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Die Welt · 1904-05-06 · 19 (6.5.1904) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 19 „bi* $ W^it" Seite 7 Agitation und Organisation der Frauen/) Wieder halten wir zionistischen Frauen und Mädchen von Fünfhaus Jahresrückschau über das Geschehene, Erlebte, Erlittene und Erreichte. Dürfen wir mit unserer Arbeit zufrieden sein? Sollen wir neue Wege für unsere Tätigkeit einschlagen? Verzeichnen wir in unserer Jahresbilanz ein Aktivsaldo? Unsere energische und eifrige Führerin, Frau Fanny Weiss, hat Ihnen schon erzählt, dass unser Verein gewachsen ist und neben einer Anzahl neuer Mitglieder auch moralisches Ansehen in allen Kreisen gewonnen hat. Damit hat sie nicht übertrieben und nur wahrheitsgemäss berichtet. Es bleibt aber doch die Frage, ob uns das genügen darf und soll. Weshalb haben wir uns denn verbündet? Was ist der Zweck unserer Zusammenkünfte? Wofür sprechen und werben wir? Sind wir schon am Ende unserer Ziele? Aus dem statutarischen Zwecke unseres Vereines entnehmen wir die Antwort für die aufgeworfenen Fragen. Wir sollen die Idee der Kolonisation Palästinas und Syriens auf rechtlich gesicherter Grundlage fördern und das jüdischnationale Bewusstsein durch Pflege jüdischer Geschichte und Literatur heben. Wir sollen also die Kolonisation propagieren und die Kolonisation finanziell unterstützen; wir sollen Versammlungen abhalten, bei denen Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur gehalten werden und endlich für die jüdische Erziehung der Kinder sorgen. Das sind ganz besondere Ziele, die von denen: der anderen Frauenvereine wesentlich abweichen. Diese treiben nämlich meist Wohltätigkeit. Sie nähren und kleiden arme Schulkinder, pflegen und unterstützen Wöchnerinnen, bemuttern Waisen, senden arme Kinder in Ferienheime oder Kurorte, beaufsichtigen Schüler und Schülerinnen in schulfreien Stunden, oder aber kämpfen für die Weiterbildung der Frauen und Mädchen, errichten spezielle Kurse und Schulen für diesen Zweck oder sind wirtschaftliche Genossenschaften oder Aufklärungs- und Kampf Verbindungen. Unser zionistischer Frauen- und Mädchen verein aber hat vor allem einen politischen Zweck, dem die Aufklärungs- und Bildungszwecke untergeordnet sind. Nur zur sichtbaren Bemessung, wie wir den politischen Zweck gefördert haben, dient die Bestimmung, die Kolonisation finanziell zu unterstützen. So ist der Nationalfonds der Massstab für unsere Tätigkeit. Politisch ist unser Hauptzweck, weil wir sowohl für eine staatliche, als auch für eine territoriale Aenderung eintreten. Palästina soll die Heimat der meisten Juden werden und eine garantiert autonome Stellung einnehmen. Nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen sollen für diesen Zweck wirken. Wenn wir diesen unseren Zweck mit dem der anderen Frauenvereine vergleichen, so wird die objektivste Prüfung ergeben, dass wir durch unser politisches Streben weiter ausblickende und umfassendere Arbeiterinnen fürs Judentum sind. Wir treiben nicht Teil Wohltätigkeit, wir erfassen nicht einzelne Gruppen und Stände, unser Herz schlägt für das ganze Judentum und will allen Juden dauernd und gründlich helfen. Uns kümmern nicht nur die Not und das Elend der Armen, wir sehen auch auf den Wohlhabenden, der für sich, seine Familie und seine Habe zittern muss, uns erregt auch der Gebildete, nicht bloss der Unwissende, wenn er wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum mit Mühe Verdienst und Stellung findet. Die ganze, grosse, allgemeine Judennot ist der Gegenstand unserer Fürsorge, unserer Gedanken, macht uns fürchten und hoffen, veranlasst unser Wirken und Streben. Sind wir zionistischen Frauen also allen anderen jüdischen Frauenvereinen in Bezug auf Inhalt und Umfang *) Vortrag-, gehalten bei der Generalversammlung des Frauen- und'Mädchenvereines in Fünfhaus am 10. April 