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Die Welt · 1904-05-06 · 19 (6.5.1904) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19 „bie * Weit" Seite 3 Die Fremdenbill im englischen Parlament. Montag den 25. April fand im Unterhause des englischen Parlamentes die zweite Lesung der Fremdenbill statt. Die Debatte knüpfte sich eigentlich nicht an die ßill selbst, sondern an ein von Sir Charles Düke beantragtes Amendement. Wie bekannt, bezweckt die Bill die Einschränkung des Einwanderungsstromes aus dem östlichen Europa nach England. Die Präventivmassregeln sind ungefähr folgende: Jeder Einwanderer muss bei seiner Ankunft eine» Reisepass vorzeigen. Er muss dann nachweisen, dass er kein „Pauper14 ist und dass ernichtder öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fallen wird. Nachdem ihm endlich die Erlaubnis zur Landung erteilt worden ist, wird er registriert und unter Polizeiaufsicht gestellt. Gibt irgend ein Polizeibeamter an, dass der „Fremde* sich der öffentlichen Unterstützung bedient hat, sei es auch vor 12 Monaten, so wird letzterer ohne weiteres des Landes verwiesen. Dann werden in London und den übrigen grossen Zentren Englands „verbotene Gebiete8 eingeführt, d. h. es wird den Einwanderern verboten, sich in diesem oder jenem Stadtteile anzusiedeln. Dass man unter Fremden Juden versteht, wird von allen offen zugegeben, trotz der Versicherungen des gewesenen Lord-Mayors Sir Marcus Samuel, der in einer jüdischen Versammlung den antijüdischen Charakter der Fremdenbewegung energisch in Abrede stellte. Dass die Sache aber anders steht, beweist sowohl die Haltung der Presse, besonders eines gewissen Teiles — z. B. des »Daily Graphic" -- und ähnlicher Zeitungen, als auch besonders die Montagsdebatte im Unterhause. Sir Charles Düke beantragte, wie gesagt, ein Amendement, das folgendermassen lautet: „Da das Haus der Ansicht ist, dass dem Uebel, das aus der niedrig belohnten Arbeit der Fremden erwächst, durch Massregeln gegen das Schutzsystem entgegengetreten werden müsse, wünscht es doch, vor der Zustimmung zu. der Fremdenbill sich zu vergewissern, dass in der vorgeschlagenen Massregel genügend Rücksicht genommen wurde, um an dem Prinzip des Asyls für die Opfer der Verfolgung festzuhalten." Zur Begründung dieses Zusatzantrages, der ja, wie man leicht einsieht, schon an sich eine Kritik und eine Einschränkung der Bill ist, sprach zuerst der Antragsteller selbst, Sir Düke. Er übte eine scharfe, aber sachliche Kritik an dem Gesetzentwurfe, er sprach in Ziffern, in statistischen Daten und stürzte das ganze Gebäude der Antialienisten um. Er erzählte die Vorgeschichte der Bill. Sie war eigentlich eine Geburt des Sozialismus, sie ist von den Sozialisten ausgegangen. Aber die Sozialisten verleugnen sie in ihrer jetzigen Form. Die Konservativen, die Gegenfüssler der Sozialisten, haben sich die Bill zu eigen gemacht. Nun aber hat die Kommission zum Studium der Frage Resultate zutage gefördert, die geradezu verblüffen. Sie hat nämlich erwiesen, dass die Daten von Sir Akers-Douglas, Minister des Innern — der ja die kompetenteste Autorität sein sollte — aus der Luft gegriffen sind. Das Staatssekretariat hat ganz einfach, wenn auch unbewusst, das Haus irregeführt. So zum Beispiel gab der amtliche Bericht an, dass im Jahre 1901 die Zahl dsr Einwanderer 81.000 betrug, 1902 aber auf 82.000 stieg, welche Tatsache dahin gedeutet wurde, dass die Fremdeneinwanderung immer wachse. Wahr ist aber, dass im Jahre 1901 9000 Fremde, 1902 gegen 8100 gekommen sind. Das ist ein unerlaubter Irrtum um das Zehnfache. Dann hat das Staatssekretariat alle Einwanderer, die mit der dritten Klasse fahren, als „mittellos" bezeichnet, was bei weitem nicht der Wirklichkeit entspricht. Den gewaltigen Aufschwung des Verkehrs mit Kanada und Amerika, der durch die Durchreise der Fremden nach diesen Ländern hervorgerufen wurde, hat der amtliche Bericht vollständig ausser Acht gelassen. Und die Zahl der Auswanderer dorthin ist noch immer im Wachsen begriffen. 