Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 „biS & W^lt" Nr, 18 beisser, der ob dieser Ueberraschung schier aufs Hinterhaupt fiel. Und den Hausierer von der Ladentür wegführend erzählte Herr Petiteus seine Geschichte des Fundes und Verlustes, während zwischendurch Herr Kern beisser mit den grausigsten Schwüren beteuerte, das bei den Birken weder eine leere noch eine mit 4 ü. 62 kr. gefüllte Geldbörse noch sonst ein bemerkenswerter Gegenstand zu sehen gewesen wäre« „Und wer soll der Dieb sein?" fragte dann Herr Kernbeisser. „Drinnen im Laden sitzt er!u Kernbeisser starrte verblüfft in die Branntweinschär-ke. „Cypryan Kajetan!*, sagte Herr Petiteus, „aber man kann ihm nichts beweisen!« Die beiden Herren verweilten noch einige Zeit in angelegentlichem Gespräche und schieden dann, nachdem sie «eine bestimmte Abmachung getroffen. „Und Ihr könnt versichert sein", sagte Herr Petiteus, indem er wohlwollend den Kernbeisser an dein langen Vollbart zupfte „dass der hölzerne Bauernschädel nächsten Freitag-Abend wieder in einem Strauchversteck liegen und aal* irgend eine Judenbörse lauern wird!u Herr Petiteus kehrte in den Branntweinladen zurück. Die Zeche des Cypryan Kajetan war inzwischen auf ungefähr vier Kronen angewachsen. Mit ziemlich unsicherer Hand bezahlte der Bauer und klimperte noch selbstbewusst mit zwei Guldenstücken, die ihm als Vermögensrest verblieben waren. Aber obwohl Herr Petiteus es nicht an aufmunternden Worten fehlen liess, so zeigte sich Cypryan Kajetan doch nicht geneigt, auch die beiden letzten Silber- Hnge zu vertrinken, er erklärte vielmehr, dass tr für das Geld einige Weihkerzen kaufen werde und eine schmucke Kette für seine Taschenuhr. Und auch die Bildchen seiner Namenspatrone wolle er sich als Uhranhängsel anschaffen. ----- Am nächsten Freitag, in den ersten Morgenstunden, ging Herr Petiteus hinaus vor das Städtchen zur Brücke und barg in der Höhlung der grossen Linde zwischen dem Holzmoder ein konvertiertes Briefchen. Dann ging Herr Petiteus wieder nach Hause. Mittags verliess er das Städtchen und begab sich in das benachbarte Brzoszczyki. In den Abendstunden wanderte er wieder durch das Gehölz heim, machte bei den drei Birken Halt, blickte vorsichtig nach allen Seiten, vergrub etwas in der Erde und schritt rüstig weiter nach Chrzodczany. Cypryan Kajetan verhielt sich in seinem Verstecke mäuschenstille und nachdem er durch scharfes Umherlugen sich überzeugt hatte, dass der Jude schon weit fort war und dass lür die Anwesenheit irgend eines Zeugen auch nicht das leiseste Anzeichen sprach, schlich er behutsam hervor und entnahm der Erde mit Hilfe eines Gartenspatels das anvertraute Gut. Wieder eine Börse! — Cypryan Kajetan blieb noch einige Minuten in geduckter Stellung und glitt dann in das junge Holz hinein. Alsbald hatte er sich auf Kreuz- und Querpfaden um ein beträchtliches Stück von der Stätte seiner erfolgreichen Schatzgräbern entfernt und konnte jetzt mit dem Gefühle der Sicherheit darangehen, die Börse zu visitieren. Das Tächchen an sich war ausserordentlich schäbig und in den Fächern nicht ein einziger Heller! Dieser filzige diebische Jud! Nur ein zusammengefaltetes beschriebenes Papier war im Mittelfache. Cypryan Kajetan spannte seine gesammten Buchstabierungskräfte an und begann das Schreiben zu entziffern. Hm, ein Brief! Und an wen denn?