Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 „bie £ w^it Seite 15 densie amLebenerh. alten zu uns spricht, und wir begreifen vollständig, dass ihm in einem Lande, wie Egypten es war, keine andere Wahl blieb, als seine Ehe zu verleugnen. Nicht um sein Loben bangte dem Patriarchen, sondern um die Zukunft Saras nach seiner unzweifelhafte]] Ermordung; denn ihr drohete mehr als die Gefahr, den Gatten zu verlieren. Als Geschwister waren sie weit eher geborgen, denn als Gatten; denn dass Ahraham auf Saras Frauenwürde sich verlassen konnte, dass weder ihre, noch seine Ehre auf dem Spiele stand, das haben ja die Tatsachen gezeigt; er glaubte, während seines kurzen Aufenthaltes in Egypten der Freier seiner Schwester sich erwehren zu können; dass die schöne Schwester auch ohne Einwilligung des Bruders in den königliehen Harem gebracht werden könnte, daran hatte er allerdings nicht gedacht. Und als das Unerwartete eingtreten war, beunruhigte sieh Abraham durchaus nicht, denn er war dessen sicher, dass Sara auch einen Pharao in die Sehranken zurückzuweisen die Kraft besitzt, Oder war es etwa nicht so? Woher hat denn der Egypter- König es erfahren, dass Sara eine verheiratete Frau sei, wenn nicht aus ihrem eigenen Munde? Und merkwürdigerweise, derselbe Pharao, der dem Patriarehen "Vorwürfe macht, dass er die Frau für seine Schwester ausgegeben, derselbe Pharao hält es für nötig, dem Patriarchen eine Schutztruppe mitzugeben, damit sie ihm ein sicheres Geleite über die Grenze gewähre. Damit hat der Egyptcr- König selber Zeugnis dafür abgelegt, dass die Angst des Patriarchen eine tief begründete gewesen, dass gerade die peinigende Sorge, die Ehre seiner Frau könnte, wenn er aus dem Wege geräumt sein wird, in den Staub getreten werden, ihn. zu einer Handlungsweise nötigte, bei welcher der Schein, aber auch nur der Schein, nicht zu seinen Gunsten spricht, Dieser Schein kümmerte ihn keinen Augenblick, denn er wusste es stets, dass die Frauenehre seiner Gattin am Ende umso heller, umso glänzender erstrahlen werde. Ein zweites Wort des Patriarchen, welches uns einen ebenso tiefen Einblick in seine Gedankenwelt gestattet, ist gleichfalls eine Bitte, aber eine Bitte an Gott. Fast vierzehn Jahre sind dahingegangen, seitdem Abraham in Egypten gewesen; er hat während dieser Zeit im eigenen Hause so manchen Kampf ausfechten müssen. Hagar hat ihm einen Sohn geschenkt; aber Ismael scheint mit jedem Tage, mehr der Mutter ähnlieh zu werden. Das erfüllt den an seinem Kinde hangenden Vater mit trüben Gedanken, die selbst die trostreichste Verllei ssung nicht zu verscheuchen vermag. Sara, so lautet die Botschaft, werde ihm einen Sohn schenken, der berufen sein wird, den Gottesbund zu erhalten. Und was erwidert Abraham auf diese Botschaft? „0, dass doch Ismael vor dir leben würde!"21) Dieser kurze Satz sagt uns viel mehr, als es die ausführlichsten psychologischen Schilderungen vermöchten. Einen glück-" verheissenden Sohn zu haben, ist gewiss beseligend, aber kein Trost dafür, dass man neben diesem einen noch einen zweiten Sohn hat, der auf dem besten Wege ist, sieh den Namen eines wilden Menschen zu erwerben. Den denkbar grössten Gegensatz zu Ismael bildet Isaak insofern, als er schon im Knaben-Alt er vor Gott lebte. Das erzählt uns seine beabsichtigte Opferung, die bei Licht betrachtet, nichts Anderes sein will, als eine Probe Abrahams darauf, ob er seinen Sohn Isaak tatsächlich in Gottesfurcht erzogen. Dass Abraham den mit allen früheren Yerheissungen im grellsten Widerspruche stehenden Befehl Gottes ausführen will, dass er Isaak zu opfern bereit ist, kann weiter nicht überraschen, denn das eigentliche Wesen des Glaubens besteht ja darin, zu tun was Gott will; dass aber Isaak diesen Befehl auf Treu und Glauben als einen göttlichen willig hinnimmt, ist das glänzendste Zeugnis für die tiefe Gottesfurcht, in welcher der Patriarch