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Die Welt · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 MNe * weit" Nr. 18 Edda hätten wir vielleicht. Besteht doch die Kunst der Mythe darin, den Menschen und seine Geschicke mit der ganzen Natur in Verbindung zu bringen, letztere mit ihrem ganzen schauerlichen Geheimnis, mit ihren mystischen, unergründlichen Tiefen zum Hintergrund des menschliehen Lebens zu machen. Unsere Mythen sind viel durchsichtiger, weniger kompliziert, menschlicher. Und weil sie allzu menschlich sind, verlieren sie ihren Hauptreiz. Es ist vom Standpunkte der rationalistischen Auffassung vielleicht besser, dass den Juden die mythologische Entwicklungsstufe erspart wurde, vom poetischen Standpunkte aber ist es bedauerlich. Ca.tulleMend.es erscheint als jüdischer Mythenbildner. Er, der Wagnerianer, übertrug die ganze Wagnerschc mystische Weltauffassung und Darstelhingsweise auf das Gebiet der jüdischen Geschichte. Und was Wagner aus den Nibelungen machte, macht Mendes aus der Bar- Kochba-Epopöe..... Wir sind in Judäa. Eine einsame, felsige, wilde Gegend. Gebirge und Felsen ragen empor. Vier höllische Geister, die gegen Jehova rebellieren, die Verbündeten des Satans, Lilith, die Zauberin von Magdala, die bestrickende, verderbenbringende, rosige Dämonin, die düstere Beltis, die Hexe von Endor, ihre zwei Helferinnen — die Illusion und die Wollust — schworen dem Gotte Israels Feindschaft und singen Lieder zu Ehren von Beelzebub, Belial und Astarte. Da fällt ein: Vorzeichen ihnen in die Augen. Oben am Felsen wuchs eine Lilie in die Höhe, die ihren Kelch geschlossen hielt. Und es lautet die Sage, class, wenn die Lilie ihren Kelch öffnen wird, der Stern Judas am Himmel erscheinen, das Heil Judas kommen werde. Und siehe da — die Zeichen treten ein. Langsam öffnet sich der Kelch der Lilie, in glänzender, blinkender Weisse geht auf dem blauen Firmamente der Schicksalsstern auf — und von den Felsen steigt langsam, der Held Bar-Kochba hinunter. Jubel empfängt ihn und das Volk, das dem Apostel des Messias — Eabbi Akiba — keinen Glauben schenkte,, bricht beim Anblick Bar-Kochbas in Jubel und Jauchzen aus. Flöten und Gesang erklingen. Siegeszuversicht und Hoffnung in aller Blicken. Und es erseheint Eabbi Akiba mit seiner wunderschönen Tochter S e p h o r a. Und eine Stimme sagt Bar-Kochba: Sie ist so sanft, die Jungfrau, sie will fliehen vor dir, Fass' sie bei der Hand und führ' sie als Gattin heim. Und Bar-Kochba gehorcht der Stimme und führt heim die schöne, stolze Tochter Akibas. Und die vier bösen Geister schwören in ihrer Wildniss, alle Pläne Bar-Kochbas zu durchkreuzen. Her zweite Akt führt uns eine neue Szene vor. Sephora, die junge Gattin, sitzt in ihrem weichen, seidenen Zelte und harrt ihres Gatten. Mit Worten aus dem Hoheliede spricht sie ihr schamhaftes Bangen und ihre junge Liebe aus. TJnd Bar-Kochba hat auch Beute mitgebracht. Sklavinnen hat er von den Römern erbeutet. Und darunter eine, die ihn zum Sklaven machte. Es ist die zauberkundige, dämonisch-schöne, unheilbringende semitische Venus, die Lilith. Sie hat ihn bezwungen, den Helden. Um ihretwillen, in ihren Armen vergisst er, dass seiner die treue Gattin harret, dass seine Arbeit noch nicht zu Ende, da noch eine feste Burg in der Hand der Römer ist. Umsonst drängt ihn der weise Akiba, sein Werk zu Ende zu führen. Lilith hat ihn betört und er schwelgt in Wonne. Mit dämonischer Gewalt ergreift die Liebe das Herz Sephoras. Sie beschliesst, den Gatten zu gewinnen und wie es einer stolzen Tochter des grossen Vaters gebührt, will sie eine grosse, gewaltige Tat vollbringen. Sie will das Werk ihres Gatten zu Ende führen. Wie eine zweite Judith will sie den Kaiser Severus, den Feind Judäas bestricken und töten. Aus diesem Stoffe waren einst die,jüdischen Trauen gemacht! Schönheit