Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 „bi* & W^lt Seite 13 Abendhimmel empor und machte eine Miene, als hätte er in den Wolken etwas arg Beunruhigendes entdeckt. Und tatsächlich waren da oben triftige Anzeichen zu lesen, die des Herrn Petiteus Schritte sehr beschleunigen musster. Nicht etwa dass ein Gewitter im Anzüge gewesen wäre. Dies hätte dem einsamen Wanderer einen weitaus geringeren Kummer verursacht, als die unleugbare Tatsache, dass der Freitag-Nachmittag schon hart am Erlöschen war und somit für den frommen Juden die Schwelle des Sabbats in allernächster Nähe lag. Ach, da ist erst das Fichtengehölz! Selbst wenn man einen Laufschritt zuhilfe nimmt, kann man es nicht in einer Viertelstunde durchqueren, und nachher müsste man erst Doch zwanzig Minuten lang tüchtig ausgreifen, ehe man in Chrzodczany wäre! Und der Nachmittag hat kaum mehr eine Lebensfrist von zehn Minuten! — Aber Herr Leib Hersch Petiteus ist ein Mann, der nie, auch wenn der Horizont noch so verdüstert ausschaut, eine Sache verloren gibt, und so begann er denn den Wettlauf: vielleicht kann man doch zu gleicher Zeit mit dem Sabbat in Chrzodczany ankommen! Unmöglich! Noch vier Minuten, dann ist der Freitag- Nachmittag zu Ende! Die Abenddämmerung streicht schon grau um die Stämme des Gehölzes. — Herr Petiteus hielt schnaufend in seinem Eilmarsch inne und da er jetzt endgiltig davon überzeugt war, dass er einem Unabänderlichen gegenüberstehe, so fügte er sich mit Gleichmut, fast mit einer Art Erleichterung, in die neuen Verhältnisse und zog aus ihnen die entsprechenden Folgerungen. Also jetzt fort mit der Geldbörse! Am Samstag darf man kein Geld bei sich tragen! So schreiben es die Satzungen dem Strenggläubigen vor. Herr Petiteus hielt vorsichtig Umschau, ob die Luft rein «ei, und da nirgend eine Menschenseele zu sehen war, so schritt er auf die drei weissen Birkenstämmchen zu, die hart bei einander emporstrebten, er überzählte den Inhalt seines Geldtäschchens, blickte noch einmal forschend um sich und vergrub den kleinen Mammon innerhalb des Birkendreiecks. Hierauf setzte er den Heimweg fort, beseelt von zwei widerstreitenden Gefühlen: neben der Befriedigung, die er aus der Erfüllung der Satzungen schöpfte, regte sich die Sorge um sein Geld. Allzusehr war er freilich nicht geneigt, sich graue Haare wachsen zu lassen, denn die Baarschaft, die er dem Schosse der Erde anvertraut hatte, betrug summa summarum 4 Gulden 62 Kreuzer. Nun, und einen finanziellen Verlust in diesem Ausmasse hätte die Firma Leib Hersch Petiteus, die sich in Chrzodczany einem schwunghaften Ausschank von Spirituosen widmete, schlimmstenfalls noch ertragen können. Uebrigens wozu die Befürchtungen, es hat ja kein Mensch eine Ahnung von dem Geheimnis des Birkenerdreichs! Allein es war nichtsdestoweniger jemand von einer starken Ahnung erfüllt! Nämlich Cypryan Kajetan Chrapowicki, Bauernsohn und Taugenichts, der faullenzend im Niederholz gelegen war und an einem Fetzen einer polnischen Zeitung herumbuchstabiert hatte. Er muckste nicht, als er Herrn Petiteus dahereilen sah _ denn er hatte den Glauben, dass man manchmal recht wissenswertes erfahren könne, wenn man sich im Busch eines so zurückhaltenden Benehmens befleisse— und sein schöner Glaube wurde denn auch reich belohnt. Cypryan Kajetan durfte mit offenem Mund und angehaltenem Atem unbemerkter Zeuge der mysteriösen Geldbestattung werden, und nach einem kurzen Kampf mit seinen abergläubischen Gefühlen schlüpfte er aus dem Hinterhalt hervor, suchte mit seinen dummschlauen Aeuglein die Richtung ab, in der Herr Petiteus sich entfernt hatte, scharrte flugs die