Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 „bis j> W$lt" Nr. 16 Ueber Judentaufen. Die evangelische "Generalsynode für Deutschland hat einen Antrag angenommen, wonach in Zukunft jeder Geistliche gehalten ist, an das Provinzialkonsistonum über jede ProseJytentaufe zu berichten nebst Angabe, in welcher Weise die Vorbereitung zur Taufe erfolgt ist. Der Minister des Innern hat ebenda entschieden, dass die Taufe kein Recht auf Namensänderung gibt. Sehr gesunde Entscheidungen, denen sich nur Massregeln gegen die kolossale Judenmission anschliessen sollten, deren letztem Jahresbericht wir folgenden Salz entnehmen : „In Europa führen die Mischehen die Nachkommenschaft fast stets dem Christentum zu. Der Antisemitismus auf christlicher und der Zionismus auf jüdischer Seite sind dem Bestehen der Mission hinderlich.14 Eine Zwangstaufe. Am 9. Juli v. J. erschien der Ortsbewohner Itzig Drasinower aus Czernowitz bei dem Bauer Paoli Osvadiuk, um mit diesem eine Feldarbeit zu vereinbaren. Kaum war Drasinower eingetreten, schloss der alte Osvadiuk die Türe und forderte den Gast auf, sofort die Taufe zu nehmen. Drasinower, der orthodoxer Jude ist, wies das Ansinnen mit einem entrüsteten Nein zurück. Da packten die Frau und der Sohn des Osvadiuk den Mann, hielten ihn bei den Händen fest, während Osvadiuk sein Rasiermesser holte und sofort dem Juden die Schläfen locken abschnitt und ihm dann seinen wallenden Vollbart abrasierte. Nicht genug daran, wurde dann ein hölzernes Kruzifix geholt und Drasinower musste es, da Osvadiuk ihm den Hals abzuschneiden drohte, dreimal küssen und feierlich erklären, er sei jetzt] ein Christ geworden. Vor kurzem hatte sich vor einem Erkenntnissenate des Czern. Landesgerichtes die Mutter und der Sohn Osvaaiuks wegen Verbrechens der öffentlichenGewalttätigkeit zu verantworten. Paoli Osvadiuk ist inzwischen gestorben. Die beiden Angeklagten schoben alle Schuld auf den Verstorbenen, erklärten jedoch, dass Drasinower sich freiwillig der Prozedur unterzogen habe. Drasinower erzählt, dass er nach dem benachbarten Lapusche gehen musste, bis ihm wieder der rituelle Bart gewachsen war. Vor der Nachbarschaft hiess es, er werde von wahnsinnigen Zahnschmerzen geplagt. Drasinower sprach einen dreimonatlichen Verdienstentgang an, da er sich während dieser Zeit von seinem Geschäfte zurückziehen musste. Der Gerichtshof erkannte beide Angeklagte schuldig und verurteilte Katarina Osvadiuk zu sieben, den 19jährigen Anton Osvadiuk zu sechs Monaten schweren Kerkers. Ein beachtenswerter Vorschlag. In der „Hazephira" wird vorgeschlagen, dass alle verheirateten jüdischen Soldaten in Russland, welche in den Krieg ziehen müssen, einen Get (Scheidebriet) beim Rabbinat hinterlegen, damit ihre Frauen, falls die Männer „vermisst" werden und ein Todesnachweis nicht zu erbringen ist, wieder heiraten können. Diese Einrichtung bestand schon im jüdischen Staat unter König David. Der Oberrabbiner von Lodz (russ. Polen) hat bereits diese Vorsorge getroffen, Judenmission. Nach einer Berechnung des Judenraissionars Lic. P. de le Roi in Schweidnitz sind im 11). Jahrhundert °224.000 Juden getauft worden. Von diesen wurden 72.000 in die evangelische, 53.000 in die römisch-katholische und 74.000 in die griechisch-katholische Kirche aufgenommen. ,Evangel. Allianzblatt.14 Die Juden in China. Ueber die eingeborenen Juden von China schwebt noch jetzt ein Dunkel. Trotz mancherlei Nachforschungen ist es noch nicht gelungen, die Sitten und das Leben der chinesischen Juden zu ergründen. Einer der erschwerendsten Umstände ist der, dass die Juden meistenteils in den inneren und schwer zugänglichen Provinzen des „Reiches der Mitte" wohnen, so z. B. in Kaifengfu u. s. w. Die europäischen Juden, die sich in Shanghai angesiedelt haben, haben einen Verein zur Erforschung der Verhältnisse der Juden in China gebildet. Mr. Lewis Moore war der erste Präsident dieses Vereines. Sie haben einige Juden aus Kaifengfu nach Shanghai gebracht, darunter Mr. Li King Son, um sie nach europäischem Muster heranzubilden und sie zugleich in die Wissenschaft des Judentums einzuführen. Leider aber sind die Mittel der Gesellschaft unzureichend, um die Arbeit in fruchtbringender und nützlicher Weise fortzusetzen. Das englische Blatt in Shanghai „Shanghai Mercury" vom 26. Februar bringt einen sehr interessanten Bericht über die Tätigkeit dieser Gesellschaft. Es wäre zu bedauern, wenn diese nützliche und wichtige Sache wegen Mangel an Mitteln im Sand verlaufen würde. Kapland und die Juden. Einer Meldung aus Kapstadt zufols^ h*t der