387.000 Personen schifften sich in englischen Häfen, speziell in Liverpool, im Jahre 1902 nach Canada ein. Es wird überall das Gerücht verbreitet, England habe eine gewaltige Anzahl von Fremden. Das ist bei weitem nicht der Fall. Im Vergleich mit den übrigen Ländern hat England sehr wenig Fremde. In Deutschland ist der Prozentsatz der Fremden 1.38%, vor zehn Jahren war er 0.48%. In Belgien ist er 2.82% hoch (früher 2.6%). In Frankreich gibt es 3%. in der Schweiz 9.5% Fremde, in England bloss 0.69, gegen 0.58% vor zehn Jahren. Man sagt, die jüdischen fremden Einwanderer unterbieten die Arbeit, fördern das Sweatingssystem. Aber dem kann man durch entsprechende Massregeln entgegenarbeiten. Und dann, es sind doch eigentlich so wenig fremde Arbeiter da, etwa 25.000 Schneider, 5000 Zimmerleute und gegen diese geringe Zahl soll man spezielle Gesetze erlassen! Die Erfahrung hat bewiesen, dass der jüdische Einwanderer kein Pauper ist und bleibt. Auch der Aermste, der nur seine zwei Hände und sein Hirn besitzt, arbeitet sich dann empor; ein schlagender Beweis ist der Fall eines jüdischen Einwanderers, der als Pauper gekommen, binnen einiger Jahre einer der grössten Kleiderfabrikanten geworden ist, der 3000 christliche Arbeiter beschäftigt. Und wenn die Bill durchgeführt wird, hat dann nicht England aufgehört, ein Asyl für die Verfolgten zu sein? Redner erinnerte dann an die Schuld, die die Engländer den Juden gegenüber haben, den Nutzen, den die Juden England brachten. Hat doch Disraeli gesagt, der Jude habe nach England den Funken von Genie, der den Engländern sooft abgeht, mit sich gebracht. Die Alienbewegung ist eine antijüdische Bewegung, und sie ist eine doppelte Verletzung des Prinzipes des Asyls und eine Vertauschung desselben mit dem Prinzipe des Hasses und der Unduldsamkeit. Mr. Trevelyan, Mr. As<[uith (gewesener Minister) und Mr. John Burns haben gegen die Bill und für das Amendement Düke gesprochen. Sie bewiesen mit Ziffern und unumstösslichen Beweisen, dass die Fremdengefahr im Verschwinden sei, dass sie nur von den demagogischen Politikern und Hetzern übertrieben werde. Auch zwei jüdische Abgeordnete sprachen für das Amendement. Mr. B. L. Cohen und Mr. Stuart M. Samuel. Die Rede des ersteren war sehr farblos, Mr. Samuel dagegen hat sehr energisch gesprochen. Die Hauptstützen der Antialienbewegung, Mr. Evans- G o r d o n, Mr. Howard Vincent, Horne-Secretary Mr. Akers-Douglas und andere verteidigten die Bill und verwarfen das Amendement Düke. Die Argumente, die sie anführten, waren keine neuen. Trotz der vernichtenden Kritik, der die argumentative Grundlage ihrer Behauptungen unterworfen wurde, wiederholten sie immer die alte Mär, dass die Fremden, die Juden, eine Gefahr für das englische Volk bilden u. s. w. Nach der Debatte wurde zur Abstimmung über das Amendement Düke geschritten und es ergab sich, dass 241 dagegen, 117 dafür gestimmt haben. Das Amendement ist also abgelehnt, die Bill in zweiter Lesung angenommen worden. Interessant ist, dass von den zehn jüdischen Abgeordneten drei dafür gestimmt, zwei — Colonel Francis A. Lucas und Sir Harry Samuel dagegen (Unionisten) die Herren ß. L. Cohen, Kapitain J. M. J e s s e 1, L. W. R o t s c h i 1 d, Sir Edward S a s s o o n, Louis Sinclair sich enthalten haben. Spectator.

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