Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „bis * W^lt" Nr. 16 zu Grabe getragen wird? Werden die Menschen über einem Hügel einen Stein errichten und die Inschrift einmeisseln : „Hier ruht der letzte Jude"? Und der Träumer sah eine sonderbare Landschaft vor sich: ein grauenhafter Herbst liegt auf der Erde, aus einem fahlen Himmel blickt eine verblasste Sonne hervor, die Regungslosigkeit des Todes hält alle Dinge in starrem Bann. Kein Windhauch rührt an die verrunzelten Blätter, die schon seit Jahr und Tag so an den ausgedorrten Zweigen haften. Nirgend der Flügelschlag eines Vogels, nirgend Murmeln der Bäche, noch Rauchwölkchen, noch das Rascheln eines Wurmes durch die erstorbenen Halme, Die äonen-alte greisen schwache Erde liegt in den letzten Zügen. Alle, die aus Adams Geschlecht waren, ruhen unter kalten Schollen. So eilt die Erde wie ein ungeheurer Friedhof durch den Weltenraum. Nur dort auf auf einem Hügel kauert der einzig Ueberlebende, der letzte Mensch. Ein unermesslicher Schmerz ist in des alten Mannes Antlitz. Denn noch niemand hat je auf Erden soviel betrauert, wie dieser Letzte. Er erhebt sich, auf einen Stab gestützt, und sein Blick schweift rings über die Einöden, und das grosse Schweigen kündet ihm die Trauerbotschaft: Die Erde ist gestorben! Da spricht der Alte die drei hebräischen Worte, die die Juden sprechen, wenn ihnen eine Totennachricht gemeldet wird. Er reisst in sein Gewand die Keriah, die Wunde der Selbstzei fleischung, wie es Brauch ist bei den jüdischen Hinterbliebenen, er zieht die Schuhe von den Füssen und setzt sich auf den Boden, um im Staube das Hinscheiden dessen zu beklagen, das am heissbrünstigsten hinieden geliebt wurde, das Hinscheiden des Lebens. Ein Buch nimmt der Totengräber der Erde auf seine Knie und schlägt es auf. Eine Bibel. Und als letzter Laut einer Menschenstimme hallt in die Stille die Jeremiade hinaus: Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volkes war! Sie ist wie eine Witwe . . . Erwin Hosenbeiner. Die Erzählungskunst der Bibel. Von Rvk or Dr. Adolf Schwarz. (.S'hiuss.) Der Zusainliu'iihang zwischen Sprache und Vernunft ist längst als ein inniger erkannt worden: denken und s]»reehen gehtui mit einander Hand in Hand, und wenn Adam der allererste Kedner auf Erden gewesen, so ist es da rauf zurückzuführen, dass er beim Anblick seiner Frau nieiit allein von tiefen Gefühlen, sondern auch von erhabenen Gedanken erfüllt und beseelt wurde. Die Bibel hat es wohl unterlassen, die siegreiche flacht den* schon durch ihre Erscheinung bezaubernden Eva zu schildern, dafür hat sie aiier der in geistiger Beziehung so vielfach sich zurückgesetzt fühlenden Frau eine Huldigung dargebracht, wie sie geisi voller gar nicht gedacht werden kann. Eva hat dein Aiium die Zunge gelöst: darin liegt eine weit grössere Anerkennung, als in der grössten stummen, spraehlosenBewunderung. Adam, der früher höchstens einzelne Wörter über die Lippen gelien liess. insofern er den verschiedenen Tieren Namen gegeben, spricht jetzt mit einenimale nicht allein in ganzen Sülzen, sondern gleichsam in gebundener Kode: ..Diese endlich ist Bein von meinem "Bein und Fleisch von meinem Fleisch : diese1 nmss Männin hoissen, denn von ihrem Planne ward diese genommen." ls) Erst angesichts der ihm. gegenüberstehenden Frau ward Adam zum Hanne, findet er sich seihst, gelangt er zur wahren Selbsterkenntnis. Er ge- 18) 1. B. M. 2, 23. hört zu ihr, und sie gehört zu ihm, weil er in ihr, weil sie in ihm die vollkommene Ergänzung findet. Die Frau wird vom Manne genommen, das ist keine Zurücksetzung, das ist vielmehr die höchste Ehrung für das Weib. Die Frau wird vom Manne