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Die Welt · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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/ Seite 6 Jfbi^ & Wozu denn auch? Die Leiter der- Gemeinde, die Brotgeber, verlangen nicht mehr und nehmen ihre Pflichten auch nicht ernster. Und woher sollen die ans allen möglichen Berutsklassen, Nationen und Religionen zusammengelaufenen — sit venia verbo! — Lehrer, die diese - Lehrstelle als mehr oderminder willkommenen Notbehelf, die Schule als Versuchs- und Zwischenstation auf der Jagd nach einem passenden Berufe betrachten, das nötige Interesse für die jüdische Schule nehmen, Sinn haben für ihre besonderen jüdischkulturellen Zwecke? Sie erfassen nicht einmal die allgemeinen kulturellen Ziele einer modernen Schule. Was soll auch das geistige Band zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Schule und Gemeinde knüpfen? Es kann , nicht wundernehmen, wenn den Kindern nicht einmal die elementarste Bildung anständig beigebracht wird. Schreiben, Lesen, Rechnen sind die Hauptgegenstände aller Klassen und obwohl in irgend einem längst vergessenen, nicht praktizierten Lehrplane Naturgeschichte und Geographie Erwähnung findet, wird .ihrer kaum gedacht. Die Unterrichtssprache ist arabisch, ausserdem wird französisch, hebräisch und ein wenig. Englisch gelehrt. Die hebräischen Sprachkenntnisse sind in der allerletzten Zeit so vernachlässigt worden und sind so zurückgegangen, dass jetzt im Gegensatze zu früher auch während der hebräischen Unterrichtsstunden nur arabisch gesprochen wird. Hebräische Lehrbücher sind weder vorgeschrieben, noch vorhanden. Ihre Wahl bleibt dem Gutdünken des betreffenden Fachlehrers überlassen, der aur sie aus Bequemlichkeit oder Aerger über die Indolenz der Schulleitung zuweilen ganz, verzichtet., Grosse Schulferien gibt es nicht, hingegen bleibt die Schule während der Pessachwoche und 15 Tage zur Zeit des Sukkothfestes gesperrt. Die Zahl der schulfreien Tage ist sehr gross und schliesst einen zweckentsprechenden Unterricht fast aus, da der Samstag zur Gänze, der Sonntag halb und der Freitag als dej^arabische Ruhetag teilweise unterrichtsfrei sind und nicht nur auf sämtliche jüdischen Feiertage, sondern auch auf viele christliche und arabischen Feste weitgehende Rücksicht genommen wird. Der inneren Desorganisation der Schule entspricht in allem die Einrichtung und das Aussehen des Schulgebäudes, der Lehrzimmer, der Lehrmittel und aller Schulgegenstände. Sie wären unverzeihlich, auch wenn die Gemeinde über geringere Mittel und der Schulfonds über spärlichere Einkurvte verfügen würde, als es tatsächlich der Fall ist. Der Schmutz und die Verwahrlosung der Schule spotten der Beschreibung. Eine elende Stickluft in allen Zimmern und Höfen; Bänke, Tafeln, Fenster, Türen schmutzstarrend und in schlechtestem Zustande; die Klassenzimmer dumpfig, für ihre Schülerzahl viel zu klein. Sechzig, oft siebzig Schüler sitzen wie Häringe zusammengedrängt sieben Stunden im Tage in den sanitätswidrigen Räumen, um während der Zwischenpausen in den kleinen stinkenden Höfen zur Erholung die durch knapp danebenliegende Aborte die noch mehr verpestete Luft zu atmen. Auch die geringsten Forderungen der Schulhygiene bleiben unberücksichtigt und unerfüllt. Die Schulbibliothek, in einem zerfallenen Glasschrank eines armseligen Direktorzimmercheirs untergebracht, zählt kaum 200 Bücher und ■ vermodert unbenutzt. Die Bücher sind wähl- und kritiklos zusammengetragen, für eine Schülerbibliothek nach Sprache und Inhalt gänzlich ungeeignet. Und erst die Lehrmittel! In einem Klassenzimmer sah ich bloss die Abbildung eines Elefanten, in einem anderen die Reklamekarte einer Schiffahrtsgesellschaft, in einem dritten grosse anatomische Tafeln, wie man sie in medizinischen Hörsälen zu sehen gewohnt ist. Das ist so ziemlich alles, was dem Anschauungsunterricht dienen und den geistigen Horizont arabisch-jüdischer Schüler erweitern soll. Alles in allem: die jüdische Schule erfüllt in keinerlei Hinsicht moderne schulpolitische