Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 „bi* # W^lt" Seite 3 die heriibergesajidte Dampf Schaluppe zu benutzen, um ans Land, zu gehen. J)as hatten wir uns freilieh nieht träumen lassen, während der Fahrt nach Palästina unseren Fuss auf kretischen Boden zu setzen. Schon sassen wir fünf Mitglieder der zionistischen Deputation in der Schaluppe und diese schoss wie ein Pfeil, dem Ufer zu. Wir liefen in einen kleinen Hafen ein, au dessen Ufer in den türkischen Kaffeehäusern reges Leben herrschte. Der Schiffsverkehr schien allerdings unterbunden. Am Hafendamm Tagte ein schlanker Leuchtturm auf. Unter Leitung des Offiziers, der un« abgeholt hatte, zogen wir in die Stadt, wo wir bald der vorausgegangenen Gesellschaft nebst unserem Kapitän, dem Admiral Skrydlow, sowie dem provisorischen Gouverneur von Rethymo, Oberst Schosta k, begegneten, welche letzteren in liebenswürdigster Weise unsere Ciceroni abgaben. Die Strassen machen denselben Eindruck, wie in anderen orientalischen Städten, wenn auch der Einfluss venezianischer Bauart nicht zu verkennen ist. Zu bemerken war nur die ausserordentliche Reinlichkeit, welche die Russen durchgeführt hatten, und die im Orient doppelt wohltuend aufs Auge wirkte. Auch machte es einen seltsamen Eindruck und vermehrte keineswegs das Gefühl persönlicher Sicherheit, an jeder Strasseneeke zwei russische Militärposten mit aufgepflanztem Seitengewehre zu sehen. Ausserdem sah man alle paar hundert Schritte zwei hochaufgeschossene montenegrinische Mnrdsgeseilen in roten Blouson, mit geladenen Pistolen im Gürtel. Dazwischen sassen türkische Wachtposten zu Dutzenden, beim Kaffee und der Zigarette. An einigen besonders malerischen Stellen machten wir photographische Aufnahmen, wozu die Militärbehörde der Besatzung die Anordnungen traf. Hierauf ging's hinauf zur Zitadelle. Bei derselben stellte sieh auch der Gouverneur der Festung, Oberst S o lim an Bcy vor, voraussichtlich der letzte türkische Kommandant der Stadt Rethymo. Der gute Herr konnte einem in der Seele leid tun, war er doch in einer überaus peinlichen Situation. Gegen die russische Besatzung hatte er die Pflichten der Gastfreundschaft. Die Zurückziehung der türkischen Besatzung war zwar im Prinzip bewilligt, jedoch schwebten noch die Verhandlungen mit den Grossmächten über die Einzelheiten. Noch war der Türke der Form nach Herr im Lande, hier wurde aber auch, die Form nicht beachtet, indem die Russen sich völlig "häuslich eingerichtet hatten. Leicht war es vor einigen Tagen, noch möglieh, dass die Herren, welche jetzt freundschaftlich ihre1 Hände drückten, sich gegenseitig mit Kanonenkugeln begrüssteu. Die türkischen. Truppen machten auch hier einen, guten kriegerischen Eindruck. Nur schien die Nahrung ungenügend und war Uniform und Schuhwerk furchtbar verwahrlost. Auf den Festungswerken alten Systems waren zwei grosse Krupp'schc Festungskanonen aufgestellt. Alles üebrige war unbrauchbares Eisen, das lediglieh als Antiquität Wert besitzen konnte. Insbesondere wurden uns einige Geschütze aus Bronze gezeigt, die der venezianischen Zeit entstammten (Opus Alberceti) und einige türkische Gussrohre, die 150—250 Jahre alt waren. Von der Zitadelle geniesst man einen wunderbaren Rundblick über Meer und Land. Lichtblau glänzte die See mit einem smaragdgrünen Streifen, am Strand. Soli man Bey strahlte vor Vergnügen, als er unser Interesse an diesen Gegenständen bemerkte. Er ist dem Anschein nach recht froh, dass er nicht genötigt ist, auf die russischen Schiffe zu schiessen, welche die Festung zweifellos in kürzester Frist in einen Trümmerhaufen verwandelt hätten. Admiral Skrycllow machte uns noch besonders darauf aufmerksam, dass die Schiffskanonen nur auf die Zitadelle, nicht auf die Stadt gerichtet waren. Er erzählte mit Befriedigung, dass Rethymo die einzige grössere Stadt sei, welche von den europäischen Besatzimgstruppen noch nieht beschossen worden sei. Der