Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 „bi* & W^lt" Seite 9 wird von der Kommandit-Qesellschaft „Karmef4, Wien, veranstaltet, deren Leiter auch in Prag derselben persönlich vorstehen wird. Die Deutsche Orient-Gesellschaft bringt in ihrem neuesten, 21. Hefte eine Fülle hochinteressanter Nachrichten, vor alflem von den erst im vergangenen Herbste in Angriff genommenen Ausgrabungen in Kalat Schirgat am Tigris, der Ruimenstättje1 der ältesten Hauptstadt des assyrischen Reiches Assur. In der kurzen Zejt von noch nicht sechs Monaten sind hier eine Reihe von Baulichkeiten ganz oder teilweise freigelegt worden, darunter zwei assyrische Paläste und ein Tlempel, in deren Ueberresten eine grosse Zahl von historischen Inschriften und archäologisch wichtigen Funden zutage gekommen sind. Diese Inschriften umfassen mit ihrem Inhalt den ganzen Zeitraum von etwa 19ÖÖ bis 600 v. Chr. und bieten dem Forscher der alten Geschichte wertvolle neue Nachrichten namentlich aus der Zeit der älteren assyrischen Könige (um 1300 v. Chr.). Fast alle bedeutenderen Könige Assyriens bis herab zum letzten, Asurbanipal, dem Sardanapal der Griechen, sind mit Inschriften oder Kunst den kanälern vertreten. Von mehreren aufgefundenen, Bildsäulen verdienen besondere Erwähnung eine zweieinhalb Meter hohe, mit längerer Inschrift versehene Basaltstatue des assyrischen Königs Saftman asser II. (9. Jahrh. v. Chr.), die auch in Abildung beigegeben ist, sowie eine 64 Zentimeter hohe Kalksteinstatue des nackten, auf die Keule gestützten Herkules mit dem Fell des nemäischen Löwen, die man gewiss an dieser Stelle nicht »erwartet hätte. Die Palastwände fanden sich zum Teil geschmückt mit Tonfliesen, denen Ornamente aufgemalt waren. Auch zahlreiche Bruchstücke buntglasierter Tonziegel, die, wie es scheint, zum Schmuck der Mauer dienten, kommen zutage. In dem nämlichen Heft berichtet Dr. Koldewey über den Fortgang der Ausgrabung in Ba'bylon, wo in einem Palastzimmer eine grosse Anzahl' von Tontafeln geschäftlichen Inhalts gefunden wurde. Neues von der Assyrielogie. Man schreibt uns aus Paris: Im Louvremoiseum lag hier, bei den assyrischen Altertümern, bis vor wenigen Tagen noch vergessen oder nie beachtet, eine wertvolle., alte Gesetzestafel. Dass man sie dort so lange übersah, rührt wohl zum grossen Teile von der Unkenntnis der assyrischen Sprache bei1 der Mehrzahl der Muse umsbesu eher her und setzt mich persönlich ausserdem kaum in Erstaunen. Das einzige, was mich wunder nimmt, ist, dass sich jemand gefunden hat, der nicht nur die besagten Altertümer besucht hat, sondern der dabei noch so vieli Aufmerksamkeit zeigte, dass er etwas entdeckte. Der Fund wurde hier zuerst erwähnt im Anschiuss an das hundertjährige Bestehen des französischen Landrechtes, als dessen Vorfahren man den assyrischen Codex: bezeichnet Dieser Codex besteht aus einer Granitplatte, getragen von einer schwarzen Säule, die im Bas-Relief uns1 den weisen Hamrnurabi, König von Babylon, zeigt, der den Sonnengott Samas, den ,,Herrn des Tages", um die Gabe der Gerechtigkeit, der Grossmut und der Hochherzigkeit anfleht. Er enthält in einer assyrischen Inschrift von 4614 Zeilen eine genaue Angabe der Pflichten und Rechte, -die die Untertanen des Königs Hamrnurabi untereinander und dem Könige gegenüber hatten, und die in einzelnen Dingen, wenn man die veränderten Verhältnisse in Anrechnung bringt, den unseren sehr ähnlich sind. Auch im Jahre 2300 vor Christo hatte der Gläubiger das Recht, die Güter seines Schuldners mit Beschlag zu belegen; wenn man etwas bezahlte (das waren aber nur die Glücklichen, deren Sachen nicht mit Beschlag belegt wurden), so durfte man von dem Empfänger eine Quittung verlangen; Gewichte und Masse galten nur, wenn sie vom König eingesetzt waren. Man findet auch die festgesetzten Preise der Lebensmittel — Leute, die beim Einkaufen nicht betrogen werden wollten, brauchten also nur das Gesetz zu studieren — sowie die Zahlungstaxe für Aerzte. Diese letzteren betreffend, hatten übrigens die alten Assyrer ein als eigenartig auffallendes Gesetz. Jeder Arzt, dem Schuld an dem Tode eines Patienten nachgewiesen werden konnte, durfte durch Verstümmelung seiner Hände bestraft werden. Die arabisch-jüdische Literatur in Tunis. Die „Depeche Tunisienne" bringt einen sehr interessanten Bericht über den Geographenkongress, der in Tunis vor kurzem tagte. Eine Stelle dieses Berichtes verdient unsere grösste Aufmerksamkeit. Es keisst dort nämlich u. a.: M. Vassel liest eine sehr interessante Arbeit vor, die über die ethnologischen Verhältnisse in Tunis manche Aufklärung gibt. „Die Orientalisten wissen noch nicht", sagte er, „dass die Juden von Tunis eine eigene Volksliteratur, in jüdischarabischem Dialekte, das heisst in arabischem Jargon, der mit hebräischen Lettern geschrieben wird, besitzen. Sie haben