Zwecke. Mit ihren sanitätswidrigen, unhygieniseben Einrichtungen und Zuständen ist sie für die Gesundheit ihrer , Besucher eine ernste Gefahr, mit ihrer rückständigen; Lehrmethode und ihrem geringen Uriterrichtserfolge für die nationale W^lt" Nr. 18 Erziehung und kulturelle Hebung der arabischen Juden ein grosses Hemmnis. Wozu, wird man fragen, erhalten die arabischen Juden, deren jüdisches Empfinden, deren Bilduugsdrang derzeit so lächerlich gering ist, überhaupt die Schulen, die immerhin eine hübsche Summe Geldes verschlingen? Wo leiten die traurigkomischen Bildungsstätten ihre Existenzberechtigung her, wenn man von der Kulturheuchelei und der Kulturkomödie absieht, der sie im Grunde genommen dienen? In Wirklichkeit steckt ja recht wenig hinter dem Kulturpopanz arabischer Juden. Aber ganz zwecklos und ganz Luxusanstalt ist die Schule doch nicht! Die arabische Gemeinde kommt schon auf ihre Rechnung und ihr Chef, der Bankier Cattaui auch. Die Gemeindekassa wird gefüllt, der von Herrn Cattaui verwaltete Schiilfonds wächst von Jahr zu Jahr und die Reklamegier Cattauis, der als Wohltäter der armen arabischen Juden einherstolziert, wird gesättigt. Er veranstaltet alljährlich in der Khedivialoper zugunsten der Schule ein hochelegantes Fest, rührt für sich und die Wohltätigeitskomödie wochenlang vorher die Reklametrommel und lässt sich von den einem einflussreichen Millionär gegenüber sehr nachsichtigen Journalen Kairos als glänzender Festarrangeur und jüdischer Wohltäter anstrudeln. So ein Festchen, das oft, wie heuer, einen Reinertrag von über 1000 Pfund abwirft, kostet ihn nichts und ist gute Geschäftsreklame für ihn, der auf den Ru> eines Noblesse oblige-Millionärs sonst überall verzichten muss. Die Taltniwohltätigkeit jüdischer Millionäre gibt sich nirgends so plump wie in Aegypten. Es ist in Kairo ein offenes Geheimnis, dass die Verwalter des Schul- und Gemeindefonds, der gegen 30 000 Pfund, also eine sehr respektable Summe, betragen soll, mit diesem auf eigene Rechnung sehr gute, von niemand kontrollierte Geldgeschäfte machen. Die Gemeinde selbst macht mit ihrer einzigartigen Schule gleichfalls ein glänzendes Geschäft. Und das geschieht in Kairo so: Die Leichenzüge arabischer Juden begleitet ein Chor anner jüdischer Kinder, deren Zahl je nach der Wohlhabenheit des Verstorbenen bis 16 steigt. Mitten im Schul-, unterrichte erscheint im Schulzimrner ein Diener des Schulkassaverwalters, wählt die Kinder aus und nimmt sie zum Leichenbegängnisse mit. Der Lehrer hat da nichts dreinzureden. Für den Chor erhält die Gemeinde sehr gute Bezahlung und die sogearteten Eingänge machen den Hauptteil des Einkommens der Gemeinde aus, eine stattliche Summe im Monat. Der Schulfonds wird ausserdem durch sehr häufige und oft recht ansehnliche Legate reicher arabischer Juden bereichert. Man erzählt auch, dass Protektionskinder, Freunde und Verwandte der Gemeindegewaltigen in dem Fonds eine billige Darlehensquelle besitzen. „Geschäft ist Geschäft", könnte als Motto über der arabisch-jüdischen Schule und ihrer Gemeinde prangen. Während für sie reiche arabische Juden protzige Feste feiern, sie für jüdische Wohltätigkeit ausgeben und an ihr Pnvitchen nicht vergessen., verkommen hunderte Kinder armer arabischer Juden in Schmutz und Unwissenheit, geht neuerdings eine Generation dem grossen Regenerationswerk, das in unserem ganzen Volke mit kräftigem Schwünge eingesetzt hat, auf Jahrzehnte hinaus verloren. Rudolf Nassau. * * * P. S. Kurz vor Absendung dieser Zeilen wird mir mitgeteilt, dass die Alliance probeweise auf sechs Monate die Leitung und Verwaltung der beiden arabischen Gemeindeschulen übernommen hat. Eine Schule ,,auf sechsmonatliche Probe" gehört jedenfalls auch zu den arabisch-jüdischen Spezialitäten Kairos. Die Alliance — das ist bezeichnend — will ihr Geld hei dem Experiment nicht riskieren. Sie hält lieber künstlich die armen arabischen Kinder von ihren eigenen Schulen fern, indem sie. Schulgeldbefreiungen nicht gewährt. Humane Schulpolitik!

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