Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17' „bi$ & W*lt Seite 15 Und die grössten Dichter sind zum grössten Teile auch die Geächteten, die Gejagten. Und die grössten Dichter, die die tiefsten Spuren in der Kollektivseele der Menschheit hinterlassen haben, sind nicht bloss Sänger und Schilderer des eigenen, inneren „Ich". Für sie wird ihre innere Welt und ihre ureigenen Erlebnisse zum Mittel- und Ausgangspunkte, um den sich die ganze Welt und die ganze Menschheit dreht. Eins mit der Welt zu sein — das ist das Wesen des grossen Dichters, des „Vates", der Dichter und Sehen Dichter und Weiser zugleich ist. Ein solcher Dichter war Byron. Er hat dem neunzehnten Jahrhundert seine geistige Physiognomie ververliehen; er war der Vater des Pessimismus des vergangenen Jahrhunderts, der in Schopenhauer seinen philosophischen Wortführer fand. Ein Pessimismus, der nicht krankhaft war, ein Pessimismus, der eine kulturfördernde Macht war, der eine Notwendigkeit war. Dühring, der gewiss kein Freund der Pessimisten war, hielt Byron trotz seines Child-Haroldismus für einen der grössten Kulturfaktoren des XIX. Jahrhunderts. Byron stand im schärfsten Gegensatze zu dem damaligen England mit seinem Zopfsystem und seiner Zopfmoral, dem „Cant". Und er wandte sich unmutig von der Gegenwart ab, um sich in das Reich der Phantasie, der Vergangenheit zu flüchten. Italien und Griechenland waren die Länder seiner Träume. Aber in seiner Leier war ein noch tieferer, noch innigerer Ton, und diesen schlug er an, als er die „hebräischen Melodien" dichtete. Nicht zahlreich sind sie, diese Judenlieder, aber sie reichen hin, um Byron einen unvergänglichen Ehrenplatz im jüdischen Pantheon zu sichern. Er hat sie verstanden, wie vielleicht kein anderer, mit der ganzen zarten Seele eines Mitempfinders, die tiefe, stille Wehmut des jüdischen Lebens. Und eine Sehnsucht nach Licht und Leben, ein Bangen des verlorenen und verirrten Kindes nach den sonnigen Gestaden seiner Heimat spricht aus diesen Melodien. Es klagt durch seinen Mund das jüdische Herz sein bitteres Leid, wie es noch nie klagen konnte, so schlicht und so stark, so schlicht und so markerschütternd. Sein Lied erhebt sich von dem Minortone der stillen Schwermut zum rasenden Schreie der Verzweiflung. „Die wilde Taube hat ihr Nest, der Fuchs seine Höhle; Alle Menschen ihre Heimat — nur Israel das Grab." Und er weinte, der grosse Brite, das Leid eines ihm fremden Volkes; er weinte mit denen, die am Babelstrome weinten und sich nach Jerusalem sehnten; er weinte mit dem alten Ahasver, der nie ruhen und nie geniessen kann. Und deshalb hat sich Byron um das jüdische Volk ein grosses, unvergessliches Verdienst erworben — er, der Sänger unserer Leiden. Die Grösse Israels blendete ihn, bezauberte ihn mit ihrer fernen, mächtigen Poesie. Er kannte nur die einstige Grösse des jüdischen Volkes und seine jetzige Ruine. Er konnte die Zukunfi nicht sehen. Ihm war es nicht vergönnt, auch die Renaissance des üdischen Volkes, des von ihm besungenen Israel erstehen zu sehen. Hellas stand aus der Asche auf — und der begeisterte Dichter eilte herbei, um auf den Feldern Griechenlands zu kämpfen und zu fallen. Juda steht von seinem Schlafe auf, von seinem todähnlichen Schlafe — und kein Byron hat sich bis jetzt erhoben, um mit seinem ungeheuer grossen, Welten umfassenden Dichterherzen die Grösse und die Schönheit des Augenblicks zu singen. Wäre Byron jetzt da — er hätte neue „Hebrew Melodies" gedichtet. Lieder der Hoffnung und des Sturmes, des heissen Lebens und der Lust zum Schaffen.