Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-04-15 · 16 (15.4.1904) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316090--45643-3340460
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 16 „bis # W^lt Seite 13 tikel von Prof» War bürg „Die jüdische Kolonisation Palästinas" und von Dr. Biram „Die Drusen", Muster sachlicher Arbeiten. Dann folgen : „Haifa, Handelsbericht für das Jahr 1902", „Koloniale Gesellschaften". „Palästita- Handelsgesellschaft", „Jüdische Kolonien41 und eine Buchbesprechung S o ski n s über Rudolf Fi be n er s „Kleinasien und Syrien". Um den Gesinnungsgenossen ein Beispiel von der auch in diese m Hefte geleisteten Arbeit zu geben, werden wir ihnen einiges im Nachdrucke bieten. Wir hoffen, dass unsere Leser die Monatsschrift nicht nur lesen, sondern auch abonnieren werden. Die zionistischen Vereine und Organisationen werden dies tun müssen, wenn sie zuverlässig über Palästina g.ÜLdlich informiert bleiben wollen. M. A. Ro th: Der Zionismus vom Standpunkte der jüdischen Orthodoxie. Herausgegeben vom Vereine „Ahawat Zion" in N. Topolcsäny, 1904. Preis 50 Heller. Die ungarischen Juden, besonders die orthodoxen sind am spätesten zu uns gekommen. Nicht etwa weil sie die Judennot noch nicht am eigenen Leibe verspürt hatten, zögerten unsere frommen Brüder in Ungarn sich unserer Bewegung anzuschliessen. Es gab einen tieferen, inneren Grund, weshalb sie sich vom Zionismus ferngehalten. Diese neue, die ailerjüngste Bewegung im Judentum, schien ihnen eben zu neu und sie hatten kein besonders Vertrauen zum „Neuen", nachdem sie nur zu gut abzuschätzen gelernt hatten, was die hastige Neuerungssucht der letzten assimilatorischen Jahrzehnte mit sieh gebracht hat Denn bekanntlich haben Assimilation und Reform in Ungarn empfindliche Spuren gelassen; fast nirgends besteht eine so tiefe Kluft zwischen Orthodoxen und Neologen wie in Ungarn, wo jedes Bruderband zwischen diesen beiden Lagern fast für immer zerrissen schien. Kein Wunder auch, wenn die Frommen einer Bewegung nicht recht trauen zu dürfen vermeinten, in deren Kämpferreihen sie die aufgeklärtesten Männer von Weltruf sahen. Der Autor der vorliegenden Schrift ist nun vor allem darauf bedacht, nachzuweisen, dass der Zionismus, in seinen Grundprinzipien wenigstens gar nicht neu ist, dass er vielmehr auf uralten Voraussetzungen beruht, die niemals aus Israel geschwunden und „deren Leugnung einer Verleugnung des Judentums" überhaupt gleichkommt. Dieser Nachweis fällt natürlich nicht schwer; es haben ihn ja berufene Männer im Osten, die hervorragendsten talmudisch-rabbinischen Autoiitäten Busslands und Polens längst in glänzender Weiss erbracht. Da aber diese letzteren hebräisch geschrieben, blieb es dem Autor vorbehalten, der deutschlesenden Orthodoxie des Westens diese alten jüdischen Grundsätze, auf denen derZior^mus basiert, in Erinnerung zu bringen: „dass die Juden auch nach dem Verluste ihrer staatlichen Selbständigkeit nicht aufgehört haben, ein Volk zu sein; dass mit der „Zerstörung Jerusalems" die Rolle des jüdischen Volkes noch nicht zu Ende sei; dass das jüdische Volk trotz seiner Zerstreuung unter allen Völkern der Erde eine Einheit, eine ethnographische Besonderheit bildet etc." Den deutschlesenden Orthodoxen muss das nämlich mit allem Nachdruck eingeschärft werden, da so mancher „fromme Israelit" unablässig bemüht ist, alle möglichen Gefahren zu erfinden und zu erdichten, die der Zionismus dem gesetzestreuen Judentum bringen könnte. Der Verfasser kennt nur eine Gefahr für das Judentum: Die Entnationalisierung und das Schwind en des Selbstbewus stseins. Die einseitige Entwicklung des Konfessionalismus, wie sie in „Mainz" propagiert wird, hält er für mindestens ebenso gefährlich und unheilvoll als die einseitige Entwicklung des Nationalismus. Entnationalisierter Konfessionalismus führt aus dem Judentume hinaus, zur Taufe! „Wenn wir uns keiner Selbsttäuschung hingeben wollen — meint der Verfasser — müssen wir uns eingestehen, dass es auch für uns Orthodoxen, im engeren Sinne, wenn auch nicht so unbedingt notwendig wie bei den