Börse aus der Erde und schlug sich dann, vergnüglich und doch auch ängstlich grinsend, heimwärts in die Büsche. Kaum war Cypryan Kajetan entschwunden, so tauchte zwischen den Bäumen wieder ein Wanderer auf: der Hausierer Wolf Kernbeisser, der auf dem Heimweg nach Chrzodczany begriffen war und jetzt angesichts der Abendnebei nicht mehr länger an der Ankunft des Sabbats zweifeln durfte, wie gerne er auch, gestützt auf die Abwesenheit einer Taschenuhr, dieses Eingeständnis noch ein bischen hinausgeschoben hätte. Nachdem Herr Kernbeisser das Terrain sorgsam rekognosziert und das Fernsein feindlicher Mächte festgestellt hatte, war er darauf bedacht, irgendein markanteres Plätzchen ausfindig zu machen. Dort die drei weissen Stämme! Der Hausierer zog den roten Lederbeutel hervor, der die bescheidenen Barbestände umschloss, vergrub ihn im lockeren Erdreiche zwischen den drei Birkenstämmen, und setzte dann den Weg nach Chrzodczany fort--- Als am nächsten Abend, sofort nach Sabbat-Ausgang* Herr Leib Hersch Petiteus hastig den Boden an der wohlbekannten Stelle aufwühlte, da machte er eine frappierende Entdeckung: von seiner Geldbörse und den 4 Gulden 62 Kreuzern nicht eine Spur! Dafür aber lag der rote, mit Kauri-Schnecken gezierte, altmodische Lederbeutel da, der jedem Kind in Chrzodczany als Eigentum Kernbeissers bekannt war. — Was soll das heissen? — Hat sich Kernbeisper einen Scherz gestattet? — Das ist ausgeschlossen! Kernbeisser ist ein mit Sorgen beladener, ernster Mann! Herr Petiteus dachte hin und her, und kam nach einer Weile zum Schlüsse, dass es vorderhand am ratsamsten sei, auf alle Fälle Kernbeissers Geldbeutel einzustecken und auf irgendeinem Seitenwege nach Chrzodczany zurückzuwandeln. Während des Rückmarsches untersuchte er den Inhalt des rotledernen Beutels: 1 Gulden 76Kreuzer und ein verknittertes, an Herrn Wolf Kernbeisser in Chrzodczany adressiertes Kouvert. Ein schlechter Tausch! -— Aber was hat das alles zu bedeuten? — Herr Petiteus überlegte: „Wer kann mir mein Portemonnai weggetragen haben? Kernbeisser nicht! Er wird doch nicht stehlen und dann den genauen Steckbrief des Diebes am Tatorte zurücklassen; und ausserdem noch eine Entschädigung von 1 fl. 76 kr. Das tut Kernbeisser nicht! — Oder — oder — — nun, wir werden ja hören, was Kernbeisser sagt" In dem heimischen Branntweinladen fand Herr Petiteus eine hochgemute Gesellschaft voi : Cypryan Kajetan Chrapowicki, Bauernsohn und Waldbummler, bewirtete drei violettnasige Kumpane mit Schnaps und goss auch selber manch ein Gläschen herunter. — Was für einen Anlass hat Cypryan Kajetan, öffentliche Gelage zu veranstalten? Herr Petiteus nahm in ungezwungener Haltung auf der Steinstufe vor der offenen Ladenthür Aufstellung und spähte die Strasse hinab, während sein Ohr sich den Gesprächen des ehrenwerten Herrn Cypryan Kajetan zuwendete. Aha, da kommt Herr Kernbeisser aus der Richtung des Gehölzes. Er ist tiefgebeugt, es ist ersichtlich, dass ein gewichtiger Gram auf ihm lastet. „Wie gehts, Kernbeisser!44 Aechzend und mancherlei unheimliche Verfluchungen einflechtend, erzählte der Hausierer Herrn Petiteus die Unglücksmär von dem verschwundenen roten Geldbeutel. „Wann seid Ihr gestern in Chrzodczary angekommen?" „Um l/3|8 Uhr/ wehklagte Herr Kernbeisser. „War bei den drei Birken und in der Erde nichts Besonderes zu sehen?" „Nichts! Nichts!u „Er ist unschuldig!" sagte sich Herr Petiteus, die Mienen und Gesten Kernbeissers musternd, „es war Jemand vor ihm bei den Birken und hat mir mein Geld gestohlen." Mit einer verbindlichen Handbewegung zog er den Lederbeütel aus der Tasche und überreichte ihn Herrn Kern-