Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316092--45676-3340495- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 „bi* # weit11 Nr. 18 Ni Musik verschiedene Nationalhymnen spielte. Wie die Affen kletterten, hunderte von Matrosen die Strickleitern empor. Dutzende von Tüchern wehten, lautes Harrali ertönte aus kräftigen Männerkehlen, und so war ein Tag verstrichen, der zu den merkwürdigsten unserer Eeise gehört. Noch stundenlang, als wir die gebirgige Küste Kretas entlang fuhren, gedachten wir des reizenden Städtchens, und erst als wir uns gegen 12 Uhr zurückzogen und der Leuchtturm des äussersten kretischen Felsens zum letztenmale zu uns herüberblitzte, da hiess es: „Finis Kreteie". Das war das Ende von Kreta. Aus Palästina. Zichron-Jacob. Die Kolonie Zichron-Jacob hat sich noch nicht erholt, und wird sich voraussichtlich noch lange nicht von der Krisis erholen, die sie zuerst infolge der Phylloxera ihrer Weinberge und zuletzt durch den Uebergang der Kolonien vom Baron E. de Rothschild an die Ica durchgemacht hat. Speziell wurde der eben erwähnte Uebergang der Kolonie an die lea für sie von einschneidender Bedeutung, denn von ihm ab.datiert erst der wahre Kampf der Kolonisten ums Leben. Nach verschiedenen Kolonisationsprojekten, die eines nach dem anderen als ungeeignet verworfen wurden, entschied man sich für eire Art gemischer Wirtschaft. Jeder Kolonist erhielt etwas Weinanlagen, einige Dutzend Oelbäume, einige Hundert Maulbeer- und Mandelbäume und schliesslich Ackerboden. Da es aber an Ackerboden, sogar nach der Uebersiedlung eines Teiles der Kolonisten von Schefeja und Umm-el-Dschemal in die neuen Kolonien bei Tiberias, noch immer mangelte, beschloss man nach langwierigen Unterhandlungen, die nur dazu geführt haben, dass der Preis des in Frage kommenden Bodens stieg, die benachbarten Flächen von Burdsch und Marach anzukaufen. Dieser Kauf fiel sehr teuer aus, man rnusste auch den Kolonisten Ackergeräte und Arbeitsvieh (je 3 Paar Ochsen per Familie!) liefern, so dass ein unverhältnismässig hohes Kapital dazu verwendet werden müsste*. um den Versuch durchzuführen, aus im Weinbau ergrauten Pflanzern Feldbauern zu machen. Diese neuen „provisorisch-definitiven'4 Installationen, wie sie in treffender Weise gelegentlich von der Administration selbst bezeichnet wurden, schliessen somit Bäume, Weinreben und Felder ein, die sich in 10 verschiedenen Orten befinden, und die deshalb von den Kolonisten nicht einmal gut beaufsichtigt, geschweige denn ordentlich durch eigene Kraft bearbeitet werden können. Während einerseits Schefeja und Umm-el-Dschemal entvölkert in:d somit dem Verfall preisgegeben wurden, hat man andererseits in Zichron-Jacob erneut grosse Gelder für den Bau von Ställen, Speichern etc. für die neuen Ackerbauer^ verwenden müssen. Atlit. Die Prozesse betreffs der Besitzrechte auf Atlit erhielten vorläufig noch keinen Abschluss und werden wohl noch lange fortdauern. Inzwischen beschloss die Administration, nach dem irnsshingenen Versuch, einige Kolonisten von Zichron- Jacob drüben arbeiten zu lassen, Arbeiter von Zichron-Jacob als Pächter hinzusenden. Sie erhielten von der Administration das aliernotwemdigste Inventar, um arbeiten zu können, und müssten eigentlich auskommen, wenn sie mit Fleiss und Umsicht arbeiten wollten und ihre Forderungen und Ansprüche, die nicht immer gerechtfertigt sind, vergessen könnten. Wer aber die Denkweise dieser Arbeiter kennt, nauss sich eingestehen, dass bei dem Pachtversuch von Atlit ein Erfolg sehr zweifelhaft ist. Im Gegensatz hiezu hat das Pachtsystem, im Oberen und besonders im Unteren Galiläa zu befriedigenden Ergebnissen geführt. Es ist allerdings wahr, dass wir es hier mit einem anderen Element zu tun haben. Einige ältere Arbeiter treten schon das dritte Jahr ihres Pachtverhältnisses zur Administration an, und die Tatsache, dass sie sich die ganze Zeit hindurch halten und auskommen konnten, ist sehr ermutigend. Nach unserer Meinung bietet das Pachtsystem eine der besten Lösungen der Frage der 'Kolonisationsmethoden. Ein Mann, der den Uebergang vom Arbeiter zum Pächter .und. von diesem zum Besitzer,-zum Kolonisten durchgemacht hat, kann einzig und allein unser volles Vertrauen erwerben und wird mit Sicherheit reüssieren. In der Gegend von Tiberias mehrt sich die Zahl der Pächter mit jedem Jahr. Diese Pächter haben die Aufgabe, zu beweisen, dass der Kleinbauer sich in diesem Lande erhalten kann, und dass unsere Kolonisten, die mit den Einnahmen von ihren 300 schlecht bestellten Dunam Felder nicht auskommen konnten, sich in einem verhältnismässig" besseren Zustand befinden würden, wenn sie nur 150 Dunam besässen, die sie aber gut bearbeiten würden. _ <_ Die neuen Kolonien bei Tiberias. Was die neuen Gründungen in der Gegend von Tiberias