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Die Welt · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 18 „biC * W^lt" Seite 9 An Mitgliedsbeiträgen wurden im Jahre 1903 2674 Mark (gegen 3027 Mark im Jahre 1902) und an Zinsen 3079 Mark vereinnahmt. Unter die Mitglieder wurden verlost 65 Portionen ä 60 Mark (gegen 68 Portionen im Jahre 1902) und verteilt 40 Portionen ä 30 Mark. Der Vorsitzende wies darauf hin, dass der Verein seit seinem 75jährigen Bestehen über 300.000 Mark für seine Zwecke verausgabt hat. Ausser den staiutengemäss stattfindenden Verlosungen im März und September findet jetzt auch seit einigen Jahren eine Verteilung von Mietenunterstützung«n an bedürftige Vereinsmitglieder statt. Der Vorstand hat sich weiter das Ziel gesetzt, sobald der dazu nötige Fonds vorhanden ist, ein eigenes Grundstück zu erwerben, um zuerst derjenigen Mitgliedern, die in früheren Jahren eine lebenslängliche Mietunterstützung gewonnen haben, jetzt keineGeldunterstützung, sondern eine freie Wohnung im eigenen Heim des Vereines zu bieten. Zu diesem Zwecke müssen jedoch drm Vereine grössere Mittel zur Verfügung gestellt werden. Die Abrechnung wurde als richtig anerkannt und dem Kassier Decharge erteilt. Ein abgewiesenes Gnadengesuch. Der Verleger der antisemitischen „Staatsbürgerzeitung" in Berlin, der dann inzwischen bei den letzten Reichstagswahlen das Mandat Ahlwardts erlangt hat, Herr Brunn, ist wegen Beleidigung aus Anlass der Konitzer Mordaffäre zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden und verbüsst zur Zeit diese Strafe in Tegel. Neuerdings hat er in einem Gnadengesuch um Erlass des Restes seiner Strafe gebeten und dasselbe hatten für ihn die 29 antisemitischen Bürgervereine Berlins getan. Diese Gesuche hat der Kaiser, wie die „Staatsbürgerzeitung8 mitteilt, auf Grund höchsteigener Entschliessung abgelehnt. Drohende Stimmung gegen die Juden in Posen. Vergangene Woche versuchten Bauern in Neustadt bei Schirwindt Ausschreitungen gegen die Juden ins Werk zu setzen. Dank dem Eingreifen des dortigen Landrats und der Polizei wurden, den „Ostd. Grzb." 2iifolge, die Exzesse sofort im Keime erstickt. Eine Versammlung der Wiener Chewra Kadischa faüd am 17. d. M. statt. Den Vorsitz führte der Vizepräsident Kultus- Vorsteher Dr. M. Spitzer. Als sehr interessante Tatsache wurde erwähnt, dass getaufte Kinder auf dem jüdischen Friedhof beerdigt werden! Friedhofamts-Adjunkt Herr Freistadt bestätigt, dass dies bereits Widerholt geschehen sei; es handle sich um Familiengrüfte, die als Privateigentum durch das Gesetz geschützt sind, (Interkonfessionelles Gesetz vom 28. Mai 1868 in Beziehung auf Begräbnisse.) Ein Herr H o fb a u e r, der, wenn wir nichteehr irren, alsein Führer der Wiener Orthodoxen gilt, wünscht merkwürdigerweise die Diskussion übef die Frage abzubrechen, um Unseren Feinden nicht Gelegenheit zu weiteren Angriffen zu geben (!!) Er wünscht das, trotzdem aus den angenommenen Anträgen hervorgeht, dass den Beerdigten anderer Konfessionen die Embleme dieser Konfession mit in die Gruft gegeben werden. Diese angenommenen Anträge lauten : 1. Den Kultus vorstand zu ersüchöü, bei Verkauf von Familiengrüffcen die Käufer zu verpflichten, nur Angehörige der jüdischen Konfession in der gekauften Gruft beerdigen zu lassen; % bei Beisetzung getaufter Personen, sei es Erwachsener oder Kinder, in einem erworbenen Famiiiengrabe die Anbringung von Bildern, Symbolen und Emblemen einer anderen Konfession auf den Särgen nicht zu gestatten, andernfalls die Beisetzung zu inhibieren, eventuell den Rechtsweg durch alle Instanzen zu beschreiten. Ein Schlaglicht auf den jüdischen Geist in Wien unter der heutigen jüdischen Leitung wirft ein Vergleich, den Herr Baum zwischen der Budapester und der Wiener Chewra Kadischa zieht. Die erstere zählt 10,000 Mitglieder und hat heuer allein um 2082 Mitglieder zugenommen, die letztere hat es überhaupt erst auf deren 1500 gebracht. Dass das Trinkgelderunwesen auf dem Friedhof aufhören, die Leichensteine wenigstens eine hebräische Zeile aufweisen und die Leidtragenden Funktionäre bestellen, die ihnen passen — diese primitiven Wünsche wurden wieder einmal — wie oft schon, — in der Chewraversammlung lebendig, um im Wirkungskreis der Gemeinde demnächst wieder begraben zu werden. Bubenstreiche. In Eger in Böhmen, einem Hauptsitz der Antisemiten, war für Ostermontag ein Hochschülerkränzchen in Aussicht genommen gewesen, zu dem nur Geladene Zutritt hatten. Gleichzeitig wurde