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Die Welt · 1904-04-22 · 17 (22.4.1904) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
17 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17 „bis & weit" Seite 7 reiche Juden 2% ihres Einkommens für einen Fonds spenden sollten, der den fünf Millionen russischer Juden die Uebersiedlung nach Amerika ermöglichen würde, was somit die Möglichkeit der Verbesserung der jüdischen Lage in Russland beinahe ausschliesst, steht Mr. Harris auf einem anderen Standpunkt. Er sagt: „Ich bin der entgegengesetzten Ansicht und stimme mit Mr. F1 ü g e 1 überein, dass, während man keine Mühe zu sparen habe, um möglichst viel Juden aus dem östlichen Europa nach anderen Landern zu transplantieren, ihre Lage in ihren Wohnorten doch nicht als hoffnungslos angesehen werden möge. Ich glaube, dass eine geeinte Juienschaft sogar Russland veranlassen könnte, der Stimme humanitärer Ratschläge Gehör zu leihen. Es wird nicht wagen, den Vorstellungen von zwei oder drei vereinigten und entschlossenen Mächten Widerstand entgegenzusetzen. In der Tat hat die resolute Handlungsweise des amerikanischen Volkes den nördlichen Koloss ein wenig zur Besinnung gebracht und zwang ihn, seine Stellung den Juden gegenüber zu revidieren. Es ist kaum ein Zweifel, dass nur die Stellung, die von der Regierung des Präsidenten Roosevelt eingenommen wurde, und die mächtige Unterstützung der amerikanischen Presse den Ausbruch einer neuen Hetze gegen die Kischenewer Juden während des Weihnachtsfestes vereitelt hat . . . Man muss auch an die mutigen Schritte denken, die in England seitens des Joint Board of Deputies und der Anglo Jewish Association unternommen wurden, die durch Lord Rothschild den Lord Landsdowne auf die Gefahr von Kischenew aufmerksam machtea . . . Wir sehen also, dass die amerikanischen Juden einen Druck auf ihre Regierung ausüben, und die Presse für sich interessieren, und dass die Juden in England Schritte unternehmen zur Verhütung der drohenden Massakres ihrer Glaubensgenossen. Ich behaupte, dass die Zeit gekommen ist, diese Bemühungen zu vereinigen. Sämtliche wichtigen jüdischen Organisationen aller Länder der Welt, in denen die Juden sich frei zum Judentum bekennen dürfen, müssten sich aneinanderschliessen zur gemeinsamen Arbeit für die Emanzij>ation ihrer Brüder. Das Judentum ist in der Gegen wart sch wach, weil es nicht organisiert ist. Die Juden der verschiedenen Länder stehen in keiner Fühlung miteinander. Wenn die emanzipierten Juden sich entschlossen hätten, sich zu vereinigen, wären sie imstande die Judenfrage zu lösen. Schon die Kenntnisnahme von einer derartigen Organisation würde die Regierungen abhalten, die jüdischen Rechte mit Füssen zu treten. Das, was zur Stunde notwendig ist, ist eine repräsentative Körperschaft, die im Namen von ganz Israel sprechen dürfte, und Mut und Kraft hätte, die jüdischen Klagen vor das internationale Tribunal der öffentlichen Meinung zu bringen/ Mr. Harris schlägt vor, ein Zentralkomitee zu gründen, das aus den Delegierten der Alliance Israelite, der Anglo Jewish Association, der österreichischen Allianz, des deutschen Hilfsvereins, des American Board of Delegates on Civil ana Religions Rights, der zionistischen Organisation und der Jewish Colonisation Association (Ica) bestehen solle. Das Hauptquartier dieses zu bildenden Zentralausschusses soll eine der Welthauptstädte sein, also — London, New-York oder Paris. Andere wichtige Körperschaften, wte zum Beispiel die „ B'nei Brith" könnten allmählich herangezogen werden. Auf diese Weise wären die Elemente zur Bildung einer grossen internationalen Konferenz vorhanden, die von Zeit zu Zeit in Europa oder Amerika tagen soll, um die jüdische Frage in ihrer ganzen Tragweite zu besprechen und die Massregeln zum Schutz des verfolgten Israel zu beschliessen, wie man die Sache der Juden vor die Mächte bringen solle, ob auf dem Wege der Presse oder durch öffentliche Versammlungen, durch parlamentarische Mittel oder durch Deputationen an die verschiedenen Regierungen. Was den Vorschlag von Arnold White betrifft, der dahin geht, dass eine internationale Konferenz der Mächte zur Lösung der Judenfrage einberufen werden müsse, bemerkt Mr. Harris: „Jedenfalls könnte eine internationale Konferenz der Mächte nur durch eine internationale Konferenz der Juden hervorgerufen werden. Die Juden selbst müssen zeigen, dass die Judenfrage eine Weltfrage ist und nicht durch irgendeine einzelne Nation gelöst werden kann. Wir werden doch nicht die Arnold Whites die Judenfrage lösen lassen! Wenn die Mächte zur Besprechung der Frage sich versammeln sollten, so werden die Juden etwas zu sagen haben. Aber wie können sie es tun, ohne zuerst ihre Wünsche formuliert zu haben?" Schliesslich meint er, dass Amerika durch den Board of Delegates on Civil and Religions Rights die führende Rolle übernehmen müsse, und zwar aus drei Gründen: 1. Amerika ist in den Fragen der jüdischen Vei folgung das am meisten interessierte Land. Es hat das grösste jüdische Ghetto der Welt und dieses Ghetto ist aus den Opfern dieser Unterdrückung zusammengesetzt. 