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Die Welt · 1904-05-06 · 19 (6.5.1904) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „bis *,weit" Nr. 19 Pariser Briefe. vi. Paris im April 1904. Ich habe schon über die Gründung der neuen Volksuniversität auf dem Montmartre in Paris geschrieben. In diesem Stadtteile sind mehrere tausend jüdische Arbeiter und Kleinhändler ansässig, und wie sehr die Universität, welche wir der Energie unseres Gesinnungsgenossen Schereschews ky zu verdanken haben, deren Bedürfnissen entspricht, beweist der starke Besuch der Vorlesungen, welche den jüdischen Geist staik fördern. Diese Tatsache verbürgt der neuen Volkshochschule eine grosse Zukunft. Ausser diesem ist noch ein erfreulicher Fortschritt zionistischen Lebens zu melden: Der bekannte zionistische Verein „Mebassereth Zion" hat im Zentrum von Paris, auf den sogenannten „Grands Boulevards" (rue Boridy 80) ein eigenes Lokal gemietet. Samstag abends hat die erste zahlreich besuchte Generalversammlung in dem neuen Lokale stattgefunden. Die Erwerbung eines ständigen Lokales ist für den Verein von grosser Bedeutung. Die Versammlungen in den Cafes waren immer lästig und unangenehm und hielten viele Gesinnungsgenossen vom Kommen ab. In dem neuen Lokal werden jeden Samstag abends zionistische Versammlungen des Vereines „Mebassereth Zion" und der Union der „Dames Sionistes" abgehalten werden. Hierbei wird den Gästen und Mitgliedern Tee serviert, und unsere einheimischen Gesinnungsgenossen, sowie die Durchreisenden werden gewiss herzliche und gemütliche Geselligkeit finden. Nun sind denn unsere Freunde im Besitze von vier Lokalen in allen den Stadt" teilen, wo Juden wohnen. Denn ausser den zwei Volksuniversitäten und dem genannten Lokale haben noch die zionistischen Studenten in Quartier Latin eine geräumige Behausung. Eine vierfache Operationsbasis zur Eroberung der Pariser Juden für das Judentum. Auf Anregung unseres Präsidenten Dr. AI. Marmore k hat Baron Henri de Rothschild 1500 Francs für der U. P. juive gespendet. Die Leitung der letzten hat der Schwesteranstalt auf dem Montmartre einen Teil ^dieser Summe abgetreten. N. B, D. Die Revision des Dreyfus-Prozesses nimmt vor der Strafkammer des Pariser Kassationshofes ihren Fortgang, der sensationelle Tatsachen bringt. Das öffentliche Interesse ist stumpf geworden, trotzdem der Fall sich jetzt tragischer und dramatischer gestaltet hat, als je. Das lichtscheue Klüngel und seine Machenschaften, die seinerzeit zur Marter eines Unschuldigen fahrten, sind bekannt. Und nun wird über den Gang des gegenwärtigen Prozesses berichtet: Die Generale haben alle bisher als für die Schuld von Dreyfus als massgebend bezeichneten Beweise fallen lassen. Die Generale Mercier, Chanoin, Gonse erkennen an, dass das eine Dokument BCe canaille de D,w sich nicht auf Dreyfus bezieht, dass das andere Beweisdokument, der Brief des Militärattaches, eine Fälschung sei, dass die Vorlesungen in der Kriegsschule, welche auf der deutschen Botschaft gefunden wurden, nicht die Aufzeichnungen von Dreyfus seien, welcher ein Jahr vorher die Kriegsschule besucht hatte. Die Generale erklären, dass sie sich geirrt haben oder dass sie in Irrtum geführt wurden. Aber sie halten ihre Meinung von der Schuld des Dreyfus dennoch autrecht, indem sie für dieselbe andere Beweise anführen, als; die waren, welche der Verurteilung des Exkapitäns in Paris und in Reimes als Grundlage gedient hatten und welche zum Zwecke dieser Verurteilung gefälscht worden waren. Die Generale rufen jetzt das Bordereau an und behaupter, Dreyfus habe, trotz der Feststellungen des Kassationshofes und trotz des Geständnisses von Waisin-Esterhazy