Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 16 „W* * W*lt" Seite 11 dasselbe wie der Zionismus, wenn sie es auch nicht sagten. An der Diskussion beteiligten sich noch die Herren Dr. Neustadt, halb für, ha]b gegen, ferner Hirschfeld als Gegner, sowie zionistischerseits Herr Pinkus, Rechtsanwalt Schwarz, Rosenbaum und der Referent. — Nationalfonds: 45 Mark. H. Sch. Wtlt-Qbrooilt. Kultusgemeinde Wien. Zufolge des von uns bereits gemeldeten Rücktrittes des bisherigen Präsidenten, Herrn kais. Rat Heinrich Klinger, wurde in öffentlicher Sitzung am 10. April die entsprechende Neuwahl vorgenommen. Mit 27 von 29 abgegebenen Stimmen wurde der bisherige Stellvertreter Herr Dr. Stern zum Präsidenten gewählt. An seiner Stelle wurde Herr Dr. G. K o h n erster, ausserdem Herr kais. Rat Mor. Hirsch zweiter Vizepräses* Herr Dr. Stern gilt als bewährter Zionistenfeind. Trotzdem wollen wir den Frieden erhoffen, weil wir ihn wünschen. Exzesse gegen die Juden in Mattersdorf fanden am Erew Pessach statt. Betrunkene Rekruten fingen mit Juden eine Rauferei an und bekamen Prügel. Hierauf holten sie Sukkurs. Die Bande trug Knüppel und Messer. Ein Jude, der Tempeldiener Samuel Oesterreicher, wurde durch einen Messerstich verletzt, viele wurden zu Boden geschlagen und misshandelt. Scheiben wurden in Trümmer geschlagen, Kinder und Frauen flüchteten, während sich die Männer zur Wehre setzten. Es war ein kolossaler Auflauf und Anlass zu den ärgsten Befürchtungen. Der Hornist der jüdischen Feuerwehr blies „Feuer", worauf, natürlich verspätet, Gendarmen erschienen, bei deren Auftauchen der antisemitische Pöbel die Flucht ergriff. Der Schluss war ein Einschreiten der Gendarmerie gegen die aufgeregten Juden und 5 ü. Geldstrafe an den Hornisten für seinen falschen Alarm! Die bei den Exzessen anwesenden Vertreter der Intelligenz äusserten unverhohlen ihre Befriedigung über die Vorgänge und auch nachträglich kam von diesen Kreisen kein Wort des Protestes. H. Sch. Jüdische Dienstboten. Das jüdische Mädchenstift, Berlin, welches in einem besonderen von der Hausmutter Frau Henriette Baer geleiteten Heim unbemittelte jüdische Mädchen für den Dienstbotenberuf heranbildet, versendet seinen 14, Jahresbericht Die Anstalt hat im abgelaufenen Jahre (> und im ganzen bereits 64 Zöglinge in den Dienst treten lassen und unter diesen 12 für zwei bis neunjährige treue Diensttätigkeit bei derselben Herrschaft mit einer Prämie ausgezeichnet. Dib Anstalt bedarf aber zur Aufrechterhaltung ihres Bestandes von 16 Zöglingen dringend grösserer Mittel, da der insgesamt 1)040 Mk., d. h. 565 Mk. auf den Kopf betragenden Ausgabe eine satzungsgemäss zur Deckung bestimmte Einnahme von nur 8441 Mk. gegenüberstand. Das Vermögen beläuft sich auf 46 887 Mk. Vorsitzende sind Waisenhausdirektor Dr. Strelitz und Frau Julie Neumann. Neugründung eines Vereines für Statistik der Juden in München in gut besuchter Versammlung, Referate der Herren Dr. Art. Cohen und Dr. Gg. Halpern, zuerst Dr. Art. Cohen, dass der Verein die Erforschung der Massenerscheinungen der Juden, zunächst in Bayern, durch wissenschaftliche Untersuchungen auf statistischer und deskriptiver Grundlage