen Kinder, die Säuglinge, die nichts von diesem Unglücke verstanden. Und sie weinten alle so lange, bis sie keine Tränen mehr hatten —-- Als die ersten goldenen Sonnenstrahlen in die Trift fielen, da war keines Menschen Spur mehr zu finden.