2. Die führenden Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinden in Amerika scheinen für die Notwendigkeit der internationalen Korporation unter den Juden mehr Verständnis zu haben, als die Führer der übrigen Judengemeinden. 3. Einer der Hauptzwecke des Board of Delegales ist, „sich mit verwandten Organisationen in den übrigen Weltteilen behufs der Befreiung der Juden von politischer Unterdrückung in Verbindung zu setzen.0 Aus Russland. Petersburg. Die von der „Nowoje Wrem ja", dem „Swjetu und anderen russischen Organen des Zarenreiches aus Anlass des Krieges in Ostasien erneuerte Hetze gegen di«-* Juien hat bereits traurige Früchte getragen. Wie der „Wilenskij Wjestnik" meldet, wurden die Grerzbfhörden angewiesen, die bis in einer Entfernung von 50 Werst von drr Grer.ze lebenden Juden tofort auszuweisen. Wohl hat das Ministerium des Innern vor ungefähr sechs Wochen die Ausweisung aus den Grenzdistrikten eingesteht, jetzt aber die Sistierung zurückgenommen. Die von der Ausweisung bedrohten Juden haben sich an die kompetente Behörde um Aufschub des A usweisun^stermines gewendet. Bis jetzt ist noch Keine definitive Entscheidung eingetroffen. Die judenfrindlichen Blätter fahren inzwischen fort, den Krieg in Ostasien auf jüdische Einflüsse zurückzuführen. Der „Swjet" erklärt in einer seiner jüngsten Nummern wörtlich : „Das Judenium hat natürl ch nicht direkt für den Krieg g-arbeitet, in dem es ein Mittel zur Schwächung Russlands erblickt. Aber es ging allmählich vor und bearbeitete nicht einzelne Personen, sondern die öffentliche Meinung Japans. Warum? Weil das orthodoxe Russland das einzige wahre Bollwerk des Glaubens und der Kirche Christi ist. wo die Juden niemals Rechte, wie in anderen Staaten erlangen werden." Auch von dem in Moskau erscheinende Blatt „Kreml", dessen Redakteur der russische Historiker Ilowaiskij ist, werden furchtbare Anklagen gegen die Juden erhoben, welche sogar die am allerwenigsten philosemitisohe?5St. Petersnurger Zeitung" veranlassen, zu erklären, dass es den anständigen russischen Blättern schwer gemacht werde, ihre ernste und patriotische Aufgabe zu erfüllen. Kiew. Das streng national-russische und regierungsfreundliche Blatt „Kiewljanin" tritt in einem längeren Artikel gegen die von Petersburg und Moskau ausgegangene Hetze gegen die Juden auf. was umso bemerkenswerter erscheint, als dieses Blatt niemals zu den judenfreundlichen Organen zählte. Das Blatt erklärte unter anderem, dass es eine Schande sei, die unterdrückte, ganz einflusslose jüdische Bevölkerung in Russland immer zu denunzieren und als ein Unglück für Russland hinzustellen; dass es mehr als ein Verbrechen sei, die Juden als die Schuldigen an dem Kriege hinzustellen, dass die Antisemiten Rnssland erniedrigen, wenn sie immer und immer die unglücklichen Juden als eine Gefahr für das mächtige Russland bezeichnen und imm^r neue Massnahmen gegen dieselben verlangen; dass es zu den grössten Fehlern der russischen Politik gehöre, die anerkannt guten Eigenschaften der Juden für Russland nicht auszubeuten und die Juden immer von sich wegstossen zu wollen; dass die durch die Massakres von Kischenew hervorgerufene antirussische Stimmung in Amerika und in England nicht den Juden zuzuschreiben sei, sondern der Tatsache, dass die Ereignisse von Kischenew tatsächlich eine Abscheu erregende und wilde Erscheinung gewesen seier. Der Artikel weist am Schlüsse die Beschuldigung der Juden, an der Aufstachelung Japans gegen Russland teilgenommen zu haben, energisch zurück und warnt das russische Volk vor den Antisemiten, welche „Russland und das Volk zum Narren halten." Nikolajew. Wie der „Juschny Krpj" meldet, hat der Stadthauptmann von Nikolajew den Juden unterlagt, telegraphische Nachrichten und andere Extraausgaben der Blätter über die Vor^äiß^Q in Ostasien feilbieten zu dürfen. Als Kolporteure dürfen nur Christen fungieren.

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