Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „Di* # Welt Nr. 17 Belosfock. Der Direktor der Handelsakademie von Belostock hat eine Schülerexkursion nach Petersburg und Warschau organisieren wollen, musste jedoch, wie die „Nowosti" melden, diese Route ändern, weil ihm von Petersburg aus bedeutet wurde, dass die jüdischen Schüler zum Aufenthalte in Petersburg nicht zugelassen würden. Odessa. Die Jüdin Selenskaja, welche in Petersburg einen Tag weilte, um einem hohen Staatswürdenträger eine" Bittschrift zu überreichen, wurde vom Odessaer Bezirksgerichte wegen Aufenthaltes in der den Juden als Wohnort verbotenen Stadt Petersburg zu einer Geldstrafe verurteilt Diese Bestrafung erfolgte, wiewohl der Selenskaj a vom Minister des Innern das Rechtsum Aufenthalte in Petersburg nachträglich eingeräumt wurde. Odessa. Beim Empfange der aus Ostasien zurückgekehrten, in dem Seekampfe bei Chemulpo am Leben gebliebenen Offiziere und Matrosen der russischen Schiffe „Warjag8 und „Korejetz" war auch eine Deputation der jüdischen Gemeinde von Odessa unter Führung des Rabbiners Krebs erschienen, um den Helden von Chemulpo zu huldigen. Die Deputation übereichte eine Huldigungsadresse und Rabbiner Krebs richtete an die Offiziere eine Rede, welche mit Begeisterung aufgenommen wurde. Der älteste Schiffsarzt des „Warjag" Gaston Chrabrostin beantwortete die Begrüssung der jüdischen Deputation mit folgender Rede: „In Abwesenheit des Kapitäns Stepanow übernehme ich die Pflicht, im Namen des „Warjag" und des „Korejetz" für die uns dargebrachte Huldigung zu danken. In den Reihen unserer teuren Armee befinden sich viele, viele Juden, welche gemeinsam mit uns für Zar und Vaterland sterben. Ein Gott ist bei uns allen und unsere Macht ist erst dann kräftig, wenn wir einig und vereint sind. Ich bitte, im Namen aller, der jüdischen Gemeinde von Odessa unsere aufrichtige Dankbarkeit auszudrücken/' Petersburg. Der bekannte russische philosophische Schriftsteller Rosanow veröffentlicht im Märzhefte des Journals „Nowy Puij" (Neue Bahn) einen charakteristischen Fall radikaler Heilung von nationaler Unduldsamkeit, der deutlich beweist, bis zu welcher Höhe von Opferwilligkeit sich unsere Volksgenossen erheben können. Rosanow erzählt: „Ich begegnete eineno polnischen Arzte, der im Gouvernement Pensa geboren wurde. Ich knüpfte mit ihm ein Gespräch über die Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationalitäten in Russland an. Zu meinem Erstaunen erklärte mir der katholische Pole, dass für ihn nunmehr alle Konfessionen und alle Menschen gleich sind. „Und wissen Sie, warum sich in mir diese Ueberzeugung gebildet hat?" frug er mich. — „Ein Fall während der jüngsten Cholerp.zeit. Es war eine schreckliche Zeit. Es brachen in den Dörfern sogenannte Choleraunruhen aus, welche sich gegen die Aerzte kehrten. Ich und noch einige Aerzte arbeiteten in einem russischen Gouvernement, wo die feindselige Stimmung der Bauern gegen die Aerzte einen besonders bedrohlichen Charakter trug. Plötzlich brach die Epidemie in einem Dorfe aus, dessen Einwohner durch ihre Roheit allgemein bekannt waren. Die Aerzte weigerten sich, in das Dorf zur Hilfeleistung zu gehen und nicht einmal hohes Geldangebot vermochte, die Aerzte umzustimmen. Ich hatte einen Kollegen, einen Juden, unansehnlich und mit dem Keim der Schwindsucht in der Brust. Und er begab sich ganz allein in dieses Dorf, wo er bis zum Erlöschen der Cholera blieb und fast alle Bauern von dieser schreckliehen Epipemie zu retten wusste. Die Bauern begegneten ihm anfangs mit Hass, aber er besiegte diesen Hass durch seine unendliche Güte, Liebe, ungewöhnliche Tätigkeit und durch seine verblüffende Furchtlosigkeit. Als er so viele an Cholera erkrankte Bauern dem Tode entriss, begriffen die Unwissenden, dass er hinkam, nicht um sie zu vergiften, sondern um sie zu retten. Noch mehr, auch seinen neuen Winterrock verkaufte er zugunsten eines armen Bauern und ging selbst in einem zerlumpten