Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 16 „bie & w*li" Nr. Ii zu ekn farbigen Florstreilen, welche unter dein Kinn durchgehend, sieh aui' der grün sei denen „Koffia" mit der hellen SchnobLe in der Stirne kreuzen. Die Männer, von denen viele dem alten Gebrauch getreu geblieben, tragen über dem inngvn bunten Leibrock, den eine Schärpe umgürtet, den langen Pelz oder den leichteren Somnieriiberwurf. Jetzt, vor Ostern, bat man sieh mich der Abgeschiedenen lebhafter erinnert. .Die Frauen haben die Friedhöfe besucht, um von dem Chaeham auf den Gräbern ihrer Lieben Gebete lesen zu lassen. Die Frauen der ältesten Generationen ziehen zu diesen Besuchen, die sie mit den im Orient gebräuchlichen vehementen Totenklagen vorbinden, eine eigene Tracht an : einen feuerrotem Mantel mit weiten, pelzverbrämten Aermeln, sonderbare Stiefel mit weichem, hohem Schaft, die an die Lebersehuhe türkischer Frauen erinnern und über den Kopf werfen sie eine lang herabhängendes weisses Tuch. So angetan begaben sie sich an die Gräber und als ob diese Trauertracht zu den wildleidenschaftlichsten Kundgebungen sie verpflichte oder inspiriere, erhebt sich auf dem Friedhof ein markerschütterndes Klagegeschrei, das von improvisierten Toten klagen begleitet wird. Doch genügt dies den zu wahrem Schmerzparoxismus sich berauschenden Weibern noch nicht, sie schlagen sieh mit den Fäusten an den Kopf und zerkratzen mit gekrallten Fingern ihre Wangen . . . ►Sind die Pflichten den Toten gegenüber erfüllt, so denkt man nur mehr an die Lebenden und trifft die weitgehenden Vorbereitungen zum Feste. Am letzten Abend herrscht im Bazar ein wildes Getümmel und Gedränge. Jeder hat vor Torschluss noch etwas zu besorgen. Christen und Türken füllen ebenfalls die Strassen, um einen billigen Kauf zu machen, da vieles um jeden Preis an den Mann gebracht werden muss. Kach diesen, wie ein Sturm die Leute durcheinander wirbelnden Vorbereitungen lacht endlieh die fröhlich, ruhige Sonne des Festes. Der Frühling ist eingezogen. Die Bäume sind bereits abgeblüht und frisches, zartes Grün erfreut allerorts das Auge. In den weitausgedehnten Gemüsekulturen vor der Stadt steht der Lattich wie eine grüne 1 leerschar in langen Keinen; er wird samt und sonders daran glauben müssen. In ganzen Zügen spazieren die Juden in die Gärten hinaus; die kindergesegneten Familien mit Proviant beladej]. Draussen beginnt ein lustiges Tafeln im Grünen. Die Gärtner, welche, wenn die Gelegenheit sich bietet, auch den Wirt spielen, haben kaum Hände genug, die jungen Zwiebelchen und Latticbpf lanzen herbeizuholen, deren zarte, ^elblichgrfme Blätter man mit Salz zu den in der Asche gobaekenen harten Eiern isst. Da und dort vernimmt man die Klänge einer Drehorgel, die melancholisch schleppend altmod isehe Opernweisen herunterleiert. Hebräische Lieder ertönen mit Guzla-Begleitung. Aber auch der Wein wird nicht verachtet; die Gläser klingen und abends kann es wohl passieren, dass manche Fez-Troddel, die Stramin und stolz hernusspazierte, bei. der Heimkehr in verdächtigen Pendelschwingungen im Kacken dem fröhlichen Tag den Schluss zu läuten scheint . . . A n n a v. M o o r. Die Fünf-Rubelbanknote. Von E. G. Feigin. Freie Uebersetzung von Julie Goldbaum. (Fortsetzung.) V. Welwel war, als er sein Heini verlassen hatte, ganz guter Laune: der günstige Frfolg des gestrigen Tages hatte ihm irisclie Hoffnung auf neue Verdienste eingeflösst. Doch diese Hoffnungen