Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 „bi* * W$lt" Nr. 19 sehen Soldaten während ihrer Dienstzeit gestattet ist, unter der Uniform die von der jüdischen Religion vorgeschriebenen Schaufäden zu tragen. Nachdem diese Frage dem erlauchten Oberkommandierenden des Militärbezirkes vorgelegt worden war, befahl Se. kaiserliche Hoheit (Grossfürst Sergius, d. R.), den jüdischen Soldaten das Tragen der Schaufäden unter keiner Bedingung zu gestatten." (Die Nachricht klingt trotz der offiziellen Quelle unglaublich. Die Red.) Kischenew. Die offiziellen „Bessarabskija Gübernskija Wjedemosti" publizieren eine Verordnung des. Gouverneurs von Bessarabien, wonach über 32 Juden, welche sich am 30. März versammelt hatten, um übeir Massnahmen zum Schutze der Juden gegen eventuelle Judenexzesse zu beraten, verschiedene Arrest- und Geldstrafen verhängt werden. Jakobstadt. Wie die „Rigaer Zeitung" meldet, hat der Gouverneur von Kurland und Esthland den Juden verboten, den Verkauf von christlichen Gebetbüchern zu betreiben. Jelisawetgrad. Nach einer Meldung der „Odesskija Nowosti" hat in letzter Zeit die Auswanderungsbewegung unter den Juden von Jelisawetgrad erschreckende Dimensionen angenommen. Die grosse ökonomische Krise, welche in Odessa infolge des Krieges eingetreten ist, hat ihre unheimlichen Schatten auf ganz Südrussland geworfen. Es verlassen die Stadt meist junge Handwerker, Kommis und Kleinhändler, so dass ganze Gassen allmählich menschenleer werden, Die Auswanderer wenden sich fast alle nach Amerika. Yalta (Krim). Der Gouverneur von Taurien hat seinerzeit, wie wir bereits gemeldet haben, dem Ministerium des Innern eine Petition der am Südufer der Krim lebenden Tabakpflanzer um Zulassung von Juden zum Aufenthalt in Yalta übersendet und das Ansuchen dieser Tabakpflanzer wärmstens befürwortet. Das Ministerium dirigierte diese Petition am den Verein der Weinhändler und Tabakplantagenbesitzer von Yalta zur Begutachtung. Nunmehr hat sich der Verein für die Zulassung von Juden zum Aufenthalt in Yalta und Umkreise während der Monate April, Mai, September, Oktober und November ausgesprochen, und zwar unter Hinweis darauf, dass die Nichtzulassung der Juden zum Aufenthalte in Yalta den Tabakptenzern grossen Schaden zufüge. Gt. Patriotismus und Zionismus. Von Cyrus L. Sutzberger. Das letzte und höchste Argument der Antizionisten ist der Patriotismus. „Wie können Sie", hört man sie sagen, „wie können Sie Ihrem Land von ganzem Herzen ergeben sein, wenn sie sich mit Zionsgedanken herumtragen?' Dies wäre ja ein sehr gewichtiges Argument, wenn die wirkliche, würdige Definition des Patriotismus ein ausschliessliches Verhältnis, wie es in dem angeführten Argumente angedeutet ist, bedeuten würde. Patriotismus ist nach der Definition des Century Dictionary, „die Leidenschaft, die eine Person bewegt, ihrem Lande zu dienen. Entweder durch Beschützung vor fremder Invasion oder durch Verteidigung seiner Rechte und Aufrechthaltung seiner Gesetze und Einrichtungen." Dass die zionistische Idee mit den Forderungen des Patriotismus nicht in Konflikt gerät, wird durch die Haltung Amerikas gegenüber Cuba bezeugt, die ein praktisches Beispiel bietet, wie os kaum ein anderes in der Geschichte gibt. Um den Leuten in Cuba ein öffentlich-rechtliches Heim in Cuba zu sichern, hat das Volk der Vereinigten Staaten durch die nationalen Zusammenkünfte seiner politischen Parteien, durch seine Vertreter auf dem Kongresse und durch den Präsidenten, dem spanischen Monarchen sein Interesse an Cuba und seinen Wunsch kundgegeben, dass die Lage daselbst sich verbessere. Als man jedoch zur Einsicht kam, das3 Geduld in diesem Falle nicht mehr eine Tugend ist, da erklärte der amerikanische Kongress, von den Empfindungen fast des ganzen amerikanischen Volkes unterstützt, dass Cuba ein freies und unabhängiges Land sei und mit Recht sein solle, Spanien wurde der Krieg erklärt und Cuba wurde unabhängig gemacht. Wenn irgendwo, so könnte man hier die beste Antwort auf die Lehre, dass Patriotismus Ausschliesslichkeit involviert, finden. Würde es jemand zu behaupten wagen dass sie, die für Cubas Freiheit uüd Unabhängigkeit den Krieg erklärt haben und die ihre Erk.