Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316092--45677-3340496
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr, 18 „bis * w^it11 Seite 5 sich diese Verhandlungen hin und her, ohne einen Abschluss zu erhalten. Selbstverständlich haben diese endlosen Pourparlers nur die Drusen in ihren Forderungen lestärkt, und so ist die Frage der Drusen ein wahres Schwert des Damokles, das über den Häuptern der Kolonisten schwebt. Und gerade zur Zeit, wo die Administration es genau weiss, dass die Kolonisten von MuteHe einer Gefahr ausgesetzt sind und nur die Verstärkung ihrer Zahl ihnen mehr Mut einflössen würde, nimmt sie die Verpflanzung von 20 Familien aus Mutelle nach den Kolonien von Tiberias vor und schwächt auf diese Weise die Kolonie, statt den Versuch zu wagen, in der Gegend von Mutelle^eine neue Kolonie zu gründen, um hier das jüdische Element zu verstärken. Bnei-Jehudah. Wir haben nur noch einige Worte über diese in Transjordanien, östlich vom Tiberiassee gelegene Kolonie zu sagen, die sich in sehr schlechter Lage befindet und deren Reorganisation sich der Verein „Esra" von Berlin zur Aufgabe gemacht hat. Leider liessen es die Cholera und die daraufhin eingerichteten Binnenlandsauarantänen nicht zu, schon jetzt systematisch Hand an die Verbesserung des Zustandes anzulegen. („Altneuland". Heft IV.) Eine arabisch-jüdische Schule. (Brief aus Kairo.) Das überraschend niedrige Bildungsniveau und der kulturelle Tiefstand, der bei der überwiegenden Zahl der arabischen Juden eine unleugbare Tatsache ist, werden zum. Teile begreiflich, wenn man ihre Schuiverhältnisse kennen lernt. Die liederliche Verwaltung der arabisch-jüdischen Gemeinde charakterisiert nichts so treffend als ihre Schulen. Sie sind einzig in ihrer Art. Als Bildungsstätten überhaupt sind sie — auch für ägyptische Verhältnisse! — in ieder Hinsicht unwürdige Karikaturen einer Schule, als Unterrichtsanstalten jüdischer Kinder und einer jüdischen Gemeinde ein den Namen einer jüdischen Schule schändender Skandal. Die Misswirtschaft, die da herrscht, ist für den Europäer verblüffend, die schier unglaubliche Verwahrlosung und Vernachlässigung seitens der Gemeindemachthaber für den Juden empörend. Diese Schulzustände sind die schwerwiegendste Anklage gegen die reichen arabischen Juden, welche als die Verwalter eines bedeutenden Gemeinde- und Schulfonds die Macht und Mittel -hätten, das gesamte geistige und nationale Leben der arabischen Juden durch eine bessere Schule und Jugenderziehung kulturwürdiger, moderner, innerlicher zu gestalten. Allerdings, im Orient nimmt man es mit solchen Dingen nicht sehr genau. Wie echte Kinder ihres Landes, fühlen sie die grosse moralische Verantwortung die sie für die Verlotterung ihrer — freilich meist der armen! — Jugend trifft, gar nicht und tragen mit orientalischem Gleichmut ihre folgenschwere Schuld. Unter diesem Himmelsstrich ein schwacher Milderungsgrund. Die arabisch-jüdische Gemeinde unterhält im arabischen Judenviertel eine Knaben- und eine Mädchenschule, deren jede 200 bis 250 Kinder zählt. Die Schule wird nur von den Kindern der im Ghettovierteil wohnenden Juden frequentiert. Es sind zumeist arme, sehr arme Leute. Die reicheren arabischen Juden, welche nach Erlangung eines gewissen Wohlstandes ihr altes Judenquartier verlassen und gegen ein elegantes Villenviertel eintauschen, senden ihre Kinder in die europäisch eingerichteten Regierungsschulen oder aber, einer Mode folgend, in die verschiedenen „Freres"-Schulen, in denen ihnen Jesuitenerziehung zuteil wird. Sie erscheint auch europäischen Juden hier als Modeideal. Eine Schulpflicht existiert an den Gemeindeschulen ebensowenig wie eine nach oben oder unten fixierte Altersgrenze. Die Kinder kommen in die Schule und bleiben fort, wenn es ihnen oder ihren Eltern beliebt. Mit fünf und auch schon mit vier Jahren beginnen sie den sogenannten Schulbesuch. Sobald sie sich reif fühlen fiir den Beruf ihres Vaters und ihrer älteren Brüder, bleiben sie aus. Fürwahr, ein bescheidener Beruf, ein recht niedriges Lebensziel! Jene sind zumeist Verkäufer von Lotteriezetteln, die sie in den Strassen und öffentlichen Lokalen der Stadt feilbieten, Tag und Nacht