1904. unserer Bestrebungen überlegen, so haben wir aber auch die Fehler unserer Tugenden. Unser Tun ist nicht sinnfällig, wir treten aus dem Kähmen gewohnter Wohltätigkeit, wir üben keinen unmittelbaren Nutzen. Man hält uns für Schwärmer, für Idealisten. Der gewohnte Ausdruck der Beurteilung für uns ist: „Was die Zionisten wollen, ist alles sehr schön. Ich wünschte, ich könnte es erleben. Aber die Zionisten täuschen sieb. Vielleicht in tausend Jahren." So gelten wir für gutmütige Narren und jene, die so urteilen, sind die Weisen und Weitblickenden. Und doch meinten wir eben, dass wir Umsicht und Einsicht besitzen, die anderen aber beschränkt seien. Wo liegt die Wahrheit? Das Gesetz der Trägheit beherrscht auch das Menschenleben. Seit Jahrzehnten ist die Menge gewohnt, dass jüdische Vereine nur Wohltätigkeit üben und "Nutzen bringen. Plötzlich erheben sich Leute, die das nicht wollen. Das stört das normale, das Alltagsdenken der Menge. Das ist etwas Neues. Ks entsteht der Schrecken vor dem Unbekannten. Man prüft nicht und sieht nicht in die Gründe und Absichten des Neuen und forscht nur nach dem Masse, in dem sich das Alte dem Xeuen anschlicht. Und als Massstal) gilt Wohltätigkeit und Nutzen. Es kann dies aber der wahren Liebe und Neigung für andere nicht entsprechen. Wir sind Frauen, wir sind Mütter! Wir lieben unsere Männer, wir lieben unsere Kinder! Wir lieben oder liebten auch unsere Kitern. Kinder, Eltern, Gatten: das sind die Wesen, die unserem Herzen am nächsten stehen. Was erstreben wir für sie? Genügt es uns, unsere Kinder bloss zu nähren und. zu kleiden, haben wir nicht immer ihre Zukunft vor Augen? Ist es nicht unser Erziehungswerk, unser lebhafter Wunsch, sie so zu bilden und zu ziehen, dass ihre Zukunft die möglichst schönste ist? Die schönste nicht nur in Bezug auf Einkommen, sondern auch auf Stellung und Ansehen. Sinnbildlich für uns ist Hanna, die Mutter ^Samuels. Ihr heisserflehtes, einziges Kind weihte sie Gott; dem Höchsten bestimmte sie es. Und wollen wir für unsere Männer nur Strümpfe stopfen und gutes Essen bereiten? Wünschen wir nicht vielmehr, dass sie in ihren Geschäften an Ausdehnung und Ansehen gewinnen? Gehen also die Wünsche für unser Liebstes nicht auch auf Ideales, auf Zukünftiges und nicht auf den unmittelbaren Nutzen? Sind nicht in. der Familie jene Frauen die geschätztesten, welche von Kleinlichem weg höhere Ziele verfolgen? Aber leider, was im eigenen Kreise gelobt und gewünscht wird, das soll gewöhnlich für die Gesamtheit nicht gelten. Auch hier mögen uns praktische Beispiele belehren! Gut, vorzüglich und segensreich ist das Wirken der anderen Frauenvereine, aber stets und in allen Fällen nur für den Augenblick. Für die Gesamtheit und für die Dauer hat dieses Wirken keinen Wert. In die Tausende beträgt der Aufwand dieser Vereine und Tausenden schaffen diese Summen Erleichtcr u n g, a b e r n i c h t H i 1 f c. Eine unökonomische Zersplitterung des Geldes bedeutet diese Wirksamkeit, die leider sein muss, weil es immer arme, sich nicht aufraffende Menschen geben wird, und weil unser Kulturzustand stets Proletarier schafft, Dem gegenüber möchte ich Sie an ein Idealbild aus unseres Führers Doktor Herzls Programmroman: „A 11 - N e u 1 a n d" erinnern. Hier ist wie die Arbeit auch das Vermögen konzentriert und auch die Wohltätigkeit. Sie heisst aber nicht Einzelgabe, sondern allgemeine Fürsorge und ihr widmet sich vor allem die Jugend in den Jahren, in denen sie jetzt dem Staate oder dem eigenen Vergnügen dient, in denen sie jetzt meist Tanz und Unterhaltung huldigt. Der Gegensatz gegen jetzt ist folgender: Wie heute die Lern- und Wehrpflicht allgemein und zwangsmässig sind, so sollte in einem IdealrU.ate die Wohltätigkeit sein, die Fürsorge, soziale Tätigkeit, das heisst Vorbauen dem Elend und gründliches

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