Zeitungen, Romane, Gedichte, weltliche und religiöse Literatur in dieser Sprache. Die Tuniser Juden haben sich von altersher mit der jüdischen Literatur und Wissenschaft beschäftigt. Die beiden Talmude zitieren manchmal die Rabbiner von Carthago. Im VIII. und X. Jahrhundert waren diejüdischen Aerzte von Kairouan sehr bekannt, die Rabbiner dieser Stadt erlangten im XL Jahrhundert einen grossen Ruhm. Dann folgten vier Jahrhunderte des Verfalls, der durch die unablässigen Verfolgungen und Massakres hervorgerufen wurde. Im XVI. Jahrhundert beginnt die jüdisene Kultur sich aufs neue zu entwickeln. Im Zeitraum von 1759 bis 1886 sind ungefähr hundertrabbinische Werke in hebräischer Sprache erschienen. Eines von diesen ist sogar in Tunis selbst im Jahre 1760 gedruckt worden. Das erste Buch, das in jüdisch-arabischem Dialekt verfas?t wurdp, war das Gesetzbuch des Königreichs Tunis. Später schrieb ein gewisser Sarfati di^ arabischen Märchen auf, die er in den mauritanischen Kaffeehäusern hörte und verarbeitete sie. Er gründete zugleich eine Buchhandlung, wclurch weltlich« Bücher unter dem Volke verbreitet wurden. Im Jahrs 1869 li^ss Eiie Guedj in Livorno das erste Volksbuch drucken. Im Jahre 1880 wurde die erste arabisch-jüdische Zeitung gegründet, der bald eine zweite folgte. Im Jahre 1884 gab der Rabbiner Farhi eine Zeitung „EL Mobacher* heraus, die aber bald von der Regierung eingestellt wurde. Farhi ist der eigentliche Begründer der jüdisch - arabischen Literatur. Er hat eine Menge Novellen und Geschichten geschrieben, darunter auch einen grossen tunisischen Roman , Z i n El Teman". Dem Beispiele Farhis folgten andere Schriftsteller, wie zum Beispiel Sünna Levy, Jacob Cohen, Rabb. Fl ah, Haini Uz an und viele andere. Die tunisisch-jüdische Literatur hat bereits bedeutende Erschpinunge aufzuweisen und entwickelt sich immer mehr. Es werden auch französische Schriftsteller fleissig übersetzt. Die algierischen Juden haben auch eine Volksliteratur im Dialekt, sie ist aber sehr unbedeutend." Es wäre sehr erwünscht, wenn unsere Orientalisten sich der Mühe unterziehen wollten, uns mit dar arabischen Jargonliteratur näher vertraut zu machen. Eine Anekdote von General See. Von dem vor kurzem zu Paris im Alter von 82 Jahren verstorbenen jüdischen General See wird die folgende hübsche Anekdote erzählt, deren Wahrheit dem Hamburger Isr. Familienblatt von einem Augenzeugen verbürgt wird: „Es war an einem Sonnabend des Jahres 1868. Eine glänzende Parade des 3. französischen Armeekorps, dessen Befehlshaber General See war, wurde bei La Forte abgehalten. General See ging begleitet von seiner Suite auf das Paradefeld und nahm die Parade ab. Iomitten seiner OfnV..-3":e stehend, b( merkte er bei der Rückkehr unter den Zuschauern eine ältere jüdische Frau, die aus seinem Geburtsorte, Bergheim, stammte. Freundlich begrüsst er sie mi', ien Worten: „Gut Schabbes, Scheineie (Jaanette)!* Ganz überrascht stand die Frau d;j. Sie konnte sich nicht erklären, wie der Herr in der glänzende« Generalsuniform zu der Kenntnis ihres Namens komme und ihr solchen Gmss bieten könne. Auf ihre Erkundigung erfuhr sie, dass der General in ihr eine Landsmännin erkannt habe. Sie liess den General durch ein<-m Stabsoffizier um eine Unterredung bitten, die ihr auch sofort bewilligt wurde und in der der General alte Jugenderinn^rungen auffrischte. Generalmajor von Schweitzer. Wie wir aus dem Vcrordnungsblatte für das k. u. k. Heer entnehmen, wurde der Brigadier Eduard Ritter von Schweitzer von Sr. Majestät dem Kaiser von Oesterreich zum Generalmajor befördert. Die Judenexzesse in Uhnow. Der Prozess wegen der seinerzeit gemeldeten Judenexzesse im galizischen Städtchen Uhnow findet Mitte Mai vor dem Lemberger Strafgericht statt. Angeklagt sind 112 Personen, vorgeladen 251 Belastungszeugen, ausserdem viele Entlastungszeugiem. Die Verhandlungen werden zirka 4 Wochen dauern. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte in Hamburg eine Versammlung, bei der es einen Vortrag gab. Da sich etwa sechs Zionisten im Saale befanden und es sonst zu fad gewesen wäre, beschloss man, den Zionismus abzuschlachten. Der Schluss war eine Blamage des stänkernden Dr. Horwitz, denn die Diskussion wurde daraufhin nicht über den Vortrag, sondern über den Zionismus geführt. Durch die Hetzereien des Dr. Horwitz begegneten unsere Redner, Dr. Kalmus-Lübeck und Redakteur Stark, einem grossen Lärm, aber was sie sagten, war derart, dass Dr. H. die Versammlung rasch schloss, trotzdem noch acht Redner vorgemerkt waren, um für den Zentralverein einen Schein von Erfolg zu retten. Aerztlicher Boykott. In Nr. 5 der „Münchener Medizinischen Wochenschrift" vom 2. Februar 1904 sucht Dr. G. Liebe, Waldhof, Elgershausen, Kreis Wetzlar, für seine Heilanstalt für Lungenkranke einen approbierten christlichen Assistenten, Dr.