Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 „bie # weit" Seite ö von der Ausweisung einzelner Verdächtiger — aber es blieb bei der Absicht. Herr G. P a n u, der kluge und geschickte Freund der jetzigen Regierung, versuchte sogar die Intellektuellen für die Regierung zu gewinnen. Er anerkannte das Recht zur Einbürgerimg der jüdischen Intelligenz (nur dieser zuerst) und riet dieser ihm sehr „sympathischen" Judengeschichte? sich ein wenig zu gedulden. Die Rumänen, die als Sieger aus diesem Kampfe gegen die Gerechtigkeit hervorgingen, konnten es den Juden aber nicht vergessen, dass diese im Auslande einige — viel zu laue — Verteidiger gefunden hatten. Da offenbar die Masse der Armen und Enterbten nicht imstande gewesen wäre, irgend etwas gegen eine mit allen Kniffen der orientalischen Diplomatie arbeitende Regierung zu unternehmen, wandte sich der ganze Groll der Herren gegen den jüdischen Titulierten. Diesmal nehmen sich die Herren nicht einmal die Mühe, zu behaupten: die Juden verbreiten Lügen. Sie haben es nicht notwendig. In einer Note der nationalen Studenten aus Jassy, die dem Ministerium vorgelegt werden soll, um von diesem die Ausweisung eines jüdischen Arztes ans Jassy zu verlangen, heisst es einfach: Die Juden als Fremde und nur im Lande Geduldete, dürfen sich nicht erlauben, irgend etwas gegen irgend jemanden zu sagen. Wenn ihnen (den Juden) die nationale Tätigkeit der rumänischen Studenten oder des Herrn A. C. Cuza z. B. nicht gefällt, so sollen sie trachten, aus Rumänien auszuwandern. Mit einem Wort: Die Juden haben zu schweigen, wenn sie in Rumänien bleiben wollen. ]\Tun, dieser Terrorismus wird seine Wirkung verfehlen. Kein Intellektueller in Rumänien wird sich den Maulkorb vorbinden lassen und wenn die Herren aus Jassy wirklieh Hunderte von rumänischen Studenten wären und nicht ganze 15 B lagners. Wenn der „Ecoul Moldovei" (26. IL) glaubt, die jüdische Masse durch Versprechungen oder Sophismen gegen ihre Führer, die Intellektuellen, aufzustaeheln, so täuscht er sieh. So klug sind schon die ungebildeten Juden, um zu wissen, dass es nicht in ihrem Interesse ist, die jüdische Intelligenz mundtot zu machen. Und dann — glauben denn die Herren, dass ausser den jüdischen Intellektuellen keine ehrliehen Männer in Rumänien existieren? Haben die Juden die unerhörte . . . politische Manipulation bei der Judeneinbürgerung im rumänischen Parlament entdeckt? Der Terrorismus nützt nichts gegen ungebildete, rohe Untertanen, umso weniger gegen die Gebildeten einer Nation. Und dann, was tun mit den Herren Delavrancea und Genossen, die auch gegen so hohe Politik 'sind?" Es bleibt nichts übrig, als sich weiter in das Studium inachiavellistischer Politik zu vertiefen und raffiniertere Mittel gegen diese Judenrasse, der nichts auf Erden heilig ■ist, zu erfinden. Und wenn Herr Delavraiicea, Filipescu, Garp und sonstige s. g. ehrliche Männer in Rumänien und Europa damit nicht einverstanden sind, so sind Herr A. C. Cuza, Max Kegis und Graf Pückler sicher dafür. Die werden sich von Protesten, nicht stören lassen. Th. Plebe. Aus Russland. Hornel. Die Zeitschrift „Prawo" berichtet über eine in Hömel unlängst stattgefundene Gerichtsverhandlung, welche beweist, mit welchen verwerflichen Mittelen die Judenfeinde arbeiten, um neue .Iudenexzes.se zu provozieren. Der Gerichtsvierhandlung lag folgender Sachverhalt zugrunde: In der Stadt Hornel wurden Gerüchte verbreitet, dass die Juden im gegenwärtigen Kriege in Ostasien den Japanern allerlei Hilfe erweisen. Der Oberaufseher der1 Weichensteller der Rowny- Eisenibahn' i>n Hömel, Gorbatschow, erzählte im Geschäfte des Dawydow in Gegenwart . vieler Bannarbeiter, dass der Homeler Jude' Jacob Lowjanow den Japanern 6 Waggons mit Verbandstoff und Charpie gespendet habe. Er gab noch an, dass er selbst, gesehen hätte, wie die Spende Lowjanows einwaggoniert worden wäre. Diese Erzählung rief unter den Arbeitern begreifliche Entrüstung gegen die Juden hervor. Die Arbeiter gingen mit dem Beschlüsse fort, Rache an den Juden zu nehmen. Auf der Strasse riefen viele: „Wir werden die Juden massakrieren!" Es ist somit begreiflich, welch grosse Unruhe unter den Juden entstanden ist. Infolge der Intervention des Juden Lowjanow wurde Gorbatschow, der Verbreiter des Gerüchtes, dem Gerichte überantwortet. Der Privatkläger, der bekannte Advokat Sarudny, hielt eine längere Rede, in wie Icher er die Gefahr der verbreiteten