ärung mit dem letzten Argumente, dem des Krieges besiegelten, keine Patrioten waren? Und wenn es patriotisch war, wegen der eubanischen Republik in den Krieg zu ziehen, wie könnte es unpatriotisch sein, friedliche und bloss moralische Propaganda wegen eines Gemeinwesens in Judaea zumachen? Es istbegreiflich, dass man folgendes Argument entgegenstellen kann: aber Sie sind in der zionistischen Bewegung für Ihr eigenes Volk tätig, während wir uns in der amerikanischen Bewegung für Cuba, also für ein fremdes Volk interessiert haben; deshalb ist Ihre Bewegung eine selbstische, während die unsere eine selbstlose war.* Tatsächlich war die amerikanische Bewegung für Cuba gar nicht so selbstlos, gab es auch nicht vor. Im Gegenteil, es wurde sogar fortwährend wiederholt, dass die Grundlage unserer Handlungsweise die kommerziellen und finanziellen Interessen unserer Bürger seien« Aber aogenommen, dass es anders war, und dass das Verhalten der Vereinigten Staaten bloss durch die unerträglichen Verhältnisse der Cubaner bestimmt war, würde dieses Argument in das folgende auslaufen : ein Amerikaner, der in keiner Beziehung zu Cuba steht, kann sich patriotisch für die Schaffung der eubanischen Republik interessieren, ein Amerikaner aber aus Cuba darf es nicht tun, weil es unpatriotisch wäre. Es ist eine reduetio ad absurdum. Oder um es auf den Zionismus anzuwenden. Ein Jude, der Z'onist ist, ist unpatriotisch, weil er für die Schaffung eiaer politischen Heimat irgendwo für sein Volk eintritt aber die Nicht-Juden, die Zionisten sind, sind nicht unpatriotisch, weil das Volk, für welches dieses Heim errichtet werden soll, nicht ihr Volk ist. Ein Argument, das zu trivial ist, um es wiederzugeben. Wenn wir wegen unseres Krieges mit Spanien wegen Cuba, gerechtfertigt wurden, sind wir sicherlich auch wegen der Sympathie zum Zionismus um Israels willen gerechtfertigt. Lange, lange genug hat die Wanderung dieses heimatlosen Volkes gedauert. Zu lange hat es seine Last von Land zu Land getragen, manchmal einen zeitlichen Ruheplatz findend, öfter aber bloss einem grossen Wachmann begegnend, der ihm immer „fort von hier** zurief. Wenn unser eigenes Wohlergehen uns noch nicht gänzlich geknechtet hat, wenn unser Blut noch warm ist und wir auch andere Regungen empfinden, ausser denjenigen, die uns das Steigen oder Fallen der Börsenpapiere vei ursacht, wenn für uns noch nicht in in unserer Selbstzufriedenheit Menscher elend nichts bedeutet, ausser, wenn es vor unseren Augen sich aufpflanzt, wenn wir gegen edles Streben, hohen Idealismus, geistigen Hunger noch nicht abgestumpft sind, so können wir gegenüber diesem Weltschrei eines Volkes um die Rückkehr an seinen eigenen Herd nicht indifferent bleiben. Keinem Menschen in der Welt ist es verboten, den Acker zu bebauen, ausser dem Juden, und nur deshalb, weil er Jude ist; niemand in der Welt wird verhindert, Handel zu treiben, mit Ausnahme des Juden und der nur wegen seines Judentums. Dem Volk, das die Welt erzogen hat, wird Erziehung verweigert. Den geistigen Riesen aller Jahrhunderte wird intellektuelle Entwicklung verwehrt. Diejenigen, die Lehrer der Sittlichkeit waren, sind einer solchen entwürdigenden Behandlung unterworfen, dass ihr eigener moralischer Sinn verderbt wird. Die Beschuldigungen, die Amerika gegen Spanien in der Angelegenheit Cubas erhob, sind nichtig im Vergleiche mit den ungeheuren Leiden, die Israel im Laufe von 2000 Jahren zugefügt wurden..... (Aus dem „Jewish Comment".)