Dragoman, ein Moslem aus Rethymo, erzählte mir, die; Bevölkerung sei vernünftig und kein. Exzcss zu befürchten, doch sei. dieselbe sehr niedergeschlagen und ängstlich, dass ihr die europäischen Besatzungen nieht den notigen Schutz gegen ihre christlichen Landslcuto angedeihen liessen. Admiral Skrydlow und die Offiziere sind natürlich, sehr zuversichtlich, sie zweifeln nicht daran, dass die Christen sofort nach dem Abzug der türkischen Truppen ihre Gewehre abliefern. Die Anwesenheit der letzteren, sei das ganze .Hindernis des Friedens. Einige türkische Weiher beobachteten neugierig hinter den vergitterten Fenstern unseren Abstieg von der Zitadelle. Hübsche freundliche Häuser rechts und links. Lachende Kinder sitzen am Wege und Haufen, von Soldaten und Bürgern, welche die sonderbaren fremden Eindringlinge betrachten. Was mögen sie in ihrem Lande wollen, das ihnen selbst kaum die nötige Nahrung gewährt? Auf dem Bückwege besichtigten wir eine griechische Kirche, die offenbar kurz vorher frisch getüncht worden war. Ein kretischer Priester kam des Weges und drückte dem Oberst Schostak verbindlich die Hand. Einen besonders vertrauenerweckenden Eindruck machte der Kreter nicht. Das langgewachseue Bart- und Haupthaar vermehrte den fanatischen Eindruck des Blickes. Der türkische Kommandant wollte uns rasch noch eine türkische Schule zoigen. Die kleinen Schüler erhoben sich ehrfurchtsvoll von ihren Sitzen, allein Oberst Schostak schien dem Landfrieden nicht mehr zu trauen, denn er liess uns durch einen Ordonnanzoffizier bitten, rascher zu gehen. Als wir herauskamen, hatte ein Teil von uns auch richtig die anderen Herren aus dem Gesichtskreise verloren. Wir irrten unter der Führung "eines höchst zuversichtlichen französischen Korrespondenten durch einige Strassen der Stadt, bis wir plötzlich ans Stadttor kamen. Da hielt ich es denn für geraten, Kehrt zu machen, um nicht mit einigen verlorenen Kugeln moslemischer oder christlicher Provenienz Bekanntschaft zu machen. Bei einem russischen Militärposton lenkten wir zum Kai ein und zogen längs desselben zum Hafen; dort fand sich ein junger russischer Offizier, welcher der französischen Sprache mächtig war. Wir hörten von demselben, dass unser Kapitän bereits zum Schiff zurückgefahren sei. Ein bereitwillig zur Verfügung gestellter Posten führte uns zu. Oberst Schostak, der sich in dem Hause eines reichen. Griechen einquartiert hatte. Dort trafen wir die ganze übrige Gesellschaft in heiterer Stimmung, Kaffee und Kognak trinkend. Nachdem wir die» hübsche Aussicht vom Dache eines Gartenhauses bewundert hatten, wurde eine Bunde. Sekt aus der Offiziersmotte gespendet, der insbesondere Soli man Hey recht gut zu munden schien. Herzlich, verabschiedete man sich mit gegenseitigem Dank an der handungstreppc. Der Admiral, mehrere Offiziere und Oberst Schostak begleiteten, uns an. Bord. Beim Abschiede bemerkte Oberst Schostak zu Soli man Bey: „Monsieur 1c Oomman- (lant, je reviendrai4'*. Die bezeichnende Geberde Seltmans bewies, dass er den Sinn dieser "Worte sehr wohl verstanden hatte. Sie konnte heissen: Allah hat es so gewollt, ich kann es nicht ändern. Historisch wird es immer merkwürdig bleiben, dass eine so wichtige Insel, welche zwei Meere beherrscht und deren Eroberung dem türkischen Reiche so ungeheure Geldmittel und Menschenopfer gekostet, nunmehr ohne einen Fl inten schuss auf gegeben wird. Kismet. An Bord wurde in heiterer Stimmung das Mittagmalil eingenommen und auf unsere Anregung von dem Schriftsteller Rene Bazin aus Paris ein Toast auf die Einigkeit des europäischen Konzertes ausgebracht. Ein russsischer Schriftsteller toastete auf den Admiral,. und ich erlaubte mir, in deutscher Sprache ein Hoch auf unseren wackeren Kapitän auszubringen. Unter Hurrah-Rufen fuhren die russischen Offiziere in ihren schnellen Schaluppen ab. "Wir glitten die IFront der russischen Kriegsschiffe entlang, auf welchen die