seinen Sohn erzogen. Und 21) Ebendaselbst 17, 18. dieser Isaak war, als er geopfert werden sollte, durchaus kein Kind mehr; einem Kinde kann man ja nicht das für den Altar nötige Holz aufbiirden, ein Kind kann doch während eines langen Weges mit dem Vater nicht Schritt hallen. „Und Abraham nahm das Holz zum Ganzopfer und lud es seinem Sohne Isaak auf, er selbst nahm das Feuer und das Messer in seine Hand, so gingen sie Beide miteinander- Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham, er sprach, mein Vater, und dieser antwortete, ich hin bereit mein Sohn, und er sprach, liier ist das Feuer und das Holz, wo ist aber das Lamm zum Ganzopfer. Da antwortete Abraham, das Lamm zum Ganzopfer wird Gott sich ersehen mein Sohn, so gingen Beide miteinander."22) Isaak' richtet nicht ohne Weiteres die Frage an den Vater, er erbittet sich, und das auch nur zögernd, die Erlaubnis, eine Frage an ihn zu stelle]]. So redet nicht die bange Furcht, sondern die liebevolle Ehrfurcht. Isaak ahnt es bereits, dass er zum Opfer ausersehen sei, aber er will Gewissheit darüber erlangen, darum unterbricht er das lange1 gedankenvolle Schweigen mit einer Frage, die uns in seine Seele einen, ebenso tiefen Einblick gewährt, wie wir ihn. in die Seele Abrahams dureh dessen Antwort gewinnen. Es ist gewiss das kürzt »sie und zugleich gedankenschwerste Zwiegespräch, das jemals zwischen Vater und Sohn geführt wurde. Ihn "Vater, der auf Gottes Befehl den Sohn opfern, will, und ein Sohn, der es dem Vater aufs Wort: glaubt, dass Gott selber sieh das Opfer ersieht, die gehen einen und denselben Weg, die gehen tatsächlich miteinander, die lesen einer in der Seele des Andern, die freuen sieh, trotz aller Seeleupein, einer über die Seelengrösse des Andern. Auch von dem dritten Patriarchen hat die heilige Schrift ein "Wort uns aufbewahrt, das seine Gedankenwelt beleuchtet. Es ist nach jener Nacht, in welcher er den schönsten Traum gehabt, einen Traum, wie nur eine Gott erfüllte Seele ihn zu träumen vermag. Als müder Wanderer hatte er sich auf die harte Erde zur Nachtruhe hingelegt, nachdem er einen der umherliegenden Steine zu seinem Kopfkissen genommen. End er sehlief sanft und süss, denn er träumte von Imgein, die auf einer Himmelsleiter empörend hernicderstiegeii; er sah Gott im Traume und. er vernahm die beseligendsten Verhoissungen nicht bloss für die entfernteste, sondern auch für die allernächste Zukunft. Mit welchem Wonnegefühl, so sollte man. nieinen, musste Jakob in der Frühe erwachen. Und was berichtet uns die heilige Schrift hierüber? „Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sprach, wahrlieh, Gott ist gegenwärtig an diesem Orte und ich habe es nicht gewusst, und er fürchtete sieh und sprach, wie furchtbar ist dieser Ort, nichts Anderes ist das als ein Gotteshaus und hier ist das Himmelstor."2:1) Zwischen dem Traum und diesen. Worteji türmen sieh Gedanken übereinander, und diesen schweren Gedanken müssen wie nachgehen, wenn uns zwischen dem Jauchzen der Seele und der llerzensbangigkeit keine tiefe Kluft entgegengähnen soll. Ist man denn noch solcher Verheissungen würdig, wenn man an einem solch, heiligen Orte geschlafen? In diesem selbstquälerischen Vorwurf gipfeln die Betrachtungen des Patriarchen, mag er sie von welcher Seite immer anstellen: und die Stimme der Vorwürfe übertönt die der Verheissungen so lange, bis der Patriarch durch ein feierliches Gelübde sie zum Schweigen bringt, Schon diese eine Tatsache allein, dass Jakob die göttlichen Verheissungen als bloss bedingte ansieht, dass er grübelnd und sinnend bei ihnen verweilt, ist ein ausreichender Beweis dafür, dass die biblischen Erzählungen nicht etwa aufmerksame Zuhörer, sondern denkende Leser voraussetzen, Leser, welche durch die Kunstform dieser Erzählungen zu tiefem ."Nachdenken sich angeregt fühlen. 22) Ebendaselbst 22, 6—S. 23) Ebendaselbst 28, 16—17