Verleumdung für das Leben der Juden und die grosse Panik, weiche unter den Juden herrscht, in beredten Worten schilderte. Das Gericht verurteilte Gorbatschow zu drei1 Wochen Arrest. Kischenew. Die offiziellen „Bessarabskija Gubernskija Wjedemosti" publizieren folgenden Erlass des Erzbischofs Jacob an die Geistlichkeit von Bessarabien: „In letzter Zeit sind vielfach Nachrichten darüber eingelaufen, dass übelgesinnte Personen unter dem einfachen Volke Gerüchte verbreiten, wonach die Juden überhaupt, darunter auch die bessarabischen, sich übelwollend gegen die Regierung verhalten, dass sie Geld sammeln und es nach Japan senden; ferner werden andere lügnerische Nachrichten über die Handlungen der Juden verbreitet, wodurch das einfache Volk gegen diese aufgebracht wird. Ohne über die Ungereimtheit dieser Gerüchte ein Wort zu verlieren, erwähne ich, dass die Juden in Bessarabien seit dem Beginne des Krieges eine ebenso grosse Bereitwilligkeit, dem Vaterlande zu dienen, wie die übrige Bevölkerung an den Tag legen und diese Bereitwilligkeit auch durch die Versicherung treuuntertänigster Gefühle für den Thron äussern, wofür sie der allerhöchsten Dankbarkeit gewürdigt wurden; ebenso äussern die Juden ihre Vaterlandsliebe durch ihre Spenden zum Besten der Kranken und Verwundeten im fernen Osten. Wenn die oben erwähnten Gerüchte, ohne widerlegt zu werden, ins Volk dringen, so kann sich leicht die Ueberzeugung festsetzen, dass sie begründet seien, was wiederum ohne Zweifel einen Hass gegen die Juden hervorrufen kann, der leicht ähnliche Ausschreitungen veranlassen könnte, wie sie im Anril vorigen Jahres stattfanden. Um Unordnungen vorzubeugen, habe ich . die Ehre, Euer Ehrwürden zu fragen, ob Sie es nicht für nützlich halten, dass die Geistlichen in den Kirchen und bei jeder Gelegenheit das Volk aufklären." Auf dieses Schreiben erMess der Bischof nachstehende Resolution an das Konsistorium zur sofortigen Beachtung: Den Geistlichen aller Kirchen der Eparchie ist durch Rundschreiben mitzuteilen, dass sie bei jeder Gelegenheit ihre Gemeindemitglieder darüber aufzuklären haben, dass sich die bessarabischen Juden zu den Ereignissen im fernen Osten ebenso wie die übrige Bevölkerung verhalten und auch wie diese freiwillig Opfer bringen. Was die von übelgesinnten Personen verbreiteten Gerüchte anbetrifft, wonach die Juden Geld «für die Japaner sammeln sollen, so sind diese Gerüchte absolut unbegründet. Schliesslich wird den Geistlichen vorgeschrieben, Aeusserungen eines feindlichen Verhaltens gegenüber den Juden sofort zur Kenntnis der Eparchalobrigkeit zu bringen. Petersburg. Die Ergebnisse der jüngsten Konferenz des grossen A.-C. erfüllen die russisch-jüdischen Blätter mit grosser Ereude und mit Hoffnungen auf den endgilügen Sieg der zionistischen Sache. Die „Buduschznostj" schreibt darüber wörtlich: „Der endgiltig eingetretene Friede eröffnet die Möglichkeit fernerer gemeinsamer Arbeit. Aber diese Tatsache spricht für die riesig grosse Kraft, welcher der zionistischen Bewegung innewohnt. Lie zionistische Organisation erwies sich so mächtig, dass sie alle unterseeischen gefährlichen Felsen, welche auf ihrem Wege lagen, glücklich umschiffen konnte. Das ist schon an und rür sich ein grosser Erfolg, zu dem die Führer der Zionisten sich gratulieren können." Petersburg. Aus dem jüdischen- Niederlasisungsgebiete treffen hier sehr beunruhigende Nachrichten über die immer an Umfang und an Schärfe zunehmende kritische ökonomische Lage unserer Volksgenossen ein. Der „Woskhod" widmet dieser Tatsache sogar einen Leitartikel, in welchem auf die immer wachsende Not unter den im Ansiedluingsrayon zusammengepferchten Juden hingewiesen und der aussichtslose Kampf dieser Unglücklichen um das tägliche Brot geschildert wird. Von Interesse dürfte es dabei sein, zu erfahren, dass die im Ministerium des Innern tagende Kommission zur Revision der Judengesetze im Prinzip sich für die Aufhebung der Verfügungen Ignatjews vom 3. Mai 1882, welche die Juden aus den Dörfern und dem flachen Lande entfernten, ausgesprochen hatte. Leider kam es zu keinem wirklichen Beschlüsse, weil die Kommission ihre Sitzungen auf unbestimmte Zeit verschoben hat. Moskau. Die „Moskowskija Wjedemosti" publizieren einen Tagesbefehl der Verwaltung des Moskauer Militärbezirkes folgenden charakteristischen Inhaltes: „Der Chef der Artillerie im Militärbezirke hat die Frage aufgeworfen, ob es den jüdi-