öffentlich bekanntgegeben, dass die deutschen Akademiker entschieden darauf vernichten müssen, mit jenen Damen das Tanzvergnügen zu teilen, die G esell schaft und Verkehr mit Juden pflegen. Daraufhin haben 18 den besten Kreisen Egers an gehörige deutsche Akademiker nachstehende Erklärung veröffentlicht: „Die unterzeichneten deutschvölkischen Hochschüler Egers erklären, dass sie mit der Veröffentlichung des vorangehenden Beschlusses nicht einverstanden sind, und dass sie ein Hervorzerren privater Angelegenheiten in die Oeffentlichkeit nicht gutheissen. Vorschläge auf eine andere, nach unserer Meinung taktvollere Weise vorzugehen, wurden kurz von der Hand gewiesen. Wir erachten die oben erwähnte Veröffentlichung nach unserer Ansicht als nicht am Platze, weil sie geeignet ist, unnötigen Stadtklatsch hervorzurufen und den Ruf ganz unbeteiligter Mädchen zu gefährden, wie es bereits geschehen ist. Die Unterzeichneten sahen sich zu der Erklärung veranlasst, um nicht den gleichen Vorwurf auf sich zu laden. Infolge dieses Verhältnisses verzichten die Unterzeichneten auf den Besuch des Hochschülerkränzchens." Folgen die Unterschriften. Diese Erklärung spricht ganze Bände. Natürlich haben gewisse Blätter über das Paroli gfjubelt, dass den Herren Buben angeblich damit geboten wurde. Dass aber nicht die bübische Beleidigung der Juden zurückgewiesen wurde, sondern nur die Anrempelung der Damen, wird übersehen. Gewisse jüdische Elemente verkünden trotzdem noch ihr Deutschtum mit geschwellter Brust — und geschwollenen Wangen. Ein grosser Brand in Buczacz wütete Dienstag den 26. d. 3000 Leute sind obdachlos. Buczacz hat bekanntlieh eine überwiegend jüdische Bevölkerung. Die Fremden-Bill in England. Das Fremdeneinwanderungs- Komitee versammelte sich vor einigen Tagen im Hause der Gemeinen, um über die Fremden-Bill zu diskutieren. Sir Howard Vincent führte den Vorsitz und stellte den Antrag, der Regierung für die Vorlage des Gesetzentwurfes zu danken und den Ministerpräsidenten zu urgieren, die zweite Lesung desselben sobald als möglich zu veranlassen. Als Giund der Urgenz wird die immer ernster werdende Gefahr durch die Einwanderung im East-End Londons und in den übrigen grossen englischen Zentren angegeben. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Mr. S. Forde Ridl ey und Major Evans-Gordon wurden zu Mitgliedern eines Ausschusses zur Durchführung und Förderung der Bill gewählt. Mr. Charles Tr evelyan brachte ein Amendement zur Bill vor, wonach die Armut ein Grund zur Ausschliessung des Immigranten sein körne, da man den niedrigen Arbeitslöhnen nur durch Aufhebung des Schwilzsystems entgegenarbeiten könne. Am 25. April beantragte Staatssekretär Ake.rs Douglas die zweite Lesung der Vorlage, betreffend die Fremdeneinwanderung. Düke stellt hierzu folgenden Unterantrag: Das Haus glaubt, dass die Gesetzgebung die Ausbeutung der Arbeiter durch die Unternehmer verhindern solle. Das beste Mittel hierfür ist, den aus der billigen Arbeit der Ausländer entstehenden Uebeln entgegenzutreten. Das Haus wiinscht ferner, bevor es die Vorlage bewilligt, im Gesetze die Aufrechthaltung des Prinzips der Gewährung einerZufluehtfürdieOpfer von Verfolgungen zu versuchen. Nach längerer Beratung wurde der Unterantrag des Abgeordneten Düke zur Vorlage, betreffend die Fremdeneinwanderung, mit 241 gegen 117 Stimmen abgelehnt und die zweite Lesung dieser Vorlage ohne besondere Abstimmung angenommen Im Laufe der Debatte erklärte der Präsident der Lokalverwaltung, L o n g, die Regierung wünsche nicht, die Einwanderung von gesunden, ehrenhaften Leuten zu behindern, es sei aber nicht möglich, die gegenwärtige Art der Ein Wanderung weiter zu geßtatten. Limerick und kein Ende. Die englisch-jüdische Presse und teilweise auch die allgemeine beschäftigt sich unablässig mit den Vorfällen in Limerick. Die Sache ist nämlich die, dass die Flamme des Judenhasses dort fortwährend lodert und von dem Jesuiten Creagh immer von neuem .entfacht wird. So hielt er vor einigen Tagen in einer „geschlossenen" Versammlung vor 600 seiner Pfarrkinder eine Predigt, die eine Hetzrede gegen die Juden war. Dass man den armen, von Alkohol betäubten, fanatischen Irländer zu Gewalttaten gegen die Juden leicht aufreizen kann, ist selbstverständlich. Pater Creagh Hess sich von dem Korrespondenten des »Daily Express* interviewen und entwickelte demselben seine den Drümontschen und Suworinschen nicht nachstehenden antisemitischen

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