--Du meine Seele! — Ist es möglich? — Ein eiskaltes.Gruseln überlief Cypryan Kajetan. Der Brief war ja direkt an den lieben Gott gerichtet! Unter wachsendem Schrecken und mit weit aufgerissenen Augen las Cypryan folgendes: Lieber — Herrgott! Wenn — Du — selber — vorige Woche — mein — Geld — zu — Dir — genommen — hast, — so — beruhige — mich — darüber. — Wenn — ein — menschlicher — Dieb — es — gestohlen — hat, — so — gib — seinen —Namen — an, — damit — er — die —- gerechte — Strafe — erleide. — Ich — erwarte — Dein Antwortschreiben — bis — morgen — Früh wie — gewöhnlich — in — der — hohlen _ Linde — bei — der — Brücke! — Leib — Hersch — Petiteus. Herrn Cypryan Kajetan schlotterten die Kniee. Da sehe Einer mal diese Juden an! Sie stehen gar in einem vertraulichen Briefwechsel mit dem lieben Gott. „Wie gewöhnlich", heisst es in dem Schreiben. Also hat der Jude schon ötter Auskunft über verborgene Dinge bekommen. Eine hübsche Bescherung! Jetzt kann alles herauskommen und Cypryan Kajetan wandert ins Strafhaus. Gerade jetzt, wo der Frühling erschienen ist und es so schön im Freien ist. Es wurde ihm furchtbar weinerlich zu Mute, dem Cypryan Kajetan, und er starrte ratlos auf den Brief. — Aber halt! Ein Hoffnungsschimmer! Wer sagt denn, dass der liebe Gott die Anfrage des Juden überhaupt beachten wird. Er wird doch nicht jederzeit einem räuberischen Juden Rede und Antwort stehen! Vorwärts zur hohlen Linde! Wir werden ja sehen, inwieweit die Prahlereien dieses jüdischen Einbrechers glaubhaft sind Und Cypryan Kajetan lief und lief, bis er an der Brücke bei der alten Liode war. Er fuhr mit der klobigen Hand hinein in den weichen Holzstaub der Stammhöhlung — wahrhaftig, da war ein Briefchen! Und noch dazu in einem Kouvert Cypryan Kajetan musste die Adresse sehr nahe an die Augen bringen, denn die Durchsichtigkeit der Abendluft liess nunmehr viel zu wünschen übrig. — — Herrn — Leib — Hersch — Petiteus — in Chrzodczany-- Heiliger Himmel, die Adresse stimmt! Cypryan Kajetan empfand eine scheue Angst vor diesem Papier, in die Finger, die das Briefchen hielten, fuhr ein kribbeliges brennendes Gefühl, am liebsten hätte er das Kouvert fallen gelassen und wäre davongelaufen» Und doch spürte er auch wieder eine fluchwürdige Neugierde, die ihn gewaltsam am Platze esthielt und ihm zuraunte, er möge doch nachschauen, was für eine Meinung sich der liebe Gott über Cypryan Kajetan gebildet habe. Aber darf man sich unterfangen, das Briefgeheimnis zu verletzen und unbefugterweise in die fremde Korrespondenz hineinzuschielen? Die Stimme der sündhaften Versuchung flüsterte ihm hingegen zu, das Kouvert sei ja ohnehin nicht zugepickt, — ein Zeichen, dass der Briefwechsel kein streng vertraulicher sei, und ehe Cypryan Kajetan noch recht wusste, wie's zugieng, hatte er das Schreiben mit hastigem Griffe herausgenommen und las: Geehrter Herr — Petiteus! _ Ihr — Geld — hat — der — Tagedieb — Cypryan — Kajetan — Chrapowicki — gestohlen. — Wenn — dieser — Tunichtgut — Ihnen — die — 4 Gulden — 62 Kreuzer — nicht — bis — Sonntag -- Abend — wieder — bei — den -— drei — Birken — hinterlegt, — so — wird — es — ihm — schlecht — ergehen, — diesem — Nichtsnutz!--— Cypryan Kajetan liess erbleichend Brief und Kouvert aus den zitternden Händen über das Brückengeländer in den rauschenden Bach fallen und taumelte nachhause. So stand er also dorten angeschrieben! — Tagedieb! — Nichtsnutz! — Und es wird ihm schlecht ergehen, dem Cypryan Kajetan! — Sonntag vormittags kam Cypryan finster blickend in den Laden des Herrn Petiteus und sagte, er wolle seine Uhr verpfänden, da er Geld brauche. Er bekam 5 Kronen. Das reiche nicht aus, murrte Cypryan, er benötige noch 5 Kronen. Herr Petiteus zuckte die Achseln und wies stumm auf den Ring hin, den Cypryan an dem robusten Mittelfinger trug. Der Bauer schluckte einen Fluch herunter, presste die Zähne aneinander und zerrte den Ring vom Finger. Für eine Krone liess er sich Kleingeld geben