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Die Welt · 1904-05-06 · 19 (6.5.1904) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „bie & w$itM Nr. 19 hier betont werden. Auf den Umwandlyngsprozess soll hingewiesen werden, der sich eben jetgt vollzieht und der wohl der grössten Aufmerksamkeit der zionistischen Kreise wert ist.;." Gewiss! Es gibt noch gewaltige Unterschiede zwischen unserem Progrartm lind dem des Verbandes. AVenn die „ Sorge für die östlichen Glaubensgenossen" grundsätzlich aus dem Arbeitsprogramm dieser Vereinigung ausgeschaltet wird, so ist das bereits eine tiefgehende Differenz, ganz abgesehen davon, dass unser Endziel, die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina, vollständig ausserhalb des Rahmens der Verbandstätigkeit liegt. Die Absicht aber, mit Regierungen und Volksvertretern zu verhandeln, die Rolle des Stillschweigens, des leisen Protestes, des Sichverkriechens hinter anderen Faktoren aufzugeben, die Betonung der Einheit der Judenheit, die Ablehnung der Einmischung in religiöse Streitigkeiten, vor allem aber die Begründung einer allen deutschen Juden gemeinsamen jüdischen Vertretung, das alles können und werden wir Zionisten mit Freuden begrüssen und nach Kräften unterstützen. Die Oeffentlichkeit der Verhandlungen des Verbandes, die Zusammensetzung der Leitung, das Verlangen, die Delegiertenwahl womöglich auf so breiter, volkstümlicher Basis vorzunehmen, wie es bei den zionistischen Kongressen der Fall ist, die Verhütung des Eindringens einer Clique, gleichgiltig welcher, in die leitende Korporation, das werden die Hauptpunkte sein, deren Beachtung sich unsere deutschen Gesinnungsgenossen wie alle anderen, die es mit dem Verbände gut meinen, angelegen sein lassen müssen. Die jüdischen Orgänisationsbestrebungen aber, die sich nicht nur in Deutschland zeigen, sollen uns zugleich ein Wegweiser sein für die zunächst bevorstehende Arbeit. Hier ist wieder ein Feld, auf dem wir mit den Nichtzionisten gemeinsam zum Wohle des Judentums arbeiten können. Wenn wir diese Arbeit nicht versäumen werden, wenn wir, ohne unsere Kräfte zu zersplittern, die geeigneten Männer zu solcher Mitarbeit entsenden können, dann werden aus diesen Organisationen kräftige Stützen des jüdischen Volksgedankens werden, dann wird mit der Zeit auch der Teil unseres Programmes, der noch nicht von allen anderen anerkannt ist, von jedem bewussten Juden angenommen werden. Dann werden wir erreichen, was wir als Voraussetzung des Gelingens unserer Arbeit betrachten, die Zusammenfassung aller der Kräfte, die für das Judentum noch nicht verloren sind. W. Der Verband der deutschen Juden. Es waren etwa 130 Vertreter aus denverschiedensten Gauen Deutschlands erschienen; grundsätzlich haben nur die Juden von Bayern und Wiirtemberg die Beteiligung abgelehnt, weil der Eintritt in den Verband mit gewissen, eigenartigen Landesgesetzen nicht in Einklang zu bringen war. Die Delegierten rekrutierten sich aus Abordnungen der Gemeinden, der Bezirks- und Pro vkizial verbände, des Rabbinerverbandes, des Lchrerverbandes, des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, des deutsch-israelitischen Gemeindebundes, der Synagogenverbände, der drei Rabbinersemimare und zahlreichen Einzelpersonen. Da der Verband als eine Körperschaft betrachtet werden will, die die Interessen lediglich der deutsch e n Juden vertritt, wurden von der Teilnahme alle Vereinigungen und Institutionen ausgeschlossen, deren Betätigung.über die Grenzen des Heimatlandes hinausgeht. Daher war weder der Hilfsvereitn der deutschen Juden, noch auch die zionistische Vereinigung für Deutschland offiziell vertreten. Wir werden■ infoj^eäess^h^den Einberufera des „Judentages'4 aufrichtig DankVwissen und $ire Loyalität gern anerkennen, dass sie trotzdem "auf die Mitarbeit der einst so unbequemen Zionhtm nicht verzichteten, sondern an die deutschen Mitglieder .des Aktionskomitees persönliche Einladungen zur BeteiKgu<n^/%g!