und Heldenkraft, Frauensinn und Männermut. — Aber die Zaubermächte sind stärker als sie. Und wie sie so mit ihrer alten Dienerin auf dem Wege von Endor wandelt, um zur römischen Burg zu gelangen, kommt ihr eine von Liliths untergebenen Geister entgegen — die Illusion — versenkt sie in Schlummer und flüstert ihr zu: Comme d'une forme irreelle Un manteau gardera le pli Sans avoir rien fait, qu'elle se rappeile Avoir tout aecompli. Sie möge in der Illusion verharren, etwas vollbracht zu haben, was sie aber nur im Traume tut. Und nun träumt sich Sephora .als Judith, wie sie zum Imperator kommt, zu einem festliehen Gelage, wie sie der Gewaltige bemerkt und sie begehrt und wie sie sein Haupt mit einem Schwerthieb abschlägt. Hier erwacht Sephora und freudetrunken, in einem Sacke vermeintlich das Haupt des Römers, geht sie zu Bar-Kochba, der noch bei Lilith schwelgt. Umsonst flucht und fleht das Volk. Die Liebesmächte sind stärker als sein Ruf. Da kommt Sephora, will den Kopf des Feindes zeigen, um Bar-Kochba zu gewinnen, um das Volk zu ermutigen. Und sieh' — ein Stein liegt im Sacke anstatt des blutigen Kopfes. Die Dämonen haben sie betrogen .... Zum Kampfe zieht endlich Bar-Kochba und fällt in der Schlacht : Judas Stern erlischt, die Lilie auf dem Felsen sehliesst sich wieder, Jerusalem und der Tempel sind in Trümmerhaufen verwandelt und nur wieder frohlocken auf ihrem wilden Felsen die dämonischen Weiber und singen Jubelhymnen zu Ehren Beelzebubs, Astartes und Belials . . . Wir wollen nicht urteilen, ob es nötig ist, jetzt neue Mythen zu bilden, aber interessant ist es immerhin, dass man den jüdischen Sagen ein solches Gepräge verleihen kann, class man auch auf dem Boden der jüdischen Sagen Wagnerischen Ueberlieferungen folgen kann. An die Gewalt von Carduccis: „Inno al satana" erinnern die finsteren Lieder der vier Zauberinnen, der „Imprecatrices". Es ist ein neuer Ton in die jüdische Kunst gekommen. Es ist vielleicht besser, dass M e n des nicht bewusst jüdische Kunst schuf. Desto stärker, instinktiver, natürlicher ist sie. Anche noi siam pittori V! — — — A. C o r a 1 n i k. * * * : Die Blätter berichten über die Uraufführung: Di© grosse Op*r hat mit dem „Fils de rEtoile", Text von Catulle Mendes, Musik von Camillo Erl a n g e r, einen grossen Erfolg errungen, der sowohl dem Dichter wie dem Musiker zuzuschreiben ist. Das Buch ist beiweitem besser als die landläufigen Opern texte und könnte als romantisekes Drama selbst ohne die Musik bestehen. Es ist die Geschichte des jüdischen Patrioten, der den Aufstand gegen den Kaisee Hadrian in den Jahren 132 bis 135 leitete, und dessen Namr Bar-Kochba, Sohn des Sterns, nach seiner Niederlage in Bar-Kosiba, Sohn der Lüge, umgewandelt wurde, Mendes schaltet selbstverständlich völlig frei mit dem geschichtlichen Ereignis und vermischt es mit allerlei symbolischen Legenden und phantastischem Hexenspuck, wie er der romantischen Schule eigen war. Das Buch gibt dem Komponisten vielfache Gelegenheit, seine Kunst zu entfalten : die Hexenbeschwörungen im ersten Akt, die reinen Gebete Sephoras, die von Sephora geträumte Orgie und Ermordung des römischen Feldherrn, endlich die Verzweiflungsschlacht am Schluss des letzten Aktes fanden bei der Erstaufführung enthusiastischen Beifall, und alles in allem hat die Pariser Oper seit langer Zeit keinen so durchschlagenden Erfolg mit einer französischen Arbeit erlebt. •—: ,v. .t—r7'^*Fr'~+~ •' : " - •.v »- .-. _ „ ... , ■ i 7 — * --- Die vergrabene Börse. Herr Leib Hersch Petiteus — weiss der Himmel, wie er zu diesem hellenischen Namen gekommen sein mag! — befand sich auf dem Heimwege nach Chrzodczany. Er zog seine Taschenuhr hervor, besichtigte die Zeigerstellung und stiess eirjer. ^eufzer aus, dann hob er den Blick zum,

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