betrifft: Mesha, welches kürzlich den Namen Kfar-Thabor (es liegt am Fusse des Thabor, arabisch Dschebel et-Tor) erhalten hat, Yemma und Melhamieh, letztere in der Jordansenke am rechten Ufer des Jordans, so sind sie noch zu jung, um über siie ein Urteil zu fällen. Wir halten deshalb mit unserer Prognose zurück; In den ersteren beiden Kolonien sind die Baulichkeiten beinahe fertig, die Kolonisten sind schon in die Häuser eingezogen, das Vieh wurde in den Ställen untergebracht, so dass die Arbeit voll und £anz aufgenommen werden kann. In Melhamieh sind die Gebäude noch nicht ganz hergestellt. Wenn auch die Organisation und Administration der neuen Kolonien diejenige der alten bedeutend überragt, so weist sie auch leider noch UnvollKommenheiten und unverzeihliche Mängel auf. Man darf uns ja nicht allzu grosse Strenge unserer Forderungen vorwerfen. Zwei Umstände berechtigen uns zu solcher Stellungnahme: erstens der Umstand, dass wir nicht am Anfange unserer Kolonisationsarbeit stehen, sondern nunmehr auf eine 25iährige Praxis zurückblicken, und zweitens die Tatsache, dass die von den Templern betriebenen Kolonisation, die mit weniger Geldmitteln operiert, Vollkommeneres, aufzuweisen hat. So war kaum die neue Kolonie WMhelma begründet, als schon die Strassen traciert, die Wassergräben reguliert wurden etc. In Mesha, Yemma und Melhamieh dagegen bauen die Kolonisten ihre Häuser nach eigenem Geschmack ohne Rücksicht auf die hygienischen und agrikulturellen Bedingungen der Gegend, die Höfe sind weder von Hecken, noch von Wänden umgeben, die Strassen sind nicht traciert, der Abfluss des Wassers ist nicht geregelt, die ärztliche Hilfe schlecht organisiert worden. Die Kolonisten beschuldigen die Administration wegen der Sorglosigkeit, die Administration verweist ihrerseits mit allem Nachdruck auf den Mangel an Initiative und die Nachlässigkeit der Kolonisten. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Die Kolonisten und die Administration zugleich sind für diesen bedauerlichen Zustand verantwortlich zu machen. Aus dem Gesagten geht hervor, dass wir auch in unseren neuen Kolonien vergebens den Geist suchen müssen, der wahre Pioniere beseelt. Die Administration setzt die Erwerbungen von neuem Boden in der Gegend von Tiberias fort, und zwar von gutem Boden zu 9—12 Frcs. per Dunam, Uebertragungskosten (Kaufverträge etc.) mit inbegriffen. Bei solchen Bedingungen müsste man nur zugreifen. Rosch-Pinah. Hier gelten die Kolonisten als voll und gar.z installiert. Sie vernachlässigen ihre Weinberge und noch mehr die Mandelpflanzungen, und der Feldbau ist ebenso mangelhaft. Trotzdem kommen die Leute noch aus, aber wie lange? In Mischmar-Hajarden steht es sehr schlecht. Der im vorigen Jahre gegen die Ica seitens Ossowetsky und Genossen geführte Prozess, während dessen die Kolonisten für eine Zeit lang aus ihren Häusern vertrieben wurden, und die diesjährige Cholera versetzten der Kolonie einen Stoss, von dem sie sich kaum erholen wird, wenn man nicht rechtzeitig Hilfe schafft. Machanajim existiert ja nur dem Namen nach. Die galizischen Kolonisten, die die Kolonie bildeten, zerstreuten sich nach allen Windrichtungen. Der Boden und die Häuser sind an die Administration zurückgegangen, die .dort 15 bis 20 Arbeiter untergebracht hat, mit welchem sie die Versuche mit Tabakbau macht. Die Arbeiter stehen hiebei im Pachtverhältnis zur Administration. Wir müssen leider hier konstatieren, dass die Versuche mit Tabakbau wiederum einmal aufs Geratewohl, ohne Methode, Programm und Folgerichtigkeit geleitet werden. Es ist um so mehr bedauernswert, als der Tabakbau in unseren Kolonien eine bedeutende Rolle einnehmen müsste. Wie die Sache aber jetzt geht, sind die positiven Ergebnisse nicht einwandsfrei, ebenso wie die Misserfolge nicht als entscheidend angesehen werden dürfen. Mutelle (Metule). Das soeben Gesagte bezieht sich auch auf die in Mutelle unternommenen Tabakbauversuche. Hier wurde im vergangenen Jahre neuer Boden zu dem nirgends sonst in den Kolionien erreichten Preise von mehr als 1000 Frcs. per Hektar angekauft. Es is.t gewissvon Interesse, ein paar Worte über die Vorgeschichte dieser Kolonie zu sagen. Bei ihrer Begründung im Jahre 1896 hatte sie etwa 60 Familien, welche infolge ungenauer Stipulierung der Kaufbedingungen 'den bewaffneten Ueberfällen der Drusen, der früheren Besitzer des Bodens, ausgesetzt waren. 1897 hat Schreiber dieser Zeilen, als damaliger Administrator der Kolonie, die Zentral Verwaltung in Paris auf die Gefahren und auf die Mittel zur Abhilfe derselben hingewiesen. Man ging darüber einfach zur Tagesordnung über. Seit etwa drei Jahren überzeugte man sich nun von dem Vorhandensein der Gefahr und trat mit den Drusen in Verhandlungen ein, um die Sache zu regeln. Aber drei Jahre ziehen