genommen, das ist villeicht der allertiefste Gedanke, der jemals über die Ehe ausgesprochen wurde und diesen Gedanken verdanken wir dem Vater des ganzen Menschengeschlechtes, dem Manne, von welchem die Frau genommen wurde. Von ganz anderer Beschaffenheit als die Adams, ist die Beredsamkeit Evas; ihr Eedefluss ist ein ungehemmter, und ihrer Ueberreclungskunst ist ja Adam auch erlegen. Die Frau ist von Natur aus. ich sage, schon aus Höflichkeit, nicht redseliger, wohl aber redegewandter als der Mann, imd darüber darf man sich ebensowenig wundern, wie über die allgemein bekannte Tatsache, dass Mädchen weit früher und viel leichter sprechen lernen, als Knaben. Das ist nichts Anderes, als Vererbung. Denn Adam hat gesehwiegen, bis er eine Frau bekommen, während Eva gleich im ersten Augenblick Zwiesprach zu pflegen Gelegenheit hatte. Und wie hätte sie in ihrer Wissbegierde nicht tausend Fragen an den Gatten stellen sollen! Ja, Eva nmss sehr viel gefragt haben, denn nur so allein wird es verständlich, dass die Schlange von ihr das Fragen, gelernt hatte und den ersten Augenblick, da Adam abwesend war, benützte, um mit einer Frage an die Frau heranzuschleichen. Doch in ernsten Stunden verstand es unsere Stamm-Mutter, mit wenigen Worten sehr viel zu sagen. Was eine junge Mutter, wenn sie ihren Erstgeborenen in die Arme gelegt erhält, fühlt und denkt, das kann kein Mann wissen, aber die erste Mutter hat uns mit vier hebräischen Worten verraten, was ihr die Seele füllte. Diese vier hebräischen Worte heissen zu deutsch: „Ich habe einen Mann erworben mit dein Ewigen." 19) Man hat an diesen Worten seit Jahrhunderten, und zwar in ehrist liehen Kreisen weit mehr als in jüdischen, herumgedeutelt, bis die tiefe Weisheit unserer Tage ciarauf gekommen, Eva habe eigentlich gesagt, „einen Sohn habe ich erlangt, den ich mir wünschte". Nun, Eva das hebräisch sagen va\ lassen, ist eine Versündigung gegen den Geist der heiligen Sprache und noch mehr gegen das Mutterherz. „Ich habe erlangt, was ich mir gewünscht"; das soll Alles sein, was eine Mutter gewordene Frau zu sagen hätte! Nein, eine Mutter schaut in dem wonnereichsten Augenblicke ihres ganzen Lebens nicht bloss in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft, und das hat Eva getan, indem sie in Kajin bereits den Mann sah, den sie nicht erlangt, sondern tatsächlich erworben durch die Hilfe Gottes, ja erkauft mit der Gefährdung des eigenen Lebens. Man. muss demnach nicht bloss hebräisch verstehen, nicht bloss auf die Frauennatnr sieh vorstehen, sondern vor allem sinnend und denkend die Bibel lesen, um es zu begreifen, welchen tiefen Einblick Kva uns mit vier Worten in ihre Seele gewährt. Fs ist gewiss ein blosser Zufall, dass wir die Stimme unseres ersten Patriarchen erst an der Grenze Egyptens, und zwar in dem Augenblick vernehmen, da er sich an seine Frau \\\\\ einer Bitte wendet: „Sieh, ich weiss doch, dass Du eine schöne Frau bist; wenn. Dieb nun die Egypter sehen und sagen werden, seine Frau ist sie, so werden sie mich innbi'i )igen und. 1) i c h a m L e b e n e r Ii a 11 e n. Sage doch, darum. Du seiest meine Schwester, damit es mir um deinetwillen wohlergehe und ich durch Dich am Leben bleibe."20) Es ist zur (Genüge bekannt, welch bittere und schwere Vorwürfe gegen den Patriarchen erhoben, welch niedrige Beweggründe ihm unterschoben werden, aber wir brauchen uns nur klar zu machen, welche schreckliche Gedanken auf Abraham einstürmten, wir brauchen nur darauf zu achten, welche peinigende Sorge aus der an seine Frau gerichteten Bitte und ganz besonders aus den Worten und D i e h w e r- J9) Ebendaselbst 4, 16. 20) Ebendaselbst 12, 11—12.