anstrebt. Doch sollen auch die Verhältnisse in den Nachbargebieten mit hereingezogen werden. Der als Gast anwesende Unterstaatssekretär Prof. v. Mayr. begrüsste die Gründung des Vereines, indem er hervorhob,! dass die Ziffern der amtlichen Statistik erst durch ein-! gehende Detailgliederung recht nutzbar gemacht werden! können und sich zu dieser Arbeit statistische Gesellschaften" besonders eignen. Rabbiner Dr. Werner betonte, wie nützlich die Untersuchungen des Vereines der organisierten jüdischen Wohltätigkeit werden könnten, da erst durch sie eine gesunde Basis für eine planvolle Tätigkeit der betreffenden Institute geschaffen werde. In die aufliegenden Listen zeichneten sich 60 Herren ein, von denen etwa die Hälfte eine aktive Mitarbeit in Aussicht stellte. Der Vorstand besteht aus den Herren: Dr. Arthur Cohen, I. Vorsitzender, Haydnstrasse 5, Rechtsanwalt Dr. Holländer, IL Vorsitzender, Dr. H a 1 p e r n, I. Schriftführer, Friedrichstrasse 1, Dr. Epstein, Arzt, II. Schriftführer, Bankier Krämer, Schatzmeister, ferner den Beisitzer Konsul B a 11 i n, Rechtsanwalt Dr. Blumenstein, Justizrat O fn e r, Arzt Dr. Sielmann, Rechtspraktikant Dr. Elias Straus, Rabbiner Dr. Werner. Die Juden und die private Wohltätigkeitspflege. Ueber dieses interessante Thema schreibt die „Frankf. Zeit." folgendes: „Statistische Untersuchungen über private Wohltätigkeitspflege mit besonderer Berücksichtigung der aktiven Teilnahme der Konfessionen an derselben" betitelt sich eine Schrift (115 S.), die, bearbeitet von Anton Bing, eben bei Joseph Baer & Co. in Frankfurt erschienen ist. Ueber den Zweck der Schritt sagt das Vorwort: Zu den zahlreichen ungerechten Anklagen, welche die deutschen Juden in den letzten Jahrzehnten über sich ergehen lassen mussten, gehört auch diejenige, dass sie zwar eine weitgehende Wohltätigkeit ausübten, dieselbe jedoch 'wesentlich nur wieder Glaubensgenossen zugute kommen Hessen. Die vorliegenden Blätter sollen im Gegensatze hierzu darlegen, einen wie warmen Anteil die Juden an dem Wohlergehen ihrer christlichen Mitbürger nehmen, in wie hohem Grade sie immer bereit sind, ihnen in Bedrängnis beizustehen, Ursachen von Not und Elend ihnen aus dem Wege zu räumen. Es soll gezeigt werden, wie wenig der Wohltätigkeitssinn der Juden an der engeren Stammesgenossenschaft oder der Glaubenszusammengehörigkeit eine Schranke findet... In 138 Wohltätigkeitsvereinen (darunter 41 in Frankfurt) 24 verschiedener Städte mit zusammen 1,051,106 Einwohnern, wovon 3-49°/0 Juden, machte die Zahl der christlichen Mitglieder 83-7°/0 aus, die der jüdischen 16°/0. Nur 33 dieser Vereine führen die Beiträge der Mitglieder im Einzelnen auf. In den Städten, wo sich diese 33 Vereine befinden, machen die Juden 3-82% der Bevölkerung aus, dagegen die Vereinsbeiträge von christlicher Seite 75-5°/0, von jüdischer 23 6°/0. In vier neueren Vereinen in Frankfurt a. M. (Juden 8*50/0 der Einwohner) bilden die christlichen Mitglieder 58 5%, die jüdischen 41-3%. Bei fünf verschiedenen neueren Sammlungen in Frankfurt a. M. kamen 14-2% rtpr Beträge (45-1% der Gaben) von christlicher Seite, 81-8% der Beträge (34-3% der Gaber) von jüdischer, der