Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 & W^lt" Seite 9 Das ist nur eine kleine Zahl, sozusagen eine Mustersammlung aus der grossen Menge von Vorwürfen, mit denen mich meine Gemeindegenossen überhäufen. Und ich? Sie werden mich vielleicht für sehr lau und mattherzig oder für sehr unwissend halten, aber ich gestehe Ihnen : ich bin bis jetzt die Antwort schuldig geblieben. Mit dem Herzen wüsste ich den Fragen zu begegnen; denn ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass ich meinem Kollegen gegenüber recht gehandelt habe; ich würde jetzt nicht anders handeln, nicht anders handeln können. Mein ganzes Sein empört sich gegen den Verrat, gegen die Lüge — ich weiss selbst nicht, warum; ich weiss nur, dass es mir wie ein Messer durchs Herz geht, dass sich mir (verzeihen sie den unparlamentarischen und unphysiologischen Ausdruck!) der Magen umdreht bei einem solchen Ereignis. Aber--wir sind ja modern denkende, voraussetzungslose Menschen oder wollen es doch sein; es kann doch unmöglich genug sein, den blinden Instinkt zu erkennen und ihm blind zu folgen. Ich will mich auch von meinem Instinkt nicht irreführen lassen. Kann ich es mit meinen Grundsätzen gegenseitiger Duldung vereinbaren, kann ich es vor meinem Gewissen verantworten, dass ich meinen Kollegen Schlesinger boykottiere, weil er von Gegenwart und Zukunft des Judentums andere Gefühle hat als ich? Nursteht es mir für allemal fest: Religion ist Privatsache. Welches Recht habe ich nun, mich in die Privatangelegenheiten eines Kollegen zu mengen? Ich wiederhole es: es ist vielleicht sehr unwissend von mir, dort ein Problem, eine Verlegenheit zu suchen, wo weisere Zionisten mit voller Klarheit sehen. Aber ich will mich belehren lassen — ich bitte um Auskunft und Rat Welt-Sbi'OQik- Trauergottesdienst für Col. Goldsmid in London. Sonntag, am 10. 1. M. fand in der grossen Synagoge Oidgate, unter den Auspizien der Jewish-Lads-ßrigade ein Trauergottesdienst für Colonel Goldsmid statt. Die Trauerrede hielt der Chief-Rabbi von England, Dr. Adler. Es waren viele bekannte Persönlichkeiten der jüdisch-englischen Gesellschaft anwesend. Die jüdischen Knabenbrigaden, die unter der Leitung des seligen Colonels standen, waren sämtlich vertreten. Der Chief-Rabbi verlas den Kondolenzbrief des Königs von England, in dem er sagt, er habe in der Person des Col. Goldsmid einen persönlichen Freund verloren, wie auch zahlreiche andere Beileidstelegramme. Doktor Adler schilderte in schönen Worten den Verstorbenen als Menschen und als Juden, als Zionisten, der immer opfer, bereit war, der wie ein aus dem Gebiete der Phantasie ins Leben übertragener Daniel Deronda Leib und Seele der jüdischen Sache widmete. Der Boykott der Juden in Limerick. Die Agitation des berüchtigten irischen Fanatikers, des Redemptoristenpaters Cre;agh in Limerick, der seinerzeit die katholischen Einwohner Limericks durch seine antisemitischen Hetzpredigten zu Judenkrawallen aufstachelte, dauert noch immer fort. Sie hat eine sehr schlimme Wendung genommen, sie hat nämlich das wirtschaftliche Terrain betreten : Pater C r e a g h und seine Getreuen predigen einen förmlichen Boykott gegen die Juden. Ersterer geht von Haus zu Haus und droht, jedes seiner Pfarrkinder, das bei Juden kauft, von der Kanzel aus zu geissein. Der Schaden, den die Juden dadurch leiden, ist sehr gross. Die Antisemiten, die an den Juden Limericks ihr Mütchen kühlen wollen, um sich wegen der Ausweisung der Redemptoristen aus Frankreich, an der angeblich die Juden schuld seien, zu rächen, wollen der Hetze einen ökonomischen Anstrich geben und schildern die Juden als die Aussauger des Landes. Wie bekannt, haben sich die besten Männer Irlands, wie z. B. Michael Davitt, der Sache der Juden angenommen. Gegen das Treiben der Redemptoristen wendet sich auch in einem offenen Brief in der „Times" der Direktor der irischen Mission, Julian Grande. In der „Times" erschienen auch Briefe von jüdischen Notabilitäten aus Limerick, die die traurige Lage der Juden daselbst schildern. Es ist zu konstatieren, dass in Limerick sich nicht mehr als 35 jüdische Familien befinden! Aus Lompalanka. Der Präsident der Kultusgemeinde in Lompalanka, wo neulich Judenexzesse stattgefunden haben, schreibt uns einen Brief, worin unser Bericht über die traurigen Ereignisse (Vgl. „Welt« Nr. 16) bestätigt und durch verschiedene Details ergänzt wird. Die Lage der Juden in Lompalanka ist eine sehr kritische, 35 jüdische Familien sind