Hauptrichter der Kapkolonie am 30. März Vitien Piäzedenzfall geschaffen, der von grosser Bedeutung und Tragweite sein kann. Er hat nämlich bei einem Falle eines jüdischen Einwanderers entschieden, dass die Krone allein das Becht hat, eigenmächtig den Einwanderern das Betreten des britischen Territoriums zu verwehren, ohne sich um die Bestimmung des Gesetzes über die Kolonialeinwanderung zu kümmern. Die Entscheidung des Richters fusste auf einer gleichlautenden Entscheidung des Richterausschusses des Geheimrates in einem Falle in Victoria. Auf diese Weise wird die Möglichkeit der Einwanderung der Fremden nach dem Kap nicht durch die fixierten und geregelten Normen der Gesetzgebung, sondern durch das jeweilige Gutachten und die Laune des Richters bedingt. Amerika und die Juden in Asien. Die Alliance Israelite in Amerika hat sich an das Staatsdepartement in Washington mit der Bitte gewendet, auf die Regierungen von Teheran and Marokko einen Druck zugunsten der Juden, die dort in den schrecklichsten Verhältnissen zu leben gezwungen werden, auszuüben. Darauf antwortete das Staatsdepartement, dass d^r amerikanische Botschafter in Teheran und der General-Konsul in Tanger von der amerikanischen Regierung beauftragt worden sind, die Vorstellungen der französischen Kollegen bei den genannten Regierungen, die Verbesserung der Lage der Juden ir> diesen Ländern betreffend, zu unterstützen. In seinem Antwortschreiben gibt der Sekretär der Alliance Israelite Mr. A. H. Simon seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Regierung der Vereinigten Staaten ihren Einfluss einlegen wird, um den Juden in allen Ländern, wo sie bedrückt sind, beizustehen. Aus Jerusalem. Am deutschen evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des heiligen Landes, welches seit einem halben Jahre in Jerusalem besteht (Leiter: Prof. Dr. Dal man), finden tägliche Vorlesungen statt. Die Frühjahrs Vorlesungen wurden am 28« Februar mit einem Vortrage Prof. Dalmans „Unterschiede zwischen Vergangenheit und Gegenwart Palästinas" eröffnet. Die Vorlesungen behandeln „Jerusalem in biblischer Zeit" und rNeuarabische Lektüre". Vortragender: Dr. Dal man. „Episoden aus der Geschichte Israels und ihr Schauplatz" von Prof. Lohr. — Es wäre sehr zu wünschen, dass auch in der jüdischen Nationalbibliothek Vorlesungen für die Juden Palästinas gehalten würden. Wenn man mit der nötigen Vorsicht vorginge, s^ würde auch der Widerstand seitens der Fanatiker und Geschäftchenmacher in Jerusalem zu. überwinden sein. Namentlich für die Jugend könnten diese Vorlesungen ev. Kurse von der grössten Bedeutung werden. Spende. Dr. Theodor H er zl hat 100 K lür zionistische Zwecke gespendet. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau Rivista Israelitica. Periodico Bimeslrale per la scienza e la vita del Giudaismo, Anno 1, Nr. 1, Gennajo-Febbrajo 1904, F i r e n z e. Es ist eine neue italienische periodische Zeitschrift (erscheint jeden zweiten Monat) deren erste Nummer uns vorliegt. Sie ist, wie im einleitenden Artikel hervorgehoben wird, bestimmt, die Lücke auszufüllen, die in der Literatur über Juden und Judentum in Italien fühlbar ist. Diese Zeitschrift soll das für Italien sein, was die „Revue des Etudes Juives" für Frankreich und die „Jewish Quarterly Review4, für England ist. „Diese Lücke auszufüllen, das ist das Programm, welches wir uns stellen, indem wir die Rivista Israelitica" gründen; unser Bestreben ist, unser Organ zum Repräsentanten der Wissenschaft des Judentums in Italien zu machen". In der Liste der Mitarbeiter sehen wir viele bekannte und geschätzte Namen, wie den des Dr. A. B e r 1 i n e r, des Dr. Margulies, Prof. Lolli u. s. w. Das erste Heft bringt u. a. einen talmudisch-kritischen Artikel über die „AsganV4 (d. h. die Reminiszenz, die Wiederholung) in der talmudischen Literatur. Verl nimmt seinen Ausgangspunkt von der bekannten Stelle in Meghilla (Jerushalmi) II 4 über die „asgara" und lässt ferner die Stellen Revue passieren, wo dieselbe vorkommt. Rabbiner Colombo schreibt über ..Echa" (Threni) und Dr. Chajes bringt einige exegetische Noten. Möge die Zeitschrift die Aufgaben, die sie sich gestellt hat, nämlich die Wissenschaft des Judentums in Italien zu verbreiten, auch erfüllen. C—k. Altneuland. M o n a t s s ah rift für die wirtschaftliche Erschliessung Palästinas. Heft IV. April 1904. Die von Dr. F. Oppen heim er, S. Soskin und O. Warburg herausgegebene Monatsschrift, deren Aprilheft uns vorliegt, bietet tatsächlich ebenso reichen, wie interessanten Lesestoff. Dem vorliegenden Hefte sind die Ar-