hausierend, unermüdlich schreiend, sich mit kargem Verdienste begnügend. Das ist das erste Berufsideal der Schulkinder; ein Beruf, für den sie weder Betriebskapital noch Schulbildung, noch Befähigungsnachweis irgend welcher Art benötigen. Die Lotterie gibt ihnen fortan Lebensanschauung und geschäftliche Moral. Sie ist die erste Etappe zum Spekulanten- und Wuchererberufe, in dessen Hafen sie gewöhnlich landen. Das Schülermaterial ist elend, wie es die kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse, in denen diese Schüler wurzeln, bedingen. Aber es findet seine ebenbürtige Ergänzung im Lehrkörper, in der Schul- und Gemeindeverwaltung, in der Schulorganisation, kurz in allem, was mit dieser Organisation zusammenhängt. Man vergesse nicht, es handelt sich um eine jüdische Schule, die aus jüdischen Geldern, von einer jüdischen Gemeinde, für ausschliesslich jüdische Kinder erhalten wird! Und an dieser Schule sitzen im Lehrkörper: Ein französischer Katholik, ein ägyptischer Kopte, ein arabischer Mohammedaner, ein syrischer Protestant neben einem palästinensischen Juden und zwei Religionslehrern. So paradox dies klingt, es ist wahr. An der Mädchenschule sind die Lehrkräfte mit einer einzigen Ausnahme nichtjüdisch. Und was für komische Pädagogen diese Lehrer sind! Berufslehrer mit halbwegs pädagogischer Vorbildung ist bloss der Direktor, der französische Katholik, der früher an einer Jesuitenschule wirkte. Der Vizedirektor, ein Kopte, war früher an einer ägyptischen Dorfschule tätig. Heisst auch ein Pädagoge! Alle übrigen „Jugendbildner" hat Zufall oder Protektion dem Lehrberufe zugeführt. Da ist der palästinensische Jude, 22 Jahre alt, ein ausgelernter Gärtner, der französisch und hebräisch unterrichtet. Die unsinnige Politik der Alliance hat ihn, den Absolventen einer Ackerbauschule in Mikweh-Israel, von der heimatlichen Scholle verjagt und nach Kairo als Lehrer verschlagen. So schaut heute innere Kolonisation in Palästina aus. Da ist ferner ein Mohammedaner, weicher früher — das ist kein Witz! — Aufseher in einer ägyptischen Zuckerfabrik war und in diesem Wirkungskreise die Qualifikation zur Erziehung jüdischer Kinder erlangt haben will. Ein echt arabisches Protektionskind! Als Nebenlehrer für englische Sprache ziert den famosen Lehrkörper ein Protestant aus Syrien, gewesener Subalternbeamter in Diensten der ägyptischen Regierung. Kurz und gut, ein idealer Lehrkörper! So qualifizierten Lehrern wird bei arabischen Juden ganz skrupellos die Erziehung und Ausbildung einiger Hundert Kinder anvertraut. Die Herren der arabischen Gemeinde haben irgendwo gelesen oder gehört, dass man über eine Schule einen Inspektor zu setzen pflegt. Auch die Neuerung haben sie sich geleistet und sich im Direktor der hiesigen Alliance-Schulen kostenlos, was die Hauptsache ist, einen Inspektor angeschafft. Der Paradeinspektor, der übrigens ein ausgezeichneter Pädagoge und durchaus moderner Mann sein soll, kommt jeden zweiten Monat und „inspiziert". Es ist ganz ausgeschlossen, dass e r die absolute Unmöglichkeit auch bescheidener Unterrichtserfolge nicht erkennt und die blamablen Zustände nicht gebührend würdigt. Fehlt ihm der gute Wille oder die Macht, auf eine Besserung hinzuarbeiten? Uebrigens lässt sich auch der Herr von Cattaui, der Gemeindeoberste, von Zeit zu Zeit herab, eine Probeprüfung zu arrangieren. Er verlangt nicht viel und ist bald zufriedengestellt. Lotterie Verkäufer in spe — wozu braucht solch ungebildet Volk mehr Wissen, wozu bessere Schulen, bessere Lehrer? Es ist ohne weiteres klar, dass bei der vöMlig unzulänglichen pädagogischen Vorbildung des Lehrkörpers von einem systematischen Unterricht, von einem festen Lehrziele und einheitlichen Lehrplane nicht die Rede sein kann. Man unterrichtet ebenso billig wie schlecht darauf los, weil man den kleinen Gehalt abroboten muss, führt einen lächerlichen Scheinunterricht auf und nimmt weiter die ganze Bude nicht ernst.*) *) Mein Gewährsmann, der diese Stimmung unter den Lehrern wie überhaupt die ganze Schule sehr genau kennt, hat mir drastische Beispiele von Lehrerindolenz erzählt, wie sie nur an einer solchen Schule möglich ist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.