obdachlos und im tiefsten Elend. Der Grund der Exzesse scheint nicht ein vorübergehendes Aufblühen des blinden Fanatismus der Bulgaren, sondern ein eingewurzelter, tief in der Volksseele eingenisteter Judenhass gewesen zu sein. Es ist der Zweck der Hetzen gewesen, die Juden aus Lompalanka zu verjagen, nachdem man sie ausgeplündert hatte. Ein Streik in London. Am Sonntag begann im Ostende Londons ein Streik, der grosseren Umfang annehmen dürfte, und der gerade von dem Teile der Bevölkerung ausgeht, dem die englische Regierung den Aufenthalt in London zu erschweren beabsichtigt. Ob der Streik auf das Fremdengesetz von Einfluss sein wird, lässt sich vorläufig noch nicht erkennen, doch ist dies keineswegs ausgeschlossen. Er geht aus von den jüdischen Bäckern, die nachstehende Bedingungen stellen: Mininiallohn 26 Sh. pro Woche; zwölfstündigen Arbeitstag; Anbringung einer tradeunioiiistisehen Marke auf jedem Brote; einen Ruhetag im Zeitraum von 7 Tagen. — Der Streik nahm seinen Anfang mit grossen Umzügen durch die fast nur von Ausländern bewohnten Strassen. Bei diesen Umzügen fiel besonders eine grosse Schar jüdischer Schneiderinnen auf, die ein mit hebräischer Inschrift versehenes Banner mit sich trugen. An der Spitze des Zuges marschierte ein nur aus Juden zusammengesetztes Musikkorns in roten Röcken, das ununterbrochen die Marseillaise spielte. Hinter ihm wurde eine Tafel mit russischer Inschrift getragen. Am Nachmittage versammelte sieh eine aus allen Nationen der Welt gemischte Volksmenge um zwei Rednertribünen auf einem offenen Platze in Whitechapel. Es wurden hebräische Flugblätter verteilt, und die Redner sprachen Deutsch und Jargon. Die Hauptbeschwerde war die, dass englische Arbeiter weit höhere Löhne und weit kürzere Arbeitsstunden hätten, als die Ausländer. Die Bäckerläden waren durch Polizisten besetzt, denen es gelang, die stellenweise einen erregten Eindruck machende Volksmenge zu zerteilen. Die Verbreitung der Bibel. Seit ihrer Gründung hat die British and Foreign Biblical Society 180 Millionen Kopien der Bibel in alle Weltteile versandt, und diese sind in ungefähr vierhundert Sprachen übersetzt. Im vergangenen Jahre allein sind von ihr etwa sechs Millionen Kopien des alten und des neuen Testamentes, oder verschiedener einzelner Teile derselben durch den Handel abgesetzt worden, und wird allem Anscheine nach dieser ungeheure Absatz in Zukunft au Ausdehnung noch zunehmen. Die Juden in Australien. Die Zahl der .1 uclcn in Ncu- Südwales beträgt etwa 65(H), von denen der grösste Teil in der Hauptstadt wohnt. Biese bilden eine einzige grosse ungeteilte Gemeinde und besitzen nur eine Synagoge, ein Umstand, der es bei den ungeheuren Entfernungen innerhalb der Stadt den religiösen Mitgliedern aus den fernen Bistrikten unmöglich macht, an Festtagen und an Sabbaten das Gotteshaus zu besuchen. [)ie Gemeinde setzt sieh aus den heterogensten Elemente!) zusammen. Da rinden sieh hohe richterliche Beamte, Parlamentsmitglieder und führende Handelsherren und daneben Handwerker. Hausierer und Angehörige der Arbeiterklasse. Ein ritueller Jüdischer Eid spielte eine Rolle in einem Prozesse, welcher jüngst das deutsche Reichsgericht beschäftigte. Fi]] Ehepaar jüdischen Glaubens hatte gegenseitig die Scheidungsklage angestrengt. Das Landgericht hatte die Klage der Frau für begründet angesehen, es w urde deshalb die Ehe geschieden und der Mann als allein schuldiger Teil erkannt. Gegen dieses Urteil legte der Mann Berufung beim Oberlaudesgerichte ein, weil er nicht der allein schuldige Teil sein wollte. Während diese Prozesshandlung noch schwebte, kam es zwischen den Parteien zu einem später gerichtlich bestätigten Vergleich, nach welchem der Mann sich verpflichtete, die Berufung zurückzuziehen, und. versprach, nach Friedigung der Vermögensauseinandersetzung auch in die rituelle Scheidung zu willigen und die nach der mosaischen Religion erforderlichen Erklärungen (Kid) abzugeben. Die Frau wollte nun wieder heiraten und als der Mann, nachdem die Vermögensaugelegenhcit geordnet war, sieh dennoch weigerte, jenen versprochenen Eid zu leisten, nahm die Frau gerichtliche Hilfe in Anspruch, um den Mann zu den versprochenen Erklärungen zu veranlassen. (Diese müssen vor versammeltem Rabbiner-Kollegium gegeben werden, tun die Aushändigung des Scheidebriefes zu erreichen, wie solches im fünften Buch Moses vorgeschrieben ist.) Das Landgericht hat diesem Antrage entsprochen und dem Manne im Weigerungsfalle