&heri/ Hessel^;.. Wer" die Manien aller jener J^ustizräte, Professoren, Rafebkier und liberato Abgeordneten kennt, aus denen sicji derv Verband - der deutschen Juden zusammensetzt, der wird «äre Heranziehung xier zionistischen Vertreter gebührend zu würdigen wissen. Es'liegt zunächst darin das Zugeständnis, dass man unsere Bewegung auch in den leitenden Kreisen der deutschen Judenheit nicht mehr übergehen kann, wenn man eine imponierende jüdische Tätigkeit entfalten will. Ich glaub« aber auch, dass die Nichtzionißten unsiere erprobte Arbeitskraft und Opferfreudigkeit genügend kennen gelernt haben, um unsere Mitwirkung nicht nur nicht entbehren zu können, sondern um sie, zu wollen. Der Hauptzweck des Judentages besteht, wie aus den Darstellungen des Referenten und der Diskussionsredner hervorgfe'ht, darin, über die gesetzlich gewährleiseten Rechte der deutschen Juden zu wachen. Aus welchen tyrsächen der „Verband der deutschen Juden" seine zukünftige Arbeit als eine positive bezeichnet gegenüber der angeblich negativen des „Zenträlverernes deutscher Staatsbürger", leuchtet mir nicht ein. Im Grunde genommen erstreben beide dasselbe, wenn man auch zugeben wird, dass dem Zentralvereki die „nötige Autorität" fehlte, um seine Wünsche bei den massgebenden Faktoren durchzusetzen. Ob der neue Verband imstande sein wird, innerhalb des Judentums und in seinem Auftreten nach anissen hin als ei>ne Autorität zu gelten, wird die Zukunft lehren. Dass der Verband feinen Fortschritt gegen andere, früher begründete Vereinigungen darstellt, soll anerkannt werden. Dass man wieder die Gemeinsamkeit — gewissermassen zur Rechtfertigung — der religiösen Interessen in dem Vordergrund stellen zu müssen glaubte,, lässt allerdings die Hoffnungien auf einen neuen Kurs unter den deutschen Juden nicht allzu lebhaft werden. Wie wenig man übrigens von derGemeinsamkeit religiöser Interessen überzeugt war, geht schon daraus hervor, dass der Verband alle Diskussionen über Fragen der Religion und des Kults von seinen Verhandlungien ausschliesst. Das tut man nicht, weil man sich in diesen Gewissensdingen einig, sondern sehr uneinig weiss. Der Verband hätte den Mut besitzen sollen, mit der alten, innerlich unwahren Ueberlieferung früherer Vereine zu bnechen und das Gemeinsame da zu suchen, wo es sich wirklich befindet, nämlich in der Abstammung. Der Verband hätte sich als eine Vertretung der deutschen Staatsbürger j ü d i s c h e r Nation bezeichnen sollen; dann hätte er zu seinen guten Absichten auch noch die Wahrhaftigkeit auf die Flagge schreiben dürfen, ohne dass seine Ziele und Hoffnungen sjch «um ein Ato>m verändert hätten. Dann würde es zutreffen, was die zionistischen Abgeordneten, die Herren Dr. Bodenheimer und Dr. Klee, mit besonderem Nachdrucke in der Versammlung betonten, dass der Verband in erster Linie dazu beitragen möge, das Selbstbewusstsein und das Solidaritätsgefühl unter den deutschen Juden zu wecken und zu stärken. Ob aber die etwas unklare Tendenz des Verbandes bei den deutschen Juden grosse Sympathien gewinnen wird, erscheint fraglich. Man wird dem Verbände, so ist anzunehmen, mit derselben wohlwollenden Gleichgiltigkeit gegeraübertreten, wie dem Zentralverern der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens. Um einen Eindruck auf das Volk zu machen und eine geistig so hochstehende Gesellschaft, wie es die Juden sind, zu erobern, muss man ein festes, kerniges Programm aufweisen. •Vielleicht werden sich die Herren, die an der Spitze stehlen, ebenfalls zu dieser Ueberzeugung durphringen. Dann kann der Verband etwas Erspriessliches leisten. Wir wollen abwarten und das Beste wünschen. Dr. Jung mann.

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