---- In dem Pantheon Judas steht ein Standbild, lorbeerumkränzt, und an der Säule des bleichen, grossen englischen Dichters, der unseren Schmerz so begriffen und mitempfunden hat, seheich die grossen, schönen Worte seiner Melodien („Daughter of Jephtah") eingegraben, Worte, die ein Ehrenzeichen für das jüdische Volk sind: Thy name, our charging hosts along, Shall he the battle word! Thy fall, the theme of choral song From virgin voices pour'd! To weep would do thy glory wrong! Thon shalt not be deplored. „Du wirst nicht beweint werden." Einem Heldenvolke geziemt es nicht zu jammern; es heisst handeln und kämpfen. Der Unsterbliche ruft es uns durch Raum und Zeit zu. Seien wir seines Wortes eingedenk! A. Coralnik. Passah in Saloniki, In einer anerkennenswerten makedonischen Rciscbcsehreibung stellt von Saloniki: Die Stadt hat 120 000 Kinwohner, darunter 130 000 Juden. Dieser, wenn auch paradoxale Ausspruch beweist zur Genüge, welche Bedeutung die jüdische Bevölkerung liier hat. Die hiesigen Israeliten wissen es wohl, dass sie in der gewerhe- und band eisrcichen Stadt tatsächlich den Ilauntfaktor bilden; ihr ganzes Auf treten, sowie die Zähigkeit, mit der an den althergebrachten Gebräuchen und Trachten noch festgehalten wird, beweisen es. So nimmt denn die Stadt während der jüdischen Owsteiieiertage ein eigenes Gepräge an. Eine fremd, fast unheimlich berührende Stille herrscht im Bazar; das beweglichste, seine Waren mit dem ganzen. Aufgebot seiner Stimm- und Bcdemittel anbietende Clement ist vom Schauplatz verschwunden. Die Türken und die Griechen sind jetzt dort die alleinigen Herren. In den Strassen fehlen die stämmigen, hochgebauten Gestalten der fliegenden Händler mit ihren Lasten von. Gemüsen, Früchten, Fleisch oder Fischen auf dem Kopfe. Die türkischen Ilamals (Lastträger) hätten jetzt gute 'Lage-, wenn der Geschäftsgang nicht gar so flau wäre, da die grössten Handelshäuser und Exportfirmen ruhen und in den Docks, wo sonst den ganzen Tag die Lastwagen rasseln, ist es wie ausgestorben. Mehrere Banken sind geschlossen. Aus den Schloten der gewaltigen Dampfmühle der Welt Firma-Alatini steigt kein Bauch und die Segler, welche die ]Ueh 1 sacke aus der Mühle nach den Docks zu bringen pflegten, haben ihre Segel gerafft und lassen, sich draussen an den Landungsstegen vor der Mühle untätig von den blauen Wogen schaukeln. Die gro^e Zigarettenfabrik der Regie und noch viele andere Fabriken sind geschlossen und all die Arbeiterinnen spazieren. Tag für Tag in ihren schönsten FciertagskJeidern, Arm in Arm, lachend und plaudernd am Kai. Die sosshafteron Frauen haben sich vor ihren Haustüren zusammengetan, knabbern geröstete Kürbiskerne und halten in der mit eigenem Tonfall gesprochenen „spaniolischen" Sprache strenge Musterung über alle Vorkoni um isse ihres Viertels. Dabei tragen sie ihren schönsten Festiagsstaat zur Schau. Abtrünnige, welche der schönen "Nation alt rächt billigen, oft geschmacklosen modernen Putz vorziehen, gibt es zwar genug, aber nuch noch viele, welche die althergebrachte Tracht in Ehren halten. Sie ist ebenso originell als kostbar. Der enge, ärmellose Hock ist aus geblümtem Broekat aus gestreiftem Seidenstoff, der seitwärts geraffte, lose Rückenteil. Ein pelzverbrämtes Jäckchen oder ein langer atlassener Winterpelz, öffnet sich über der mit Spitzen und dünnen Linnen bedeckten Brust und dem Hals, den Perleiischniiie zieren. Andere Perlenschnüre gesellen sieh bei den Reichen auch