erwiesen sich als trügerisch. Das Wetter war milde und heiter, die warmen Strahlen der Sonne hatten den Kot auf den Strassen ausgetrocknet, und die Leute auf dem Marktplätze, wohin Welwel sich begeben hatte, benötigten seine Dienste diesmal nicht. In den Vormittagsstunden gelang es ihm noch, einige Kopeken zu verdienen, dann aber trat ein völliger Stillstand ein. Kailistrat, der ihm bekannte Wachmann, mit welchem Welwel sich aus Langeweile in ein Gespräch eingelassen hatte, trübte vollends seine Laune. ,,Schlecht wird es dir ergehen, Welwel,'4 sagte Kallistrat, „bei lebendigem Leibe wird dich der Herr Polizeiaufseher auffressen, wenn du ihm unter die Hände kommst." „Ach — ach!" seufzte Welwel. „Er soll sich meine Ziege behalten, wenn er will . . „He, he, Welwel, du kennst unseren Irodion Porfirowitsch schlecht, und Fäuste hat er, sage ich dir, so" — und Kallistrat legte beide Fäuste zusammen, um zu zeigen, wie gross die Faust vom Polizeiaufseher sei. „Dazu sind unsere Feiertage jetzt vor der Türe . . ." „Was genieren ihn die Feiertage?" fragte naiv Welwel. „He — he, Welwel, Welwel," schüttelte Kallistrat herablassend den Kopf. „Du glaubst wohl, das er solche Vorbereitungen zu den Feiertagen macht wie bei euch Juden? Ihr kauft euch eine Fuhre Mazzes und nährt euch damit eine Woche. Dort geht es ganz anders zu; da heisst es: Wein, Kognak, Schinken, Würste, Hühner, Enten, Ferkel herbeischaffen . . . Verstehst du jetzt?" Welwel spuckte aus. „Dazu aber braucht man Geld, er aber hat —" und Kallistrat schloss seine Gedanken durch einen langen Pfiff. „Hat er keines?" fragte Welwel. „Nichts!" erwiderte Kallistrat, „und deshalb ist er wütend wie ein Teufel. Gestern ist er einem besoffenen Bauer so in die Schnauze gefahren, dass er ihm mit einem l?uck vier Zähne herausgeschlagen hat." „0 weh, o weh* o weh!" rief Welwel, den Kopf schüttelnd. „Ich sage dir, wütend ist er wie ein reissendes Tier! Da schau her!" und er hob die Oberlippe in die Höhe und zeigte die obere Zahnreihe, in welcher zwei mittlere Schneidezähne fehlten. „Es ist ja ein Haman, ein wirklicher Haman," dachte für sich Welwel, indem er sich von Kallistrat entfernte. „Wozu habe ich diese verdammte Ziege gebraucht? Was fange ich an, wenn dieser Haman jetzt auf mich losstürzt?" Bei diesem Gedanken bedeckte er instinktiv seinen Mund mit der Hand. „Dann bin ich verloren," und zitternd am ganzen Leibe schlenderte er der Stadt zu. Vertieft in seine traurigen Gedanken gelangte er, ohne zu wissen wie, auf die Hauptstrasse. In diesem Stadtteile wohnte das elegante Publikum der Stadt. Die Strasse war gepflastert und von beiden Seiten mit schattigen Bäumen bepflanzt. Auf dem Trottoir standen einige Menschen und bewunderten die vor eine schöne Equipage gespannten feurigen Rappen des Gerichtspräsidenten. Der Gerichtspräsident gab dem Kutscher einen Befehl, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Alle folgten mit den Blicken den rasch dahinfliegenden Pferden. „Mach Platz!" wurde Welwel von rückwärts angerufen und gestossen. Er drehte sich um. Hinter ihm stand eine dicke Kindsfrau, welche ein hübsches, dreijähriges, weissgekleidetes Mädchen aa der Hand führte. Welwel machte Platz und trat zurück. Der Vater und die junge Mutter des Kindes folgten diesem. Welwel betrachtete halb mit Verwunderung, halb mit Neid das schöne, wohlgenährte Kind, und er inusste es unwillküilich mit seinem schwächlichen, verkümmerten Arenze vergleichen.