das Bordereau dem deutschen Militärattache' geliefert. Die Generale stützen ihre Meinung auf das alte Gutachten Bertillons. Aber dieses Gutachten Bertillons, das den Eindruck macht, als wäre es von einem wissenschaftlichen Bajazzo geliefert, wird von dem berühmten Mathematiker Paiulede, der vom Gericht befragt wurde, als schwindelhaft gekennzeichnet. So haben denn die Verteidiger der Anklage immer schwerere Mühe, ihre Argumente auf den Beinen zu halten. — m — Politische Mittel und Wege in Rumänien. Rumänien ist das Land der hohen Politik. Jeder rumänisch« Abgeordnete hält sich wenigstens für einen Machiavelli, auch, die obskursten Provinzstädtehaben ihre politischen Sterne, und das gesamte Abgeordnetenhaus gar ist geradezu ein Ausbund der höchsten Politik. Am besten können wir das aus der s. g. Judencinbürgerimgsaffäre ersehe]]. Diese Affäre wurde von einem oppositionellen Abgeordneten — Herrn Delavraneea — ans Tageslicht gefördert und machte sehr viel von sich reden. Sie wurde von verschiedenen Gesichtspunkten aus gebilligt oder verurteilt. Bekanntlich erlauht die rumänische Verfassung den Juden, um die Einbürgerung einzureichen. Dafür — für die Zulassung zfir Einreichung — müssen die Juden eine ansehnliche Taxe zahlen und zahlreiche kostspielige Dokumente .vorweisen. Wie vielen Juden die Einreichung genützt hat, kann man aus der Zahl der jüdischen Bürger in Rumänien, sehen. Sicher haben die Vertreter des Landes, die rumänischen Abgeordneten, das Recht, die Einbürgerung den einreichenden Juden zu gewähren oder zu verweigern und, wenn sie es für recht finden, die Juden von der Einbürgerung iüiszuschl Lessen. Man kann das bedauern — voriges Jahr hat es selbst Herr Stourdza für die europäische Galerie .bedauert — aber das Gesetz und ihr Gewissen schützt sie vor jedem Angriff. Das Gesetz schützte sie aber nur bis vor kurzem, denn, kann man ihre in Frage stehende Tat \vie man will nennen: höchst politisch, patriotisch — gesetzlich kann man sie nicht heissen. Herr Delavraneea wies nach, dass bei jüdischen Einbürgerungsabstinimungen — sie sind geheim — die Zahl der abgegebenen Kugeln (weisse: pro, schwarze: kontra) grösser ist, als die Zahl der anwesenden Abgeordneten. Wie gesagt, kann man sich das aus hohen politischen Rücksichten sehr wohl erklären, aber viele urteilen nicht von so hohem Gesichtspunkte und es entstand eine heftige Polemik in der rumänischen Presse und ihrer Umgebung. Die jüdischen Intellektuellen protestierten dagegen mehr oder weniger laut. Aber es wurde augenblicklich Stellung gegen sie genommen. Diesmal hat die Regierung nicht die gewohnte Rolle als Anstifter, sondern Aussenstehende suchen die Regierung zu Gewaltmassregeln aufzuhetzen. Wenigstens, sieht es vor den Kulissen so aus. Das Land, die öffentliche Meinung verlangt in Versammlungen und in der Presse Repressinnittel gegen die Juden, genauer: gegen einen Teil der Juden. Die goldene Universitätsjugend in Jassy, politische Blätter in Bukarest (nicht nur Krautblätter antisemitischen Odeurs) und einige namhafte Politiker haben eine neue Kampagne angefangen. Die Kampagne gegen die jüdische Intelligenz und gegen die jüdische Presse in Rumänien. Uebrigens ist diese Kampagne nicht plötzlich aus den Wolken gefallen. Wie alles in dieser Welt, ist sie nur die notwendige Folge früherer Ereignisse, und der aufmerksame Beobachter hätte sie schon lange vorher prophezeien können. Zur Zeit des Sturmes gegen das Handwerkergesotz entstand ein leiser Unwille gegen die jüdischen Journalisten. Diese Journalisten, hiess es, verbreiten „Lügen" über Rumänien in der ausländischen Presse. Man sprach

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