Nichtorthodoxen, aber jedenfalls sehr zuträglich und für die Erhaltung und Entwicklung unseres Judentums sehr förderlich erscheint, wenn das jüdisch-nationale Bewusstsein mit erneuerter Kraft in uns wachgerufen wird." Das lebhafte Nationalbewusstsein ist, nach dem Verfasser, nicht nur ein intergrierender Bestandteil des gesetzestreuen Judentums, sondern das Fundament, auf welchem sich dasselbe aufbaut und ohne welches es gar nicht gedacht werden kann. Der Raum gestattet uns nicht, noch mehreres aus der vortrefflichen Broschüre zu zitieren. Wir können nur hier dem Wunsche Ausdruck geben, dass sie die gehörige Verbreitung finde in den Kreisen, für die sie geschrieben wurde. M. B. Der letzte Mensch. „Ich will Ihnen einen Traum als Anhang zum Thema „Dauerhaftigkeit des jüdischen Volkes" erzählen." „0 je, einen Traum!" „Sie scheinen eine kleine Antipathie gegen Träume zu haben." „Stimmt, stimmt, lieher Freund! Erstens werden Sie zugeben müssen, dass sich die Kunstform des Traumes in der erzählenden Literatur schon einer recht abgenützten Aussenseite erfreut, und dann wird überhaupt von Euch Juden der Traum ein bisschen zu ausgiebig gehandhabt." „Das Verhältnis der Juden zum Traume wollen wir heute nicht aufmerksam besehen, wir würden zu weit von unserem Gegenstande abgelenkt werden. Und dass ansonsten der Traum schon da und dort als Gussform verwendet worden ist, ist mir unendlich gleichgiltig. Wenn mich, derweilen ich über Berg und Tal schweife, die Lust anwandelt, in irgend einen Waldpfad einzubiegen, so werde ich doch nicht erst ängstlich nachforschen, ob schon vor mir jemand den Weg benützt hat, um dann flugs Kehrt zu machen, wenn ich auf dem Boden Fussspuren finde. Das wäre in bedeutendem Masse läppisch! Ich bin ja nicht dafür verantwortlich, dass ich um soundsoviel Jahre oder Jahrzehnte nach Entstehung jenes Waldes auf die Welt gekommen bin. Wäre ich um etliche Jährchen früher auf diesen Planeten gesetzt worden, nun, dann wäre eben ich als erster in die Baumgasse hineingegangen. Diese Rechtfertigung wird Ihnen hoffentlich einleuchten. Aber zurück zu unserem Traume : Der Träumer weilte mit seinen Gedanken bei der Unverwüstlichkeit des jüdischen Volkes. Er bedachte: Wir Juden sind nicht nur damals durchs Rote Meer gezogen. Unsere ganze Geschichte ist ein Zug durchs rote Meer, durch ein Meer von Blut. Aus den Wunden, die man uns schlug, konnten rechts und links rote Flutenwälle hervorgehen — wer misst ihre Höhe! — wir aber kamen dennoch unzerstört hindurch. Ich kann die Orte, die längs der rotgesäumten Furt liegen, gar nicht überblicken. Da sehe ich Speyer, Trier, Prag, Mainz, Regensburg, Barzelona, Kordova, Blois, Norwich und die anderen ungezählten Stätten der Judenverfolgung. Allerorten öffneten sich Quellen, daraus den purpurnen Wällen Zufluss kam. Aber wir leben heute noch! Und manchen Pharao verschlang indes das Meer. So sann der Träumer, der sein Volk liebte. Liebe vergrössert die Vorzüge der Geliebten, denn sie ist wie ein Nebel vor den Augen und in der Nebelluft erscheinen Einem die Gegenstände höher ragend und mit weit ausladenden Umrissen. Dem Träumer wuchs also die Widerstandsfähigkeit der Juden ins Unbegrenzte und Märchenhafte. Auch war er wie alle, die von Grund auf Juden sind : der Gedanke an eine restlose Vernichtung, an eine gähnende schwarze Leere, in die sie für immer versinken könnten, ist ihnen ein peinvolles Unbehagen. Darum lebt in ihnen, wie eine Urregung, jederzeit eine Erwartung: es wird etwas kommen, etwas Erhaltendes, Konservierendes, das hinüberträgt in himmelblaue Fernen, wo es keine Abgründe des Unterganges und der Vergessenheit gibt. Der Träumer blickte noch einmal zurück auf den entsetzlichen Leidensweg, den die Juden, ohne zusammenzubrechen und zu verenden, durch die Jahrhunderte zurückgelegt haben, und er blickte nach vorwärts und horchte der Frage: werdet ihr vielleicht doch einmal von den Verfolgungen, die noch immer rings auf Euch eindringen, zerrieben werden, so dass ein Tag erscheint, da der letzte des jüdischen Stammes

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.