Rest von unbestimmter Seite. Aehniich ist das statistische Verhältnis bei den anderen Sammlungen. Sie alle tun dar, dass die Juden an der Wohltätigkeitspflege erheblich stärker beteiligt sind, als ihrem prozentualen Anteil an der Bevölkerungszahl entsprechen würde. Dabei ist zu berücksichtigen, dass unter den erstgenannten 138 Vereinen spezifisch israelitische Vereine nur in geringer Zahl sind, unter den vier neueren Vereinen in Frankfurt kein jüdischer, und dass von den erwähnten Frankfurter Sammlungen keine einen konfessionellen Charakter hatte (es waren die Sammlungen für die Armenier, die Hinterbliebenen der „Iltisu-Mannschaften, für Weihnachtsbescheerung der Armen-Pflegekinder, für die Unterstützungskasse der Feuerwehr und für die Idiotenansialt in Idstein). Es unterliegt also keinem Zweifel, dass die vorliegende statistische Arbeit den Beweis, den sie angetreten hat, in vollem Masse erbrachte . . , Einschränkung der Einwanderung in die amerikanische Union. Es wird aus Washington gemeldet, dass Abgeordneter Adams im Kongresse eja Bill eingebracht habe, durch welche die Zahl der Einwanderer, welche künftig; innerhalb eines Jahres in den Vereinigten Staaten zugelassen werden soll, nicht mehr als 80 OÜÜ betragen dürfe. Mr. Adams führte aus, es würden durch die Bill nur drei Lander Europas, nämlich Oesterreich- Ungarn, Russland und Italien, aus welchen Ländern die am wenigsten wünschenswerten Einwanderer stammen, berührt. Von der Million Einwanderer des letzten Jahres seien zwei Drittel aus den genannten Ländern, gekommen, und 'aus der Linwan.derungsstatistik gehe hervor, dass trotz der sorgfältigsten lnspektion im abgelaufenen Jahre nur vier Fünftel Prozent von der Einwanderung ausgeschlossen werden konnten. f5 Die Tätigkeit der Dezentralisationsbewegung in Amerika. ^Dezentralisation ist das Schlagwort der führenden ainerikanilfsehen Judenschaft. Verschiedene Vereine, darunter die Jcwish r Agricultural and Industrial Aid Soziety, an deren Leitung sich auch Mr. Cyrus Sulzberger beteiligt, nehmen sich der Sache an. Und nicht ohne Erfolg. Es gelang im Laufe des verflossenen Jahres 5525 Personen aus New-York fortzuschaffen. Während der drei Jahre der Agitation in dieser Richtung wurden überhaupt 10 565 Personen aus New-York nach den ferneren Provinzen fortgeschickt. Die ,,Dispersion.sgcsellschafr' sorgt nicht nur für die Fortschaffung der Juden aus New-York, sondern auch für deren Versorgimg. Es geschieht sehr selten, dass die fortgeschickten Juden nach New-York zurückkehren. So kehrten im Jahre 1903 bloss 1,7% zurück. Die Orte, wohin man gewöhnlich die Juden schickt, sind in West-Amerika gelegen. St. Louis, Cincinnati, Miiwaukee, Detroit, Kansas City. Omaho, Ohio etc." heissen die Provinzen. Zweifellos geht es den Juden dort en.tschied.en besser, da die Bevölkerung nicht so übermässig angewachsen ist, und das Land noch viele unausgenützte Reichtümer hat. Auch an Agrikultur werden dort die Juden sich gewöhnen können. Es wird eine sehr gute Tat sein, den armen, unwissenden Juden, die aus dem russichen Ghetto nach New-York kommen, neue Möglichkeiten zu zeigen, neue Wege zur Entwicklung und zur Wohlfahrt.