Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 „bie # w^it" Seite 7 Pariser Briefe. ' v. Viele aus dem Elsass stammende Pariser Juden sind entschiedene Gegner des Zionismus, vorgeblich aus religiösen Gründen; merkwürdig genug in einem Lande, wo das religiöse jüdische Gefühl fast abgestorben ist. Sie sagen, der Zionismus beachte die jüdische Tradition zu wenig und seine Anhänger seien nicht fromm genug. So die Minderzahl. Die meisten aber sind gegen unsere Bewegung aus blosser Furcht vor dem Antisemitismus, der sie vielleicht unpatriotisch nennen würde, falls sie den Zionismus {orderten. Tiefiiin-rst aber sind ihrer viele dem Zionismus geneigt und anerkennen in Privatgesprächen seinen humanitären Wert. Vor der Öffentlichkeit aber verbergen sie aus persönlichem Interesse ihr jüdisches Solidaritätsgefühi sorgfältig. Trotzdem fehlt es auch in Frankreich nicht an wirklich jüdisch fühlenden und tätigen Vorstehern. Der Oberrabiner Zadoc Kahn verdient seine grosse Berühmtheit nicht nur für seinen Edelmut, seine j ddischen Gefühle, seine Menschenfreundlichkeit, sondern auch für seine wertvollen Leistucgen für das gesamte Judentum. Er war einer derjenigen, welche die Entwicklung der Kolonisation in Palästina gefördert und unterstützt haben, sowie er auch mehrere andere Stiftungen, die dem Zionismus nahe stehen, angeregt hat. Trotz seiner offiziellen Stellung hat er mehreremale dem Zionismus gegenüber stine Sympathien geäussert und er war unter den ersten, die dessen grossen moralischen undjethischen Wert betonten. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, dass der Zionismus in einem wichtigen und wirklich entscheidenden Moment jederzeit auf die einflussreicheMitarbeit des Grossrabbiners vonFrankreich wird rechnen können. Von den anderen Rabbinern in Paris meine ich Herrü Professor Israel Levi, der Schwiegersohn des Grossrabbiners ist. Er ist Redakteur der wissenschaftlichen ,?Revue des Etudes Juives* und einer der gelehrtesten Förderer der jüdischen Wissenschaft, die er gründlich kennt und der er eifrig dient. Er hat zwar dem ZiJoismus gegenüber öffentlich noch keine Stellung genommen; er ist aber ein offener, ehrlicher Charakter der unsere ßewung versteht und der sie nie als Gegner schädigen würde. Der junge Rabbiner Julien Weill aus Versailles, ebenfalls ein Schwiegersohn des Grossrabbiners, steht unserer Bewegung freundlich gegenüber. Was den Oberrabbiner Mr. Lehman betrifft, den gelehrten Direktor des Rabbinersemiiiars, dessen talmudische und allgemeine Bildung bekannt sind, so ist mit Freude festzustellen, dass er seit dem vorigen Jahr als Schekelzahler eingetreten ist, und dass er die zionistischen Bestrebungen mancher Studenten des Seminars, der künftigen Rabbiner Frankreichs, nicht im mindesten stört. Diese Studenten werden hoffentlich bald der grossen und forcierten Aufklärungsarbeit zuhilfe kommen, die noch zu leisten ist. Damit wird es uns hoffentlich gelingen, Anwürfe die nur in der Einbildung bestehen, zu widerlegen und dem siechen Judentum in Frankreich neue Ziele und damit neues Leben zu geben. Vor kurzer Zeit hat die neue jüdische Volksuniversität, die im Stadtteile Montmartre (universite Populaire juive de Montmartre) gegründet wurde, ihr Inaugurationsfest gefeiert. Es war ein schöner zionistischer und jüdischer Abend. Der luitiator der neuen Stiftung, Gesinnungsgenosse M. Schereschevsky begrüsste die Anwesenden im Namen des Komitees und erklärte vortrefflich die Notwendigkeit der neuen Gründung auf dem Montmarrte, wo mehrere tausende fremde Juden wohnen. Der Präsident der zionistischen Federation Dr. Alexander Marmorek inaugurierte in feierlicher Rede die neue Stiftung, die berufen sei> dem Judentume, der Aufklärung, dem Zionismus und dem jüdischen^roletarier vieles zu leisten.Die Rede des Dr. Marmorek wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen Oberrabbiner A. Dreifuss, der Grand-Rabbin der Pariser Gemeinde, hat'seine Befriedigung darüber geäussert, dass die russisch-polnischen Juden, die zahlreich nach Paris kommen, neues Leben und jüdisches Gefühl in das französische Judentum hineintragen; den Beweis liefert das Bedürfnis nach Bildungsanstalten des Judentums. Dr. Nordau begrüsste die zionistische Fahne, die nie zurückweicht, wenn sie einmal erhoben wurde." Er betonte besonders die Initiative der Ziunisten bei der Gründung solcher wertvoller jüdischer Anstalten. Jeder neue Verein, j-?de solche Anstalt sind sichere Zeichen des Wachstums des Zionismus, und sie werden ihn auch zum endlichen Siege führen. N. B. D. Aus Russland. Petersburg. Ueber Ordre des Ministeriums des Innern an die Gouverneure wurde die Ausweisung der Juden aus den Ortschaften, wo ihnen der Aufenthalt verboten ist, einstweilen eingestellt. Wie der „Woskhod* meldet, wurde diese Massnahme durch den Krieg im .fernen Osten veranlasst. Petersburg. Die jüdischen Setzer und Buchdrucker in Petersburg befanden sich in letzter Zeit in grosser Aufregung: Es hiess allgemein, dass der eine Stadthauptmann, General Füll on, beschlossen habe, sämtliche jüdischen Setzer und Buchdrucker aus Petersburg auszuweisen. Das Gerücht hat sich aber zum Glück nicht bestätigt, dafür aber ist die Verordnung ergangen, neu zugereisten jüdischen Setzern und Buchdruckern den Aufenthalt in Petersburg nicht zu gestatten. Kischenew Die Ausweisungen von Juden aus den Rayons, welche sich in einer Entfernung von 50 Werst von der Grenze befinden, werden, wie der „Sewero-Sapadny- Kurjerberichtet, im südlichen Teile des Gouvernements Bessarabien mit aller Strenge durchgeführt. Die Vertreter der Kischenewer Judengemeinde haben bei dem Gouverneur von Bessarabien, Fürsten Urussow, eine Audienz erwirkt und ihn ersucht, die Ausweisungen wenigstens zu verschieben. Fürst Urussow hat seine Intervention in dieser Sache zugesagt. Kiew. Die offiziellen „Kiewskija Guberusk;ja Wjedomosti" geben bekannt, dass der Gouverneur von Kiew dreizehn J^den zu Arrest-Strafen von drei und zwei Monaten verurteilt hat und zwar wegen Nichtbeachtung der Passvorschriften für Juden, welche sich in Kiew nicht aufhalten dürfen . . . Kischenew, Wie die „Iwchnoj Obosrerje" meldet, haben alle von den Behörden ergriffnen Massnahmen zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung üi Bessarabien die Unruhe unter den Juden nicht zu banne:; vermocht, und die Auswanderung unter den Juden im Gouvernement nimmt einen immer grösseren Umfang an, Vor wenigen Tagen haben 51 jüdische Familien Kischenew verlassen, um nach Kalifornien auszuwandern und sich dort Hern Ackerbau zu widmen. Die Emigranten haben in Kalifornien bereits Grund und Bodsn erworben und zwar P2.C0Ü Dessjatinen unter sehr günstigen Bedingungen. Charbin. Die Hetze gegen die Juden aus Anlass des Krieges in Ostasien, welche die Petersburger antisemitischen Blätter eröffnet haben, fand einen Widerhall sogar in der Mandschurei. Der in Charbin erscheinende „Charbinskij VVjestnik" brachte unlängst folgende perfide Notiz: „Es verlautet, dass in Charbin viele Juden und Polen Gottesdienste für den Sieg der japanischen Waffen verrichten." Der Polizeimei^ter und der Vertreter der Juden in Charbin lenkten die Aufmerksamkeit der Verwaltung der Ostchinesischen Eisenbahn auf die Veiläumdung des „Charbinskij Wjestnik" und verlangten Remedur. Die Verwaltung forderte die Redaktion auf, die Quelle ihrer Nachricht zu bezeichnen. Inzwischen aber hat diese perfide Nachricht unter den Juden in Charbin grosse Beunruhigung hervorgerufen. Kischenew. Die Juden von Kischenew haben ein Beispiel unendlicher Güte und Allv^rzeihung geliefert, welches auf die christliche Geseschat'i in Russland grossen Eindruck