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Die Welt · 1904-05-06 · 19 (6.5.1904) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Es kommt hierbei wenig darauf an, ob dies in klarer Erkenntnis des Zusammenhanges verschiedener Erscheinungen im Leben der Judenschaft mit den Forderungen unseres Programm es geschieht, oder ob unsere Idee bereits solche Macht gewonnen hat, dass die Juden sich unbewusst nach ihrem Diktate richten. Für den, der seit längerer Zeit das Leben der Juden und seine Widerspiegelung in Literatur, Kunst und Presse aufmerksam betrachtet, bedarf es bei dieser Behauptung keiner längeren Beweisführung, Auch denjenigen aber, die sich nur von Zeit zu Zeit mit solchen Dingen beschäftigen, kann es, wenn sie sehen können und wollen, nicht mehr entgehen, welcher Umschwung sich beispielsweise in den Anschauungen der westlichen Juden in Bezug auf das Judentum, die Grundlagen seiner Existenz und seiner Aussichten auf eine des Kampfes werte, bessere Zukunft vollzogen hät. Ein Faktum, das neues Beweismaterial zu erbringen vermag, ist die in der Vorwoche — am 24. April — vorgenommene Konstituierung des Verbandes der deutschen Juden. Das Hauptreferat der Versammlnng hatte Professor P h i 1 i p p s o n zu erstatten, derselbe Mann, dessen Bestrebungen, einen deutschen Judentag zustande zu bringen, vor noch nicht allzulanger Zeit keinen Erfolg hatten. Nunmehr hat er Aehnliches unter dem Beifalle vieler seiner damaligen Gegner doch erreicht. Freilich darf man da nicht vergessen, dass unterdessen viel Trauriges im Leben der Gesamtjudenheit geschehen ist und dass gar manche sich darüber klar wurden, dass der Gedanke Philippsons kein zufälliger oder bei der Studierlampe ausgeklügelter war, sondern die Formulierung eines Wunsches, der sich in dieser oder jener Art fast allen ernsten jüdischen Männern Deutschlands bereits früher aufgedrängt hatte. Der Verband der deutschen Juden wäre nicht gegründet worden, wenn sich nicht die Notwendigkeit einer Gesamtorganisation so dringend geltend gemacht hätte, dass alles Gegensätzliche dahinter von selbst zurücktreten rnusste. Man darf nicht vergessen, wie gerade bei den so stark assimilierten deutschen Juden naturgemäss grosse Widerstände besiegt werden mussten, ehe die allgemeine Anerkennung des Wertes einer solchen j ü d i s c h e n Organisation durchgreifen konnte. Wenn der Verband trotzdem zustande gekommen ist, so beweist das eben, dass sich die Anschauungen der deutschen Juden gründlich geändert haben müssen. Von den Bezirks- und Provinzialverbänden, von den Vereinigungen der Rabbiner und Lehrer, von den Abwehrvereinen und selbst von dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bis zu diesem Verbände musste auch in der ganzen Anschauung der deutschen Juden ein langer Weg zurückgelegt werden. Dass er zurückgelegt wurde, dass der Verband nunmehr besteht, daran hat unsere Idee ohne Zweifel einen Anteil, mag man dies auch in Abrede stellen oder zu verschleiern suchen. Lesen sich doch ganze Sätze der programmatischen Erklärungen, als ob sie dem Protokolle eines zionistischen Kongresses oder der Tendenzrede eines zionistischen Redners entnommen worden wären. Das ist aber doch gewiss nicht der Fall gewesen. Die Anschauung, aus der diese Erklärungen hervorgegangen sind, muss eben eine der unserigen gleichende geworden sein. Und da nicht wir uns geändert haben, so ist der Schluss gegeben, dass diese Aenderung in unserem Sinne eben auf der anderen Seite erfolgt sein muss. Es ist für uns sehr erfreulich, dass sich die Anzeichen des siegreichen Vordringens unserer Idee mehren. Nicht deswegen aber wollen wir über die Begründung des Verbandes der deutschen Juden Betrachtungen anstellen. Dass unsere Idee durchdringen wii d, das halten wir Zionisten ja für selbstverständlich, weil wir überzeugt sind, dass der Zionismus nichts Künstliches, aus irgend einer Theorie Entstandenes, sondern eine natürliche Entwicklungsform des Judentums darstellt, die notwendige Folge der versuchten und so ganz missverstandenen Assimilation, die ja ebenfalls eine naturgemässe Phase unserer Geschichte ist. Nicht das unaufhaltsame Vordringen unserer Idee allein mag darum

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