Pelze. Als die Epidemie zu Ende war, versammelte sieh das ganze Dorf in corpore und überreichte dem jüdischen Arzte das Bild des heiligen Nikolaus. Seit damals habe ich alle diese nationalen Unterschiede aufgegeben. Ich hatte früher speziell die Juden nicht geliebt, jetzt aber ist für mich Jude Pole, Russe gleich". Petersburg. Wie die „Birschewyja Wjedomosti" melden, wurde die Ausweisung der Juden aus den Ortschaften, wo ihnen der Aufenthalt nicht gestattet ist, bis auf weiteres eingestellt. Gfc Der Zionist in Nöten. Von Leo Rafaels. Ich bin Arzt in einer mittelgrossen österreichischen Stadt und erfreue mich eines gewissen Ansehens bei der christlichen Bevölkeiung; zähle mithin zu der jüdischen Elite. Unsere nicht ailzualte Gemeinde hat nämlich einen regelrechten Adel entwickelt, der eifersüchtiger als die französischen Her2oge zur Zeit des alten Regime den auserlesenen Kreis von unberufenen Eindringlingen bewacht. Wir sind Fabrikanten, Advokaten, Aerzte; man wird bemerken, dass die Kaufmannschaft nicht vertreten ist, dassder Rabbiner durch seine Abwesenheit glänzt. „Wir sind nämlich sehr aufgeklärt, sehr liberal, und es ist nicht unsere Schuld, wenn wir eine ausschliesslich jüdische Gesellschaft bilden. Wir sind durchwegs — in allem Ernst gesprochen — ehrenwerte Leute, in jedem Sinne hochanständige Menschen, nicht ohne Herz für die Leiden unserer armen Brüder und Schwestern, nicht ohne ein gewisses, allerdings unbewusstes Gefühl jüdischer Zusammengehörigkeit; wir haben einen sehr tätigen, musterhaft geleiteten Frauenverein, wir haben eine jüdische Schule; wenn einem Gemeindemitgliede ein Unglück widerfährt, sind wir von aufrichtiger Teilnahme erfüllt". Nicht wahr, eine Gemeinde, in der man ohne Unbehagen seinem Berufe nachgehen, in der man ohne Gewissensbisse zur Elite gehören kann? Gewiss, es war ganz erträglich in unserer Stadt, die sich nach langen politischen Kämpfen einen beträchtlichen Grad von Duldsamkeit auf allen Gebieten erworben hat. Deshalb hat mein gar nicht akademischer, nach Betätigung drängender Zionismus noch von der Elite die nachsichtigste Beurteilung gefunden; man ist mir sogar so weit entgegengekommen, meine Chanuka- und Purimunterhaltungen — unerhörte Dinge in unserer Gemeinde! — mit Frauen und Töchtern zu besuchen. Deshalb habe ich auch das beste Verhältnis zur Elite. Die Aufgeklärten gehen ihrer Wege, wir, die paar anderen Finsterlinge und ich, gehen die unseren; finden sich zwei-, dreimal im Jahre Gelegenheiten für gemeinsame Tätigkeit zu Nutz und Frommen der Gesamtheit, umso besser für uns alle. Und diesen schönen Frieden habe ich urplötzlich gestört! Die Elite ist in grosser Aufregung, die Outsiders reiben sich vergnügt die Hände, und ich — ich wende mich an „Die Welt" um Rat in meiner Not. Was geschehen ist? Nun denn, ein älterer Kollege, mit dem ich trotz grundsätzlicher Meinungsverschiedenheit bis jetzt im besten Einvernehmen gelebt hatte, lud mich wieder einmal zu einem gemütlichen Abend ein, und ich nahm mit Vergnügen an. Ein sehr kluger, witziger Mann, eine liebenswürdige, brave, gastfreundliche Frau. Am Donnerstag sollte ich zum Abendessen kommen; am Mittwoch hörte ich, dass der Kollege seinen ältesten Sohn der katholischen Kirche zugeführt habe. Ich setzte mich, blind vor Zorn und Scham, zerwühlt von unbestimmbarem Schmerze, an den Schreibtisch und schrieb den Eltern des Ueberläufers, dass ich nach dem Vorgefallenen nicht länger in ihrem Hause verkehren könne. Am anderen Tage fiel die Elite schnaubend über mich her. „Was geht Sie das an, was der junge Schlesinger für Glauben hat?" „Wie können Sie einen Kollegen gesellschaftlich so schwer beleidigen, weil er andere Gefühle hat als Sie?* „Mit welchem Rechte wollen Sie einen Andersgläubigen boykottieren?" „Wer hätte von einem modernen Arzte, einem naturwissenschaftlich geschulten Manne solchen Fanatismus erwartet?" „Wie können Sie als Jude, der von den Christen Duldung verlangt, solche Unduldsamkeit üb«n?*